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Anomalisa

© Paramount Pictures Germany

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Charlie Kaufman hat sich mit Filmen wie Being John Malkovich oder Adaption einen Namen als Drehbuchautor gemacht. Für seinen zweiten Film als Regisseur hat er sich die Unterstützung von Duke Johnson gesichert, der bei verschiedenen Projekten Erfahrung mit Stopmotion sammeln konnte.

Michael Stone (verheiratet, ein kleiner Sohn) ist auf dem Weg nach Cincinnati, um dort einen Vortrag über Verbesserungen im Kundenservice zu halten, basierend auf seinem Bestseller „How May I Help You Help Them?“. Dort angekommen, trifft er schon bald auf Lisa, eine bezaubernde junge Frau und Lichtblick in seinem tristen Leben, eine Anomalie eben – er „tauft“ sie Anomalisa. Michael verbringt die Nacht mit ihr und muss am nächsten Tag beim Frühstück feststellen, dass sie doch genau so langweilig ist wie alle anderen Menschen.

Wie schon Kaufmans Regiedebüt Synecdoche, New York ist der ganze Film voller Symbole und Motive. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Michael checkt im Fregoli-Hotel ein – wer am seltenen Fregolisyndrom leidet, glaubt dass die verschiedenen Menschen in seiner Umgebung in Wahrheit nur eine einzige Person sind. Mit Ausnahme von Stone und Lisa haben alle Menschen, die im Film vorkamen, das gleiche Gesicht und alle reden mit derselben Stimme, unabhängig von Alter und Geschlecht. Lisa singt „Girls just wanna have fun“ – ein Song aus dem Album She’s so Unusual. Lisa ist die einzige Frau mit individuellem Gesicht und eigener Stimme, bis Michael beim Frühstück anfängt, an ihr herumzunörgeln und ihre Stimme zu der von allen wechselt.

Am Ende bleibt Michael bezeichnenderweise mit einer singenden Puppe inmitten all der Leute in seinem Haus allein. Zum Schluss sehen wir Lisa und Emma im Auto eine Straße entlangfahren. Lisas Voiceoverstimme geht von der allgemeinen wieder in ihre eigene über, während sie intern ihren Tagebucheintrag monologisiert. Ems Gesicht ist ein individuelles und nicht das von allen.
Aus seiner Begegnung mit Lisa und den Nachwirkungen lernen wir, dass nicht die Welt öde, trist und Einheitsbrei, sondern Michael verbittert ist. Er selbst ist der Zerstörer seines Glücks – oder anders: Jeder ist seines Glückes Schmied.

© Paramount Pictures Germany

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Vielleicht lässt sich Anomalisa frei nach Nietzsche am besten so beschreiben: „Wenn du lange in einen Film blickst, blickt der Film auch in dich hinein.“
Am Ende wird uns klar, dass wir den Film aus Michaels Perspektive sehen und mit ihm alles auf die Umgebung und die anderen Charaktere projizieren. Anomalisa ist kein Streifen, den man sich bei einem gemütlichen Filmabend mit Freunden reinziehen sollte. Es ist eher eine Charakterstudie der menschlichen Psyche und vielleicht werden sich mehr Menschen in Michael wiederfinden als man annehmen könnte. Es ist im Grunde ein sehr trauriger Film, denn auch wenn Michael selbst daran schuld ist, dass Lisa für ihn zu einer 08/15-Person verkommt, hat wahrscheinlich früher in seinem Leben etwas dazu geführt, dass er so wurde. Nun kann er aus den eingefahrenen Strukturen nicht eigenständig ausbrechen und muss seinen Mustern folgen, die stärker sind als der Unwille zur Selbstsabotage. So gesehen wird die Begegnung mit Lisa tiefere Narben hinterlassen, da sie ihm als sein Ausweg aus der Trostlosigkeit schien, doch sobald er sie (bzw. aus seiner Sicht: sie ihn) fallen lässt, landet er wieder in seiner persönlichen Hölle, diesmal allerdings mit dem Wissen, wie der Himmel sein kann und dass er ihn nie erreichen wird.
Vielleicht – aber das ist wohl Wunschdenken – verhilft Anomalisa dazu, dass mehr Leute versuchen werden, Depressionen zu verstehen, welche immer noch von vielen nicht als ernstzunehmende Krankheit anerkannt sind.

Obwohl es Kaufmans kürzester Film ist, beinhaltet er doch hier und da gewisse Längen. Das dürfte daran liegen, dass Anomalisa ursprünglich als Hörspiel und dann als Kurzfilm geplant war, eine überaus erfolgreiche Crowdfundingkampagne ermöglichte jedoch die Streckung auf Spielfilmlänge. Dennoch ist das Pacing nicht schlecht und man kann von einem gut gewählten Stilmittel ausgehen, das die Geschichte unterstützt. Die Kameraführung ist exzellent und oft vergisst man sogar, dass es sich um einen Stopmotionfilm handelt.

Anomalisa ist der erste R-rated Film, der als Bester Animationsfilm für einen Oscar nominiert ist und ich hoffe sehr, dass er ihn gewinnt, auch wenn die Chancen gut stehen, dass der überbewertete Alles steht Kopf das Rennen macht.

Bewertung: 8/10

2 thoughts on “Anomalisa

  1. Zustimmung in allen Punkten. Michaels Unvermögen sich selbst in die Gleichung für sein Unglück mit reinzubringen und es mal mit Selbsterkenntnis zu probieren hat mich regelrecht abgeschreckt. Stattdessen geht er fremd und tut was weiß ich nicht … . Das ist für mich auch absolut nicht konform mit der Werbestrategie die den Film als menschlich und als Feel-Good-Movie verkauft. Das ist es ja nun wirklich nicht. Schade drum. Meine Review geht glaube Sonntag raus, glaube … ich bin gespannt was in der Nacht rauskommt, wer den Goldjungen mitnimmt.
    Ich befürchte auch, dass es Alles steht Kopf wird und auch dem kann ich nicht soviel abgewinnen. Allerdings würde ich mir den Award für Erinnerungen an Marnie wünschen.

    1. Hallo Miss Booleana,

      mittlerweile wissen wir ja, dass Inside Out den Oscar geholt hat (war wirklich keine Überraschung). Mit deiner Review dazu gehe ich größtenteils konform und auch von mir gibts 7/10.

      Bei deiner Review zu Anomalisa verstehe ich nicht ganz, wie du mir in allen Punkten zustimmen kannst, den Film dann aber doch ganz anders siehst. 😀 Zumal wir die Elemente des Films ja in entscheidenden Punkten auch anders empfinden.
      Das an dieser Stelle auszudiskutieren würde aber vielleicht zu weit führen.

      Marnie war für mich eine 7/10. Fand die Geschichte dann doch etwas zu vorhersehbar.
      Dem letzten Ghiblifilm, wenn er es denn ist, hätte man den Oscar aber vielleicht zugestehen können. Verdienter als Inside Out wäre es allemal gewesen.

      Danke für deinen Kommentar und beste Grüße
      JLM

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