24 Wochen

© Neue Visionen Filmverleih GmbH
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Über 99% aller Frauen, die nicht schwanger sind, lehnen eine Spätabtreibung für sich selbst ab. 90% aller Frauen, die in der Schwangerschaft erfahren, dass ihr Kind behindert zur Welt kommen wird, lassen eine Spätabtreibung vornehmen. Dass das nichts mit Verlogenheit zu tun hat und dass die Entscheidung einer werdenden Mutter nicht verurteilt werden darf, zeigt Anne Zohra Berracheds neuer Film 24 Wochen.

Die Kabarettistin Astrid hat mit ihrem Manager Markus eine Tochter und ist nun erneut schwanger. Als die beiden erfahren, dass ihr zukünftiger Sohn das Downsyndrom haben wird, sehen sie sich vor die Entscheidung gestellt, ob sie das Kind behalten wollen oder eine Spätabtreibung in Anspruch nehmen. Sie entscheiden sich für das Kind, doch als dann ein lebensbedrohlicher Herzfehler festgestellt wird, der schwerwiegende Operationen am Säugling erfordern würde, gerät diese Entscheidung heftig ins Wanken.

Die Charaktere sind absolut austauschbar. Unbestritten müssen sie sich schlimmen Situationen stellen und natürlich tragen Umstände zur Charakterentwicklung bei, aber wenn dem Zuschauer keine Motivation geboten wird, sich mit den Protagonisten zu identifizieren und sich für sie zu interessieren, bringt das wenig. Astrid wird in der Filmrealität als erfolgreiche Kabarettistin präsentiert und in der letzten Szene wird das auch scheinbar wichtig für die Rolle. Da gibts nur zwei Probleme: Erstens ist Astrid keine Kabarettistin, sondern Stand-up-Comedian. Ihr Programm, aus dem wir zwei kurze Ausschnitte sehen und von denen einer den Film eröffnet, wirkte auf mich zuerst wie eine Parodie auf Ladykracher. Erst als das Publik (im Film) lachte und applaudierte, wurde mir klar, dass Astrids Witze wirklich gut ankommen sollen. Der erste Ausschnitt beginnt damit, dass Astrid die Bühne betritt und auf ihren schwangergewölbten Bauch deutet: „Na, fällt Ihnen was auf? – Richtig, ich habe neue Schuhe! […] Mir ist ja egal was es wird, Hauptsache ein Mädchen!“ In den 80ern wäre das sicher innovativ und lustig gewesen. Zweitens ist Astrids Argument am Ende Scheinlogik, wodurch ihre Tätigkeit zugeschnitten wirkt, einzig und allein konstruiert, um ihr eine Abschlussrede zu ermöglichen, die jeden überzeugt, der nichts hinterfragen möchte.

Viele Szenen, insbesondere alle mit medizinischem Personal, wurden improvisiert. Ärzte, Krankenschwestern und eine Hebamme spielten sich selbst und bekamen von der Regisseurin die Anweisung, mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel so zu sprechen, wie sie es in der jeweiligen Situation auch mit echten Patienten tun würden. Die beiden Schauspieler sollten dann spontan reagieren. Das erste Arztgespräch ist katastrophal umgesetzt und das Konzept scheint gescheitert zu sein, die restlichen dieser Szenen sind allerdings on point und an Authentizität kaum zu überbieten. Das verleiht dem Film in Teilen einen dokumentarischen Charakter, was sich aber leider nicht immer positiv auswirkt. Zu steril wirkt plötzlich die Atmosphäre, was in einem Krankenhaus zwar naheliegt, in einem Film, mit dem man Zuschauer emotional packen möchte, aber eher kontraproduktiv ist.

Die Improvisation scheint aber auch außerhalb solcher Szenen stattgefunden zu haben, was manchmal zu merkwürdigen Momenten führt. So sagt Astrid einmal „es regnete wie in Strömen“ und man weiß nicht: War das Absicht? Soll sie die korrekte Ausdrucksweise einfach nicht kennen? Dann hätte es aber mehr dieser Szenen geben sollen. Ist sie in diesem Moment emotional so aufgewühlt, dass sie „es regnete in Strömen“ und „es regnete wie aus Eimern“ vermischt? Möglich. Oder hatte man schlicht keine Zeit, einen zweiten Take zu drehen? Unabhängig von der Antwort reißen einen solche Szenen aus dem Filmerlebnis.

Ein andermal stellt sie ihren Ehemann als „mein Freund“ vor. Ob die beiden allerdings wirklich verheiratet sind, wie ich bis zu dieser Stelle den Eindruck hatte, ist schwer zu sagen. Auf IMDb ist von „her husband“ die Rede, im Film wird das Verhältnis aber anscheinend nicht eindeutig vermittelt. Auch Kritiker sind sich uneinig, mal liest man Ehemann, mal Freund. Dass ein Film so eine simple Information nicht konkret vermittelt kann, spricht nicht unbedingt für ihn. Man mag in seinem Sinne argumentieren, dass es keine Rolle spielt und dafür liefert er auch eine dünne Argumentationsgrundlage, aber in diesem Fall hätte sie ihn auch nicht als ihren Freund vorstellen müssen, wodurch der Aspekt des Egalseins negiert wird.

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Dreimal schaut Julia Jentsch direkt in die Kamera, gleichsam den Zuschauer fragend „Was würdest du in meiner Situation tun?“ Dieses Stilmittel ist ziemlich überholt und verfehlte bei mir jegliche Wirkung. Manche Szenen wirken nur angedeutet. Als Astrid bei Markus‘ Geburtstag die Freunde darüber informiert, dass ihr Kind Trisomie 21 haben wird, ruft eine der Anwesenden „Gratulation! […] Die sind so liebenvolle Menschen.“ Man hätte hier zwei Möglichkeiten gehabt: Erstens elaborieren, dass das Diskriminierung ist, die in der Gesellschaft oft nicht als solche wahrgenommen wird. Es ist aus meiner Sicht die beste Lösung, aber zugegebenermaßen ist das nicht Thema des Films, weshalb die zweite Möglichkeit hätte gewählt werden sollen: Man hätte sich auf Astrids Reaktion fokussieren sollen. Auf ihren Denkprozess, was diese Aussage bei ihr auslöst, ob und inwieweit es ihre Entscheidung beeinflusst, das Kind zu behalten. Stattdessen: Nichts. Die Bemerkung wird einfach überspielt, warum war sie überhaupt da?

Aber der Film macht auch einige Dinge verdammt richtig:
Fast alle emotionalen Szenen sitzen und treffen. Julia Jentsch und Bjarne Mädel spielen hervorragend. Der Film behandelt das Thema Spätabtreibung respektvoll und urteilt nicht. Und tatsächlich obliegt die Entscheidung über eine Spätabtreibung niemand anderem als den Eltern (dem Gesetz nach ausschließlich der Mutter) und es gibt kein richtig oder falsch, oder wie Astrid es am Ende sagt: „Die Entscheidung war ein bisschen richtig und ein bisschen falsch.“

24 Wochen ist ein etwas zu langer Film, der emotionale Momente aufzuweisen hat und auf ein Thema aufmerksam macht, das nicht im Bewusstsein der Gesellschaft verankert ist oder gar verdrängt wird. Allerdings verschenkt er viel Potenzial und deutet viel zu viele Themen nur en passant an.

Bewertung: 5/10

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