BERLINALE-Kritik: Midnight Special

© Warner Bros. Pictures Germany
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Auf der Berlinale 2007 stellte der noch unbekannte Jeff Nichols sein Erstlingswerk Shotgun Stories vor. Auch sein Darsteller Michael Shannon war zu diesem Zeitpunkt eher noch ein unbeschriebenes Blatt, bevor in einer intensiven Nebenrolle in Revolutionary Road auf sich aufmerksam machte und dann in Werner Herzogs My Son, My Son, What have Ye Done gecastet wurde. Die schonungslos realistische Rachegeschichte Shotgun Stories, gedreht in Nichols’ Herkunft Arkansas und teils auf seinen Kindheitserinnerungen basierend, wurde mit offenen Armen aufgenommen und landete sogar auf der Bestenliste des renommierten Kritikers Roger Ebert. Doch es dauerte vier Jahre, bis Nichols 2011 sein zweites Werk Take Shelter rausbrachte, wieder mit dem nun besser bekannten Michael Shannon in der Hauptrolle. Das psychologische Drama über eine Mann und seine Paranoia, seine Familie vor einer kommenden Sturmkatastrophe beschützen zu können, schlug ein und nur ein Jahr später dreht er, immer noch im Independent-Gewand, Mud mit Matthew McConaughey, in dem Shannon diesmal eine Nebenrolle spielte. Es dauerte wieder vier Jahre, doch Nichols’ vierter Film Midnight Special durfte wie schon sein Erstling neun Jahre früher das Licht der Welt auf der Berlinale erblicken. Einiges hat sich geändert: größeres Budget, bekannte Schauspieler, hochtrabende Spezialeffekte. Doch wichtiger ist zu schauen, was sich nicht geändert hat. Nach einer tiefverwurzelten Fehde (Shotgun Stories), Angst um das Versagen, die eigene Familie zu beschützen (Take Shelter) und das Erwachsenwerden ohne familiären Halt (Mud) bleibt bei Midnight Special das Thema weiterhin Familie und konzentriert sich auf den Urinstinkt der Vaterschaft. Wieder dabei ist Michael Shannon in der Hauptrolle des Vaters Roy, der sein Kind Alton (Jaeden Lieberher), welches Superkräfte besitzt, vor der Regierung und einer Sekte beschützen muss. Und nicht zuletzt ist die hohe Qualität zurück, die Nichols’ Werke auszeichnet, womit er den Ruf als einer der besten und beständigsten Independent-Filmer mehr als verdient hat.

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Dabei fühlt sich Midnight Special nicht neu an. Im Gegenteil, der Film erinnert an eine längst vergessene Art von Film, der irgendwo zwischen einem bedacht inszenierten Road-Movie und Verschwörungsthriller den Zuschauer über das Ungewisse staunen lässt. Es lassen sich besonders zwei Vorbilder ausmachen, die von der gleichen Person geschaffen worden sind: Close Encounters of the Third Kind (1977) und E.T. the Extra-Terrestrial (1982) von Steven Spielberg. Wunderbar altmodisch lässt Nichols die Bilder sprechen, ohne den Plot, die Figuren oder das Ungewisse zu Tode zu erklären. Überraschend ist dabei eher, das sowas heutzutage als Risiko angesehen wird. Es dauert einige Zeit, bis der Zuschauer die Situation und die handelnden Personen in ein Gesamtbild bringen kann, doch währenddessen bleibt man ganz nah an den interessanten Charakteren.

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Diese werden dabei bis in die kleinste Nebenrolle großartig gespielt, einerseits Nichols’ Mud-Schauspieler Paul Clark als etwas überforderter FBI-Agent und Sam Shepard als ruhig-berechnender Sektenführer, andererseits aber auch neue Gesichter. Während Kirsten Dunst als besorgte Mutter und besonders Joel Edgerton als treuer Weggefährte ohne langen Hintergrundgeschichten emotionale Performances abgeben, sticht auch besonders der aufstrebende Adam Driver als unaufdringlicher NSA-Spezialist heraus, der für einige witzige Szenen in Midnight Special verantwortlich ist. Doch der eigentliche Star des Films ist natürlich Nichols’ Veteran Michael Shannon, der hier eine seiner besten Leistungen abgibt. Die Reise, die Roy mit seinem Sohn durchlebt ist auch eine Reise in das Leben eines Vaters, dessen Fähigkeit sein Kind zu beschützen, auf eine harte Probe gestellt wird. Hin- und hergerissen zwischen Liebe, Vorsicht und Unverständnis über die (Super-)Kräfte von Alton arbeitet Shannon hingebungsvoll die vielen Aspekte seines Charakters ab, ohne dessen Fehler zu verschleiern.

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Auf dem technischen Level ist Midnight Special erstklassig. Nichols inszeniert immer wieder das Übernatürliche und zeigt dies in atemberaubenden Bildern. Verbunden mit den Konventionen des Road-Movies lässt sich der Film nach Mud als ein weiterer Schritt Richtung eines wohlwollenden Mainstreampublikums verzeichnen, was möglicherweise eine Berlinale-Jury abschrecken könnte. Nichols biedert jedoch nicht an, dafür ist sein Mut zu erzählerischen Lücken zu groß, aber die ansprechende Inszenierung wird dem Film zu einem breiteren Publikum verhelfen, ohne dass Nichols’ originale (und originelle) Version auf der Strecke bleibt.

Fazit: Nichols’ viertes Werk Midnight Special befasst sich mit der emotionalen Tiefe der Angst vor dem Ungewissen verglichen mit der Angst um das eigene Kind. Ohne viele Erklärungen wird der Zuschauer durch die Charaktere in eine Mischung aus Road-Movie, Verschwörungsthriller und Märchen reingezogen, wobei nie der realistische Bezug außer Acht gelassen wird. Mit einem bis in die kleinsten Rollen perfekt spielenden Cast, allen voran einem glänzenden Michael Shannon, zeigt sich Nichols im höchsten Maße originell, obwohl sein Film gleichermaßen eine Hommage an ein fast vergessenes Spielberg-Kino beschreibt.

Bewertung: 9,5/10

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