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BERLINALE-Kritik: Genius

© Pinewood Films

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Wer die Biografien vieler Filmregisseure aus der UK durchgeht, wird alsbald entdecken, dass fast alle am Theater angefangen haben. Für manche war es ein weiterer Schritt zum Traumberuf wie beispielsweise bei Danny Boyle. Andere wiederum waren renommierte Bühnenregisseure und wechselten spät das Fach wie Sam Mendes, der mit seinem Debüt American Beauty gleich einige Preise einheimste. Mendes verstand das Medium Film und dessen Unterschiede zum Theater zu nutzen und zeigte mit seinen Folgefilmen ein versiertes Gespür für die Leinwand. Nun wagte sich mit Michael Grandage ein weiterer bekannter britischer Theaterregisseur an ein Filmdebüt mit dem Berlinale-Wettbewerbsfilm Genius. Leider stellt sich hierbei heraus, dass er das Medium Film nicht verstanden hat, schafft er es nicht, eine interessante Geschichte auch entsprechend zu inszenieren. Seine Stärke findet er, wie es sich auch gehört, in der Lenkung seiner überwiegend britischen und australischen Schauspieler, die trotz Fehlbesetzung als Amerikaner gute Leistungen abgeben.

Die Geschichte von Genius dreht sich um den Verleger Max Perkins (Colin Firth), der nach Erfolgen mit F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway Ende der 1920er ein neues Wunderkind sucht und meint, es in dem exzentrischen Thomas Wolfe (Jude Law) gefunden zu haben. Andere Charaktere kommen und gehen, doch im Endeffekt geht es um Perkins‘ Kampf mit und der Zähmung von Wolfes ausufernden, titelgebenden Genie und die Lenkung von dessen Kreativität in erfolgreiche Bahnen. Leider entpuppt sich diese Beschreibung schon als wohlwollend, weiß der Film nicht, was er abseits der Geschichtsstunde erzählen will. Dabei stecken in der Story von hitzigen Kürzungsdebatten in staubigen Büros einige interessante Themen, die Drehbuchautor John Logan auch anklingen lässt. Solche sind beispielsweise Perkins kaum gewürdigte Arbeit hinter den großen Namen, sein persönliches Interesse an Wolfe als den Sohn, den er niemals hatte, die Einsamkeit eines Genies oder einfach nur die Frage, inwieweit Kreativität gekürzt werden kann. Doch keiner dieser Aspekte wird ausreichend ausgebaut, um den Zuschauer am Ball zu halten. Sogar die spannenden Kürzungsdebatten selber, die zwei sehr gute Szenen ausmachen, werden einfach übersprungen. Das Drehbuch bleibt unfokussiert und Grandage sucht keinen Fokus in seiner Inszenierung und konzentriert sich nur auf die Charaktere.

© Pinewood Films

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Diese werden alle gut gespielt. Besonders Firth und Law gehen in ihren Rollen auf, ersterer lässt hinter seiner Zurückhaltung eine Bandbreite an Emotionen erkennen, Law wiederum zeigt diese in explosionsartigen Bewegungen, während er immer wieder den kompletten szenischen Raum einnimmt und sich austobt. Trotz guter Leistungen sind alle anderen nur Beiwerk. Laura Linney als Perkins Frau wird schon von Anfang an undankbar verschenkt, obwohl ihre Geschichte als aspirierende Theaterregisseurin im Schatten ihres Mannes, der seine Arbeit für wichtiger als ihre hält, mindestens genauso spannend ist. Nicole Kidman als einnehmende Freundin von Wolfe spielt sich anfangs immer wieder in die Haupthandlung von Genius, verschwindet aber irgendwann einfach mit einer unbefriedigenden Auflösung. Ärgerlicher jedoch sind die Auftritte von Guy Pearce als Fitzgerald und Dominic West als Hemingway, die eher als Ablenkung beziehungsweise unnötiger Einbezug großer historischer Namen eingestuft werden müssen. Die zwei Szenen zwischen Wolfe und Fitzgerald, welche  unterschiedlicher nicht sein können in Art und Phase ihres Schreibens, zeigen zwar viel Potential, werden aber einfach wieder fallen gelassen. Sowieso wird der historische Kontext kaum wahrgenommen, so wird das gezeigte Frauenbild in keinster Weise hinterfragt. Auch fehlt irgendein Bezug auf weibliche Autorinnen in der Zeit. Überraschend ist das aber kaum, bedenkt man die beiden vorhandenen, aber vernachlässigten Frauencharaktere des Films.

© Pinewood Films

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Das große Problem an der Besetzung ist nicht ihre Leistung, doch die Schuld darf man nicht alleine beim Drehbuch von Genius suchen. Bis auf Laura Linney sind alle obigen Schauspieler fehlbesetzt aus einem einfachen Grund: sie sind keine Amerikaner und können den kundigen Zuschauer auch nicht von etwas anderem überzeugen. Immer wieder gab es Kritik, wenn amerikanische Schauspieler britische Rollen übernahmen und am Ende natürlich nie einen angemessenen Akzent abgeben konnten. Das gleiche gilt aber auch anders herum. In der Besetzung aus zwei Australiern (Kidman, Pearce) und drei Briten (Firth, Law, West) schafft es gerade mal nur Jude Law, seinen angelernten amerikanischen Akzent konstant zu halten, was aber auch nur daran liegt, dass er ein sprachliches Over-Acting durchzieht. Auf eine gewisse Weise ist das zwar respektabel, trotzdem geht das schnell auf die Nerven und stört noch zusätzlich die holprige Story.

Fazit: Mit einem schlechten Ohr für Akzente mag man über die Fehlbesetzung des fast kompletten Casts hinwegsehen und deren wirklich guten Leistungen genießen. Abseits davon hat Theaterregisseur Michael Grandage aber nichts in seinem Filmdebüt Genius zu bieten, dessen langweilige Inszenierung die Schwächen des Drehbuchs zu allem Überfluss noch akzentuieren. Als Geschichtsstunde mit Lücken kann der Film dienen, da die Story interessant ist, nur fehlt ihr eine ansprechende Gestaltung.

Bewertung: 4/10

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