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BERLINALE-Kritik: Crosscurrent (Chang Jiang Tu)

© Just Show Production Beijing

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Der chinesische Wettbewerbsfilm Crosscurrent von Regisseur Yang Chao wird in einigen Beschreibungen als Road-Movie bezeichnet und mutet, ausgehend von seinem filmischen Aufbau, auch so an. Zunächst  ist der Name des Genres irreführend, da hier keine Reise auf einer Straße, sei es nun auf dem Land oder der Highway, gezeigt wird, sondern auf einem Fluss. Doch wiegt dieser Fakt nicht schwer, versinnbildlicht die „Straße“, fest oder flüssig, etwas in der dargestellten Geschichte. Der Fokus eines Road-Movies liegt bei den meisten Vertretern wiederum auf den Stationen, die man auf dem Weg macht beziehungsweise um das Ziel dieser. Homers Odyssee kann man auch als Road-Book bezeichnen, gibt es hier einen langen Weg, einige Stationen und ein Ziel. Crosscurrent hat mit dem majestetischen Fluss Jangste nun seine „Straße“, die auch eine Metapher erfüllt, und einen Protagonisten auf einem Schiff, der sie Station für Station beschreitet. Ist Crosscurrent nun ein, wenn auch nicht klassisches, Road-Movie? Diese Frage muss jeder Zuschauer individuell für sich beantworten, hängt es auch davon ab, ob ein Ende der Reise erwartet wird oder auch ein solches in Frage gestellen werden kann. Yangs Werk liefert nämlich weder dies, noch überhaupt eine Narration, die dazu führen könnte. Statt eine Geschichte zu erzählen, lässt der Film die vorgestellte Reise, in der Anfang und Ende, Raum und Zeit, Innen- und Außenwelt verschwimmen, erleben. Kann der Zuschauer sich darauf einlassen, wird er mit einem toll bebilderten, mystisch überhöhten Trip voll von Poesie über Zeit, Liebe, Vergänglichkeit, Tod und Identität belohnt, alles vor dem Hintergrund des rasanten Wirtschaftsschubs in China.

© Just Show Production Beijing

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Das eine oder andere narrative Element ist in Crosscurrent finden, so muss Chun (Qin Hao) eine Ladung von Punkt A nach Punkt B bringen, gleichzeitig sucht er aber auch eine Frau namens An Lu (Xin Zhi Pei). Doch auch diese Elemente zerfahren sich in den Bildern. Die Ladung bleibt ungezeigt und verschwindet, wenn auch nicht ohne Konsequenz. Aber besonders die Suche nach An Lu erweist sich als Fallenspiel, merkt man schnell, dass Chun sie in jeder Frau sieht, der er auf seinem Weg begegnet. Trifft er sie vielleicht auch nie? Zumindest altert sie nicht und wird sogar jünger. Doch Chun altert. Zwischen dreckiger Schönheit aus industriellen Braun- und Grautönen treibt das Schiff mit Chun in eine Richtung, seine Umgebung und auch die Frauen/An Lu in eine andere.

© Just Show Production Beijing

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Crosscurrent beginnt mit dem Zitat „Die Zeit fließt wie ein Fluss, Tag und Nacht“. In der Folge liest man immer wieder im Film Gedichtszeilen, die aus einem Buch stammen, welches Chun im Schiff gefunden hat. Dieses Buch, anscheinend aus dem Jahr 1989, ist sein Leitfaden, da jedes Gedicht mit einem Ort am Jangtse unterschrieben wird. Der Zuschauer bekommt noch einen allwissenden Erzähler dazu, doch liegt es auch diesem fern, hinreichende Erklärungen zu geben. Somit bleiben Chun und dem Zuschauer nur die eigende Interpretation zwischen den Zeilen, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Nimmt man obiges Zitat, was bedeutet dann flussaufwärts und flussabwärts fahren? Fließt man mit der Zeit oder fließt die Zeit an einem vorbei? Warum scheint An Lu in eine andere Richtung zu fahren als Chun, während sie sich trotzdem mehr oder weniger an den Stationen treffen? Jagt er einer schon längst vergangenen Liebe hinterher? Ist sie die Chance auf ein anderes Leben als das auf dem Schiff seines verstorbenen Vaters, welches er verabscheut? Crosscurrent ist kein Film zum Verstehen, jeder Versuch würde scheitern, es ist ein Film zum Fühlen. Jede offensichtliche Metapher findet immer wieder neue Deutungspunkte. Der ständige Dunst und die verlassenen Orte entlang der Küste stehen für die wirtschaftspolitische Lage des heutigen China, doch der Film bezieht keinen politischen Standpunkt, sondern stellt diese in Beziehung zu Chun und seiner Reise in der Zeit.

Fazit: Dies ist kein Film für Pragmatiker, welche sich bei dieser narrativ zerfahrenen, poetischen Reise eher ausgeschlossen fühlen würden. Doch jeder mit einer Offenheit für ein pur affektives Filmerlebnis wird in Yang Chao’s Crosscurrent eine ganz individuell gestaltete Reise finden, die lange nachhallt. Abgerundet wird diese durch eine genialen Kameraführung, lange Einstellungen voller Schönheit und einem packenden Soundtrack.

Bewertung: 10/10

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