Black Mass

© Warner Bros. Pictures Germany
© Warner Bros. Pictures Germany

James J. Bulger, besser bekannt unter dem Namen „Whitey“ Bulger, wurde in 32 Fällen von Racketeering, Geldwäsche, Totschlag und Waffenvergehen sowie Beteiligung an 19 Morden angeklagt, in 31 Fällen wurde er schuldig gesprochen und im Endeffekt zu zweimal lebenslänglich plus fünf Jahre für Racketeering und elf Morde verurteilt. Dies geschah im November 2013, Bulger war 84 Jahre alt. Die Verbrechen werden aber auf eine frühere, unangenehm lange Zeitspanne datiert beginnend 1975 bis zu seinem Verschwinden 1994. Wie konnte der irische Mafiaboss so lange ungeniert sein Unwesen in Boston treiben? Black Mass von Regisseur Scott Cooper (Crazy Heart, Out of the Furnace) versucht eine Antwort zu skizzieren, doch leidet dieser trotz zweier meisterhaften Leistungen von den Hauptdarstellern Johnny Depp und Joel Edgerton sowie der Detailverliebtheit bei der Wiedergabe der Epoche an einer zu trockenen Aufzählung der Geschichtsfakten, die weder Raum für die zahlreichen Nebencharaktere lässt, noch einen Einblick in die Wirkungsmechanismen von Bulgers geschaffenen Mikrokosmos geben kann.

© Warner Bros. Pictures Germany
© Warner Bros. Pictures Germany

Auch wenn es bisher keine wirkliche Verfilmung von Bulgers Leben gibt, ist er kein ungeschriebenes Blatt in Film und Fernsehen. So war sein Verhältnis zu seinem Bruder Billy, welcher in der gleichen Zeit Politiker war, Vorlage zu der kurzlebigen Serie Brotherhood (Showtime, 2006-08). Doch das bekannteste Beispiel ist Martin Scorseses The Departed, in welchem der von Jack Nicholson gespielte Gangsterboss Frank Costello auf Bulger basierte. Der dadurch erzeugte, fade Beigeschmack, benutzte Scorsese doch das Vorbild eines real existierenden Massenmörders für sein schillerndes Gangsterporträt ohne kritische Hinterfragung, stellt sich bei Black Mass nicht ein. Die Figur von Whitey Bulger (Johnny Depp) wird als widerlicher Psychopath eingeführt, der unangenehm berechnend ist, aber auch skrupellos selber zur Waffe greift. Cooper geht aber noch einen Schritt weiter und benutzt eine genauso schäbige zweite Hauptfigur auf der anderen Seite des Gesetzes, den korrupten, von Bulger manipulierten FBI-Agenten John Connolly (Joel Edgerton). Diese Entscheidung, welche dem Zuschauer keinen Sympathie-Charakter erlaubt, macht dabei Sinn, ist die Antwort auf die in der Einleitung gestellte Frage so einfach wie gruselig. Bulger galt früh als Connollys Informant und konnte sich mit ausgesprochener Immunität sowohl seiner Konkurrenten (der italienischen Mafia) entledigen und sein kriminelles Imperium ausbauen.

© Warner Bros. Pictures Germany
© Warner Bros. Pictures Germany

Der Sprengstoff dieses dunklen Kapitels der Geschichte der US-amerikanischen Bundespolizei verpufft leider schnell, geht es Black Mass mehr darum, viele Geschehnisse im Stile eines Wikipedia-Artikels abzuarbeiten. Darunter leidet nicht nur die Dramaturgie von Black Mass, sondern auch das Verständnis für das komplexe Geflecht von Bulgers Imperium. 2014, kurz nach Bulgers Verurteilung erschien die empfehlenswerte Dokumentation Whitey: United States of America v. James J. Bulger, die neben dem Prozess mit Hilfe von Interviews mit FBI-Agenten, Bulgers Anwalt, Familien der Opfer, Verbrecher, Journalisten und Polizeibeamten auch dieses Geflecht rekonstruiert. Auch wenn man diese erschreckende Vielschichtigkeit dabei kaum filmisch in zwei Stunden einfügen kann, versucht sich Black Mass nicht einmal an einer Skizze. Wie Bulger sein Geld erhält, erfährt man genauso wenig wie was er damit macht. Die abgehackte Fakteninszenierung lässt genauso wie den Kontext von Bulgers Organisation als auch die agierenden Nebenpersonen der Geschichte zu kurz kommen. So großartig die Besetzung auch ist, viele der Akteure werden vernachlässigt. Die Charaktere sind dabei so generiert geschrieben, dass erfahrene Schauspieler wie Kevin Bacon, Julianne Nicholson, W. Earl Brown, Corey Stoll und Jesse Plemons ihre Rollen schauspielerisch nicht aufwerten können. Zumindest Peter Sarsgaard weiß in seinen drei kleinen Szenen als misstrauischer Killer und später komplett angsterfüllter Flüchtling vor Bulger zu überzeugen.
Überraschend kann der in anderen Projekten sonst wenig auffällige Rory Cochrane als Bulgers rechte Hand und Freund Steve Flemmi in einigen Szenen auf sich aufmerksam und seinen inneren Konflikt spürbar zu machen, muss er die kontroversen Entscheidungen und Gräueltaten Bulgers vor seiner persönlichen Beziehung zu diesem immer wieder rechtfertigen. Einen ähnlichen Konflikt hätte auch bei Whitey Bulgers Bruder Billy, der zu der Zeit Gouverneur von Massachusetts war, bearbeitet werden können, eine Thematik, die ja auch schon in der oben genannten Serie Brotherhood als Vorbild diente. Der prominent mit Benedict Cumberbatch besetzte Billy Bulger ist zwar in mehreren Szenen zu sehen, in denen Cumberbatch auch die nötige Präsenz eines Politikers zeigt, doch die Divergenz zwischen familiärer Bindung und die Abgrenzung aufgrund beruflicher Fügung findet kaum Geltung. Gerade die politische Komponente in James Bulgers Imperium wäre durch diese Verbindung ein interessanter Ansatz für die Geschichte gewesen. So steht ein Charakterkopf wie Cumberbatch aber auf verlorenen Posten und darf nur an der Oberfläche mit oder über dessen Rollenbruder sprechen.

© Warner Bros. Pictures Germany
© Warner Bros. Pictures Germany

Gegen dieses vernachlässigte Potential stehen aber die beiden überragenden Hauptdarsteller Johnny Depp und Joel Edgerton. Gerade ersterem merkt man an, dass er sich nach den Flops und negativen Kritiken mit Black Mass beweisen will. Auch wenn er nicht vollständig auf sein schon als Trademark geltende Make-up verzichten kann, zeigt er eine mimisch ausdrucksstarke Leistung durch eine angsteinflößende Mischung aus berechnendem Kalkül und psychopathischer Veranlagung. Seine Präsenz nimmt jede Szene vollkommen ein und versprüht eine unangenehme Atmosphäre, die den gefürchteten Gangster ausmacht. Die oben gelobte Leistung der puren Angst von Peter Sarsgaard als Brian Halloran schlägt nur so gut ein, weil der Zuschauer dessen Furcht absolut nachvollziehen kann. Den Höhepunkt dabei findet Depp in einer kurzen aber effektiv beunruhigenden Szene mit John Connollys Frau (Julianne Nicholson), die er an der Schlafzimmertür besucht. Dieser Mensch macht vor nichts halt und ist dennoch beängstigend gelassen, sei es auch nur, weil John Connolly (der FBI-Agent unter seinen Fittichen) sich erlaubt, ihm Kontra zu geben.

© Warner Bros. Pictures Germany
© Warner Bros. Pictures Germany

Joel Edgerton legt diesen John Connolly genauso ambivalent aus, wie es die Rolle eines Agenten fordert, der das Gesetz vertreten will, gleichzeitig aber beide Augen bei Bulger zudrückt und dessen Verbrechen sogar schützt. Es ist eine schwierige Aufgabe, doch Edgerton meistert sie mit Bravour. Er pendelt glaubwürdig zwischen der überheblichen Genugtuung, dass sein Vorhaben, mit den Informationen von Bulger viele Kriminelle zu fangen, Früchte trägt, und der unterdrückten Erkenntnis, dass er damit nicht nur Monster schützt, sondern auch schafft, trägt er ja dazu bei, dass Bulgers Konkurrenz aus Boston verschwindet. Der innere Kampf, den seine Selbstgefälligkeit mit seinem letzten Gefühl von Anstand austrägt, ist im Verlauf des Films immer mehr zu spüren. Wie der Zuschauer wartet er vergebens auf seine Resignation, die Wahl einer Seite. Die Stärke seiner letzten Szene unterstreicht noch einmal deutlich diesen Spiegel, ist er mit dem Ende der ganzen Aktion doch genauso unzufrieden wie der Zuschauer. Trotzdem schleicht sich eine Erleichterung ein, denn diese Unzufriedenheit basiert auf dem Unverständnis seiner Taten, und dieses Unverständnis scheint er zu teilen. Wie weit sich dieser Umstand von dem realen Vorbild unterscheidet, ist kaum zu klären, doch hier zeigen die Macher von Black Mass extrem viel Mut, der sich mit Edgerton auch auszahlt.

Fazit: Black Mass lässt viel Potential aus der Geschichte von James „Whitey“ Bulger liegen und vergeudet teilweise eine großartige Besetzung, doch zwei karrierebestimmende Leistungen von Johnny Depp und Joel Edgerton sorgen dafür, dass der Film nicht an seiner Faktenerzählung erstickt. Beide Schauspieler haben Charaktere geschaffen, die jeder auf ihre Art genauso beunruhigend wie unterhaltsam sind und dadurch in keiner Minute Langeweile bei der Geschichtsstunde aufkommen lassen. Dieser Faktor und eine schön anzusehende, authentische Ausstattung, die die Zeit gut einfängt, runden den Film dann doch noch ganz gut ab.

Bewertung: 7/10

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.