Amadeus

© Warner Bros Film GmbH
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In der Unterstufe forderte meine Musiklehrerin die Klasse dazu auf, folgenden Satz ins Heft zu notieren: „Jaschar ist ein wandelndes Musiklexikon.“ Mit meinem Fachwissen über Komponisten, darunter vor allem Mozart, sicherte ich mir bei ihr die ein oder andere mündliche 1. Heute ist von dem umfangreichen Detailwissen nicht mehr allzu viel übrig, Mozarts Musik aber hat von klein auf eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt und natürlich habe ich auch Filme über ihn gesehen. Einige waren okay, andere gut. Und dann gibt es noch Amadeus.

Amadeus basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück des vor Kurzem verstorbenen Peter Shaffers, welcher auch das Drehbuch schrieb. Der Film beginnt damit, dass Antonio Salieri 1823 hinter verschlossenen Türen lauthals seinen Mord am 1791 verstorbenen Mozart gesteht und daraufhin versucht, sich umzubringen. Seine Diener können gerade noch rechtzeitig ins Zimmer eindringen und Salieri wird in eine Irrenanstalt eingewiesen. Dem Priester, der ihn dort besucht, erzählt er ausführlich davon, wie er selbst zur Musik kam und wie er Mozart traf, den er bald als den irdischen Gesandten seines Erzfeindes ansehen sollte. Als Salieri dem Priester einige seiner eigenen Stücke auszugsweise vorspielt, erkennt dieser keines davon. Kaum stimmt Salieri Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ an, summt der Priester nach nicht mal zwei Takten freudig mit und uns wird vermittelt: Salieri muss sehr darunter leiden, sich dessen gewahr zu sein, nie an Mozarts Genie oder Ruhm zu reichen.

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F. Murray Abrahams Darstellung des Salieri gehört zu den besten der Filmgeschichte und Tom Hulce als Mozart steht ihm in nichts nach. Beide waren zu recht für den Oscar als Bester Hauptdarsteller nominiert und ich persönlich stelle mir – zugegebenermaßen etwas pathetisch verklärt – gerne vor, dass Abraham die Auszeichnung mit lediglich einer Stimme Unterschied gewann. Verdient hätten ihn beide zu gleichen Teilen, denn nicht nur spielt jeder für sich hervorragend, ihr Zusammenspiel führt einem vor Augen, wie sehr diese Darsteller ihre Rollen verinnerlicht haben. Vielleicht ist der Sieg Abrahams aber auch als der letzte und einzige Sieg Salieris über Mozart zu sehen, der mithilfe der Academy endlich seine Rache nehmen konnte. Eine Nominierung als beste Nebendarstellerin hat Elizabeth Berridge für ihre Rolle als Constanze Mozart nicht bekommen, auch wenn diese durchaus gerechtfertigt gewesen wäre – vor allem wenn man bedenkt, dass sie diese erst bei Drehbeginn übernahm. Unter Formans Regie brilliert der gesamte Cast.

Es hätte keine bessere Besetzung für Mozart geben können als Tom Hulce. Als Salieri Mozart das erste Mal sieht, ist er entsetzt darüber, was für ein infantiler, obszöner Kerl sich hinter dem musikalischen Genie verbirgt. Hulce verkörpert diesen scheinbaren Widerspruch perfekt (und sein Charakter ist sich dessen auch bewusst: „Forgive me, Majesty. I’m a vulgar man! But I assure you, my music is not.“). Salieris Welt wird in ihren Grundfesten erschüttert. Verdankt er seiner Meinung nach seinen bisherigen musikalischen Erfolg Gott, mit dem er einen Pakt geschlossen hat, so bricht er im Laufe der Erzählung mit dem Schöpfer. Immerhin ist es Gott, der ihm Mozart vor die Nase setzt und ihn damit verhöhnt – und das sogar vor den Augen des Kaisers und den anderen Hofkomponisten, als Mozart einen von Salieri komponierten Willkommensmarsch nach einmaligem Hören aus dem Kopf nachspielt, unverblümt kritisiert und Verbesserungsvorschläge vorklimpert. Nicht um Salieri zu demütigen, sondern aus Liebe zur Musik – was der verblendete Salieri natürlich nicht versteht.

Ausgehend davon ist auch der Titel gut gewählt. Obwohl der Protagonist Salieri (einige argumentieren, man hätte den Film „Antonio“ nennen sollen) und der Antagonist Gott ist, geht es doch die meiste Zeit um Mozart, dessen Name heutzutage mit Wolfgang Amadeus Mozart angegeben wird. Amadeus leitet sich von Amadé ab, der französischen Version des eigentlichen Namens Theophilus („Gottlieb“), die Mozart selbst benutzte. Ist es anfangs noch die Liebe zu Gott, die Salieri leitet, schlägt diese immer mehr in Hass um. Der Name bedeutet aber auch „von Gott geliebt“, und so sehr Salieri das gerne wäre – Mozart ist es, dem die Gunst des Schöpfers vergönnt ist. Salieri arbeitet hart, während Mozart sein Talent kaum weiter beachtet und sein Leben versäuft. Dennoch ist es letzterer, der die Anerkennung bekommt, nach der ersterer sich verzweifelt sehnt, Mozart erschafft die großartigen Werke, von denen Salieri träumt. Gottes Wege sind unergründlich oder wie Salieri es im Film während seiner Beichte ausdrückt: „There is no God of mercy, Father. There is a God of torture.“

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Es fällt schwer, etwas Negatives an diesem Film zu finden. Sicher – man könnte ihn für mangelnde historische Akkuratesse kritisieren. Wer historische Fakten über Mozart oder die Zeit, in der er lebte, erhalten möchte, ist mit einer Dokumentation oder einem Sachbuch gut beraten. Wer aber einen brillanten Film sehen möchte, wer versteht, dass ein Film tatsächlichen Ereignissen keine Rechenschaft schuldig ist, wer sich bewusst darüber ist, wer der (möglicherweise unzuverlässige) Erzähler des Films ist, wer eine packende Geschichte miterleben möchte, wer großartige Kameraführung und noch besseres Schauspiel sehen möchte, wer sich von herausragend komponierter Musik verzücken lassen möchte – dem kann Amadeus nicht nachdrücklich genug empfohlen werden.

Die deutsche Synchronisation – die sich als solche oft den Vorwurf von Fehlübersetzungen oder unpassenden Sprechern gefallen lassen muss – beraubt den Film in keinster Weise seines Esprits. Naturgegeben ist sie anders, aber auf ihre Weise dem Original ebenbürtig. Amadeus ist der einzige mir bekannte Film, der in beiden Sprachen gleichermaßen perfekt funktioniert – und zwar bezogen sowohl auf die Dialoge als auch auf die Sprecherstimmen. Ausgenommen hiervon werden muss die deutsche Synchronisation des Director’s Cuts, bei der einige Stimmen und Dialogzeilen ausgetauscht wurden. Im Original aber war der Director’s Cut die ursprüngliche Fassung, bevor sie fürs Kino gekürzt wurde – zu ungewiss war, ob ein derart ungewöhnliches Biopic beim Publikum ankommen würde. Bei seinem Erscheinen 1984 überwältigte Amadeus Kritiker und Zuschauer, und 2002 wurde der Film abermals ins Kino gebracht – diesmal in Form des Director’s Cuts.

Ich sträube mich generell dagegen, einen Film mit der Höchstwertung (oder dem Gegenteil) zu bedenken. 10/10 bzw. 1/10 sind für mich eher abstrakte Konstrukte, virtuell unerreichbare Extreme. Es geht immer noch etwas besser bzw. man findet in jedem Film noch irgendetwas, das nicht furchtbar ist. Amadeus ist – wenn auch einer der sehr wenigen – nicht der einzige Film, dem ich die volle Punktzahl gebe, aber der einzige, den ich als Meisterwerk bezeichne.

Bewertung: 10/10

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