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Boy 7

© Arena

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Chiko ist der vielleicht beste deutsche Gangster- und Blutzbrüdaz der beste deutsche Hiphopfilm. Beide stammen von Regisseur Özgür Yildirim, der sich nun mit Boy 7 erneut einem für deutsche Filme ungewohnten Genre widmet hat: der Dystopie.

Boy 7 beginnt mit einem jungen Mann (David Kross), der ohne Erinnerung in einem U-Bahn-Tunnel aufwacht. Während er ziellos durch den Bahnhof läuft, wird er von einem Polizisten gestellt, der erfolglos versucht den Protagonisten festzunehmen. Mag der Kopf auch leer sein, die Hosentaschen sind es nicht: Eine Visitenkarte weist den Weg in eine Bar, auf dessen Toilette ein offenbar von ihm selbst vollgeschriebenes Notizbuch zu finden ist. Nun um die Kenntnis seines Namens reicher wird Sam mit der aus dem Nichts auftauchenden Lara konfrontiert, der ebenfalls die Erinnerungen fehlen und die genau wie er eine Brandwunde an der linken Handinnenfläche hat. Gemeinsam mit ihr und den Notizen geht er seiner Vorgeschichte auf den Grund.
Da Sam dabei erwischt wurde, wie er für eine Mitschülerin die Zeugnissoftware der Schule hackt, wird er zur Resozialisierung im Erziehungsinstitut „Kooperation X“ verurteilt. Dort findet er schnell Anschluss zu den anderen Straftätern, bemerkt aber auch, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Der Film lebt von Zufällen, Exposition, plot devices und Logiklücken. Dass Sam einfach so im Klokasten einer als defekt deklarierten Toilette eines Restaurant nachschaut und das Notizbuch findet, ist schon hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit. Ob es im Fall einer versuchten Schulnotenfälschung tatsächlich zu einem Gerichtsverfahren kommt, weiß ich nicht, es erscheint mir aber – wie die Gerichtsverhandlung selbst – ziemlich forciert.
Den Texten im Notizbuch mangelt es an Authentizität, sie wirken weniger wie von Sam als Gedächtnisstütze geschrieben, sondern sind vielmehr ein Ersatz für Voiceovererzählung um auf die Rückblenden überzuleiten. Darüber hinaus „erinnert“ Sam sich an Ereignisse, bei denen er nicht dabei war und/oder die stattfanden nachdem das Tagebuch bereits zu Ende ist.
Die Kameraführung ist solide, oft wirkt der nahezu dauerhaft verwendete dutch angle gut eingesetzt, ab und zu erscheint er aber auch fehl am Platze. Die Eröffnungssequenz, in der wir einem Egoshooter gleich Sams Sicht einnehmen und ihm gleichsam orientierungslos die Gegend erkunden, ist sicherlich die am besten inszenierte des Films.
Der Cast ist gut, allen voran Jens Harzer, der in seiner Rolle als Antagonist Isaak vollkommen aufgeht. Wäre die Figur nicht so klischeebehaftet, hätten wir hier einen formidablen Bösewicht, so bleibt uns nur hervorragendes Schauspiel und der Wunsch nach mehr.

Boy7.2

© Koch Media

Der Erfolg von Die Tribute von Panem und in geringerem Maße auch Die Bestimmung oder Maze Runner dürften wesentlich dazu beigetragen haben, dass ein Film wie Boy 7 aus Deutschland überhaupt möglich war. Beschwerden über den Mangel an deutschen Genrefilmen sind Legion, ebenso wie die ephemere und überwiegend negative Rezeption der wenigen Erscheinungen (man erinnere sich – oder eben auch nicht – an Tim Fehlbaums Hell).
Das war nicht immer so. In den 20er- bis in die frühen 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts dominierten deutschsprachige Regisseure wie Lang, Murnau oder Pabst das Genrekino weltweit mit wegweisenden Filmen. Nach der Machtergreifung der Nazis verschwand mit den notgedrungen flüchtenden Filmgrößen auch das Genrekino aus Deutschland. Möglicherweise möchte Boy 7 auf dessen Spuren wandeln, wenn sich der Direktor der „Kooperation X“ seinen Nachnamen mit dem Herrscher aus Metropolis teilt. Auch die teilweise düstere Inszenierung mag Reminiszenz an die glorreiche Zeit des deutschen Films sein, Regisseur und Schauspieler kommen jedoch nicht gegen das vorhersehbare, klischeebehaftete und defizitäre Drehbuch an.

Festzuhalten bleibt: Boy 7 darf nicht der letzte deutsche Genrefilm werden, gerne aber der letzte mittelmäßige.

Bewertung: 5/10

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