Avengers: Age of Ultron

© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
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Das von Marvel kreierte Filmuniversum verdient nichts anderes als Anerkennung. Jahrelange Planung, vorausschauende Verträge mit Regisseuren und Schauspielern, es steckt viel Arbeit in dieser bedacht kohärenten Welt. Diese muss als eines der größten Filmprojekte angesehen werden, legitimiert durch strömende Zuschauer und Fan-Kulturen, die Anfang der Jahrtausendwende wohl keiner bei einer Comicadaption erwartet hätte. Dabei ist ein Gesamtwerk von epischen Ausmaßen entstanden, welches noch Jahre als Vorbild bestehen wird (siehe DC). Wenn man sich aber jeden der Marvel-Filme als einzelnes Werk ansieht, kommt man als kritischer Beobachter nicht umhin zu bemerken, dass nicht wenige sich um das Mittelmaß bewegen. Gerade in ihrer Origins-Phase zeigen nur Iron Man (Meine Wertung zum Vergleich: 7,5/10) aufgrund seines differenzierten Antiheldens und Thor (7/10) mit seiner Shakespeare-ähnlichen Göttertragödie eine gewisse Eigenständigkeit, Captain America: The First Avenger (6/10) und besonders The Incredible Hulk (5/10) haben dagegen kaum Profil und warten mit austauschbaren und relativ uninteressanten Gegenspielern auf. Letzteres trifft auch auf Iron Man und besonders Iron Man 2 (6,5/10) zu, der trotz vereinzelten Stärken befürchten ließ, dass sich sein Held schon ziemlich schnell abnutzen würde. Überraschenderweise wurde die erste Phase mit einem Knall beendet und The Avengers (8,5/10) übernahm trotz einer kaum interessanten Grundstory überwiegend die Stärken der Vorgänger (z.B. Loki als  Bösewicht aus Thor). Man musste keine Helden mehr neu vorstellen und konnte somit eine spaßige Action-Orgie loslassen, die es in sich hatte. Auch das Recasting von Hulk zahlte sich aus, gab Mark Ruffalo eine viel eindrucksvollere Performance ab als Edward Norton im ersten Versuch von 2008.

Die zweite Phase, die nach Avengers: Age of Ultron mit Ant-Man diesen Sommer ihr Ende findet, begann zwar mit einer tonalen Änderung in Iron Man 3 (7/10), welcher aber schon in seiner zweiten Hälfte zu einem abgedroschenen Superhelden-Standard verkam. Thor: The Dark World (5/10) war zwar noch unterhaltsam, konnte aber den Charme und die Frische des ersten Teils nicht wiederholen. Nach absteigenden Zuschauerzahlen bei der Serie Agents of S.H.I.E.L.D. kam die Wende und mit einer übergreifenden Storyline von der Serie ins Avengers-Universum folgte der bis dahin beste Einzelfilm Captain America: The Winter Soldier (9/10), einem sehr bodenständigen Verschwörungsthriller, welcher nur ein paar Monate später von dem Science-Fiction-Spaß Guardians of the Galaxy (9,5/10) abgelöst wurde. Beide Filme wurden von Kritikern wie von Zuschauern gefeiert und zeigten, was bei Marvel noch möglich ist. Entsprechend hoch sind die Erwartungen beim erneuten Aufeinandertreffen der Avengers-Truppe. Und es kann eine Entwarnung geben: Der wie The Avengers von Joss Whedon inszenierte Avengers: Age of Ultron wird seinen Erwartungen gerecht und ist ein würdiger Nachfolger, auch wenn das möglicherweise erwartete Meisterwerk ausbleibt.

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Der Film wirft den Zuschauer sofort in die volle Action. In einem verschneiten Wald rund um ein ominöses Schloss, welches von der Untergrund-Terror-Organisation HYDRA besetzt ist, kommt es zum Showdown mit dem nun wieder kompletten Team der Avengers: Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth), Bruce Banner alias Hulk (Mark Ruffalo), Steve Rogers alias Captain America (Chris Evans), Natasha Romanoff alias Black Widow (Scarlett Johansson) sowie Clint Barton alias Hawkeye (Jeremy Renner). Zusätzlich werden in diesem Kampf die Geschwister Wanda und Pietro Maximoff alias Scarlet Witch (Elisabeth Olsen) und Quicksilver (Aaron Taylor-Johnson) vorgestellt, die aber auf der Gegenseite kämpfen. Im Schloss findet Stark heraus, dass HYDRA an einer Form von künstlicher Intelligenz gearbeitet hat, und somit hat er endlich, was er für sein stillgelegtes Friedensprogramm benötigt. Doch seine Experimente geraten außer Kontrolle und Ultron (gesprochen von James Spader) ist geschaffen, ein Roboter ausgestattet mit künstlicher Intelligenz und dem Willen, die Avengers zu zerstören – im Auftrag des Friedens natürlich. Hilfe bekommt er dabei von den Maximoff-Geschwistern, die immer noch auf Rache sinnen. Dabei haben diese aber keine Ahnung, was für einen diabolischen Plan Ultron wirklich verfolgt.

Nach dem ersten Avengers-Teil bekam Joss Whedon viel Lob für seine Liebe zu den Charakteren. Besonders Banner/Hulk trat eine prächtige Renaissance an, ohne den Inhalt seines ersten Abenteuers komplett zu vernachlässigen. Auch in Avengers: Age of Ultron zeigt Whedon diese Qualität. Banner, dem ein weiteres Einzelabenteuer erstmal verwehrt bleibt, darf unter Whedons Regie seinen interessanten Weg fortführen. Hasste er in The Incredible Hulk noch seinen Zustand  und lernte in The Avengers, sich selber zu akzeptieren, führt sein Weg zu absoluter Abscheu sich selbst gegenüber. Hier wird großes Drama aufgebaut, das besonders in Ruffalos Zusammenspiel mit Johansson zum Tragen kommt, die mit Black Widow aus ihrem Schatten steigt. Jetzt bekommen wir endlich Einblick in ihre Vergangenheit, ihre Wünsche und Gefühle, wie verantwortlich sie sich in der Gruppe fühlt und wie sie Banner helfen könnte, seinen Zustand zu kontrollieren. Interessanterweise widmet Whedon in Avengers: Age of Ultron nicht nur Black Widow als rein menschliches Mitglied viel Zeit, sondern auch dem bisher sträflich vernachlässigten Hawkeye. Sowohl inhaltlich als auch charakterlich wird er einige überraschen, gerade in seiner Wichtigkeit für das Team. Das Casting von Charakter-Darsteller Jeremy Renner zahlt sich nun vollends aus. Gleichzeitig sorgt er für den meisten Spaß mit seinen Onelinern und seiner persönlichen Rivalität mit Quicksilver.

Natürlich bekommen die anderen Helden ebenfalls Gelegenheit zum Glänzen. Zwar hat Tony Stark immer noch die meiste Präsenz, es ist aber nicht mehr so auffällig wie im ersten Teil. Gerade im zweiten Drittel wird bei allen charakterlich tief gegraben, nachdem Scarlet Witch per Fluch den größten Teil des Teams mit den jeweiligen Ängsten konfrontiert. Was das für Bruce Banner bedeutet, ist offensichtlich und führt zu einem imposanten, wenn auch etwas zu lang geratenen Kampf zwischen dem Hulk und Iron Man , der ihn mit dem speziell für einen solchen Fall entwickelten Hulkbuster stoppen will. In dem darauf folgenden, ruhigen Teil des Films verarbeiten die Helden ihre Fieberträume bzw. den Hulkbuster-Fight inklusive der Nachwirkungen dieser Erfahrungen. Hier zeigt Avengers: Age of Ultron seine größte Stärke. Die Verzweiflung und das drohende Zerwürfnis des Teams wird regelrecht spürbar. Leider währt dieser Teil viel zu kurz. Zu schnell muss der finale Kampf gegen Ultron eingeläutet werden.

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Obwohl es aufgrund der spektakulären Schauwerte das Sehvergnügen kaum verringert, fällt dieses Problem bei Avengers: Age of Ultron mehrfach auf. Der Film hat einiges zu erzählen und bei einer beachtlichen Länge von 140 Minuten im Grunde genügend Zeit dafür, er tut dies aber nur bedingt. Der Inhalt und seine potentielle Entfaltung werden zu häufig von ausufernden Actionszenen torpediert. Hatte der erste Avengers-Teil noch eine kaum nennenswerte Geschichte und somit den besten Weg mit seiner ausgefallenen Action-Orgie gewählt, wäre hier das Gegenteil besser gewesen. Ohne Frage fallen die Schauwerte atemberaubend aus, doch bei den vielen Storylines, die angerissen werden, finden nicht alle eine zufriedenstellende Auflösung. Dem altbekannten Sprichwort folgend, wäre auf die Action bezogen weniger wirklich mehr gewesen. Der in Serie und Film sorgfältig aufgebaute Plot um die HYDRA-Verschwörung, welcher Captain America: The Winter Soldier und das Ende der ersten Staffel von Agents of S.H.I.E.L.D. einnimmt, wird in den ersten Minuten abgehandelt und dient mehr dem Schaulaufen der Avengers. Auch Starks Verantwortung bei der Kreation von Ultron wird wenig hinterfragt. In einer kurzen Szene lassen die anderen Helden ihn ihren Zorn spüren, doch zu schnell gibt es eine unausgesprochene Einigung, Streitereien beruhen zu lassen und das Problem aus der Welt zu schaffen. Gerade in Hinblick auf Captain America: Civil War nächstes Jahr hätte hier eine bessere Einführung der Konflikte innerhalb des Teams stattfinden können. Leider werden zugunsten eines übersichtlichen Finales die Grenzen zwischen Gut und Böse wieder klar abgesteckt.

Im Gegensatz zum ersten Avengers-Teil sind hier eine extrem hohe Anzahl von Gastrollen eingebaut, das Ergebnis – abseits einer der beeindruckendsten Besetzungslisten aller Zeiten – ist leider geteilt. Colonel James Rhodes alias War Machine (Don Cheadle) sorgt für das ein oder andere Schmunzeln und es ist auch mal wieder schön, Andy Serkis in der kleinen Rolle als Waffendealer Ulysses Klaw ohne einen Motion-Capture-Anzug zu sehen. Leider bleiben andere bekannte Gesichter aus den Einzelfilmen wie Professor Erik Selvig (Stellan Skarsgård), Sam Wilson alias Falcon (Anthony Mackie), Maria Hill (Cobie Smulders), Peggy Carter (Hayley Atwell) und auch Nick Fury (Samuel L. Jackson) eher blass. Zumindest wird Idris Elba als Heimdall eindrucksvoll eingesetzt und Paul Bettany darf endlich nach seiner nun sieben Jahre langen Vertonung von Tony Starks Computer Jarvis halbwegs sein Gesicht als neuer Held The Vision zeigen. Für die beiden Neuankömmlinge Scarlet Witch und Quicksilver nimmt sich Whedon einiges an Zeit. Die Entscheidung, sie über den Großteil des Films auf der Gegenseite zu platzieren, war dabei sehr sinnvoll, um sie nicht von Anfang an im Team untergehen zu lassen. Leider kommt der Seitenwechsel sowie die Abwicklung ihrer jeweiligen Geschichten am Ende eher als uninspirierte Notlösungen rüber.

Der große Star jedoch ist Ultron. Leider teilt er das gleiche Problem wie Loki und viele andere Bösewichte im Marvel-Universum, nämlich das Fehlen einer interessanten und sinnvollen Motivation hinter seinem Plan. So ist sein logischer Schluss, er könne nur Frieden auf der Welt zu schaffen, indem er erst die Avengers und dann die komplette Bevölkerung auslöscht. Dabei wird kaum erklärt, wie er zu diesem Ergebnis kommt. Er scheint eher nur seiner oberflächlichen Einordnung auf der bösen Seite zu dienen. Seine Darstellung jedoch ist mehr als gelungen. Die Art, wie er sich bewegt und von James Spader einnehmenden Stimme gesprochen wird, ist einmalig. Sein mal spielerisches, mal arrogantes, mal unbeholfenes und mal abgrundtief böses Verhalten machen in zu einem eindrucksvollen Gegenspieler, an dem man viel Spaß hat.

Fazit: Avengers: Age of Ultron wartet mit einem großartigen, wenn auch nicht ganz plausiblen Bösewicht und großen Charaktermomenten von bisher nicht so häufig bedachten Helden auf. Die Action und Effekte sind spektakulär und zeigen wie immer große Klasse, doch bremsen sie eine interessante Handlung aus, die einiges an Potential gehabt hätte. Nichtsdestotrotz hat Joss Whedon ein zweites Mal einen atemberaubenden Blockbuster und würdigen Nachfolger geschaffen, der zu unterhalten weiß.

Bewertung 8,5/10

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