Child 44

© Concorde Filmverleih GmbH
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Es gibt keinen Mord im Paradies. Wenn das gemeinte Paradies die Sowjetunion Anfang der 50er ist, wird schnell klar, dass Mord absolut möglich ist. Der Thriller Child 44 behandelt in diesem Setting nicht nur einen, sondern gleich eine ganze Serie von Morden an Kindern, die über Jahre tot an Bahngleisen aufgefunden wurden. Doch erst beim vierundvierzigsten Kind wird der MGB-Offizier Leo Demidow (Tom Hardy) aufmerksam, da es sich um den Sohn seines Arbeitskollegen Alexei Andreyev (Fares Fares) handelt, und auch nur weil sein Chef Major Kuzmin (Vincent Cassel) ihm rät, diesen zu beruhigen. Denn Mord ist eine rein kapitalistische Krankheit und kann insofern nicht im Paradies vorkommen. Leo kann jedoch nicht von den Ermittlungen lassen und während er Verbündete in seiner Frau Raisa (Noomi Rapace) und General Nesterov (Gary Oldman) findet, muss er sich gegen ein Regime der Unterdrückung stellen, welches mit aller Macht versucht, eine solche Mordserie zu vertuschen.
Das hört sich erstmal nach harter, aber spannender Thrillerkost mit vielen politischen Untertönen an, doch leider entpuppt sich Daniel Espinosas Verfilmung von Tom Rob Smiths Bestseller aus dem Jahre 2008 als ein Reinfall auf fast allen Ebenen. Die amerikaisch-britisch-rumänisch-tschechische Koproduktion Child 44 kann weder als Thriller, noch als differenzierte Auseinandersetzung mit der Sowjetunion unter Stalin, noch als Star-Vehikel überzeugen. Einzig Tom Hardy, das umfassende Produktionsdesign und die fühlbar drückende Atmosphäre retten den Film vor der totalen Belanglosigkeit.

Dabei fällt das Grundproblem schon in den ersten Minuten auf. Es wäre unvorstellbar, würde sich ein russischer Regisseur einem Projekt über die Nachkriegszeit in Großbritannien annehmen, ihn aber nur mit russisch sprechenden Schauspielern besetzen. Diese Arroganz nimmt sich nun aber Child 44 im Umkehrschluss. Geradezu beleidigend jedoch ist, alle Akteure ihr Englisch in einem starken russischen Akzent sprechen zu lassen. So tummeln sich Briten, Schweden, Dänen, Australier, Franzosen und andere Nationalitäten abseits der russischen in dem Film und imitieren einen Akzent, während sie versuchen ihren eigenen zu vertuschen. Neben vielen Totalausfällen könnte man Tom Hardy für seinen Versuch noch wirklich loben, wäre ein solches Vorhaben nicht schon von vornherein ein lächerliches Unterfangen.
Abseits der Sprache fallen die Drehorte und die Ausstattung sehr authentisch und detailreich aus. Gerade die Szenen in Moskau, welche überwiegend in Prag gedreht worden sind, zeigen eine Liebe zum Detail, die bis tief in die Bilder zu erkennen ist. Das Setting wirkt dadurch real und lässt die repräsentierte Zeit spürbar werden. Die geschaffene Welt wird somit nicht nur im zeitlichen Kontext gesehen, sondern auch erfahren. Ein wichtiger Punkt, war die Sowjetunion für den Rest der Erde eine gefühlte Parallelwelt. Es entsteht dabei eine bedrückende Atmosphäre, der sich der Zuschauer kaum entziehen kann.

Espinosa nimmt sich zu Beginn und auch immer wieder in Teilabschnitten des Filmes Zeit, diese Atmosphäre inhaltlich zu unterstützen. Leider verliert er sich dabei zu oft in einem ungewollt hektischen Mix aus dem Versuch, ein umfassendes politisches und soziales Bild der Stalin-Ära zu skizzieren, und dem Vorantreiben der Thrillerhandlung. Hier zeichnet sich das größte Problem von Child 44 ab. Er versucht viele Themen wie Unterdrückung durch den Staatsapparat, Korruption, Denunzierung, Verklärung von realen Ereignissen und auch Verfolgung von Homosexuellen anzuschneiden, doch gelingt ihm das nur in einer solch oberflächlichen Weise, dass der Zuschauer geneigt ist, den Film als hohle Anti-Russland-Propaganda abzutun. Gerade durch die zeitliche Verschiebung in die Vergangenheit wäre eine differenziertere Darstellung willkommen gewesen, um dem Film auch eine aktuelle Note zu verschaffen. Die Mechanismen werden nur gezeigt, aber eine Erklärung der Funktionsweise bleibt aus.

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Gleichzeitig vernachlässigt Espinosa seine Handlung. Der Fall um die verschwundenen Kinder wird viel zu häufig aus den Augen verloren und mit Ausnahme von Leo bekommt kein Akteur eine plausible Motivation. Warum Raisa so lange an Leos Seite bleibt, ist genauso fraglich wie der Grund warum Nesterov in einer Szene Leo droht, ihn und seine Nachforschungen zu begraben und in der nächsten seinen treuen Hund spielt. Insgesamt fällt Raisa als eine sehr schwach gezeichnete Frauenfigur aus. Der Versuch, ihr eine starke Psyche und Willenskraft einzuschreiben, jede Handlung von ihr aber kontra dazu laufen zu lassen, ist geradezu ärgerlich. Auch Bösewicht und Leos Erzfeind Vasili Nikitin (Joel Kinnaman) bleibt eine karikative Randfigur, deren Absichten bis zum Ende nicht geklärt werden. Seine angeblichen Gefühle für Raisa sind weder glaubhaft noch realistisch.

Ein weiteres Problem sind die absolut grauenhaften Actionszenen. Es ist kaum zu fassen, dass Espinosa, der mit Safe House einen launischen Actionthriller inklusive einer atemberaubenden Kampfszene zwischen Ryan Reynolds und Joel Kinnaman, der hier wieder beteiligt ist, gemacht hat, gerade in diesen so versagt. Doch auch er ist dem Irrglauben zum Opfer gefallen, dass eine mit Shaky-Cam gedrehter Actionszene den realistischen Eindruck erhöht. Das Ergebnis stiftet eher Verwirrung in den jeweiligen Szenen und nimmt ihnen den emotionalen Punch, weil der Zuschauer eigentlich nur darauf wartet, das Endresultat zu sehen. Es gibt einige Beispiele, wie eine Handkamera eine Actionszene realistisch einfangen kann, die Clubszene in Collateral mit Tom Cruise oder der Action-Zweiteiler The Raid aus Indonesien springen da ins Gedächtnis. Und Paul Greengrass hat mit The Bourne Ultimatum gezeigt wie eine perfekte Shaky-Cam einzusetzen ist. Child 44 wird sich in dieser Rubrik aber zu desaströsen Beispielen wie Taken 3 gesellen müssen. Die Schande ist, dass mit Tom Hardy einer der besten körperlichen Darstellern neben Tom Cruise und Keanu Reeves dabei ist, was er in mehreren Filmen, besonders Bronson, unter Beweis stellte. Und auch Noomi Rapace zeigte solche Qualitäten in der originalen Verblendung-Trilogie.

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Am Ende bleibt ein ziemlich großes Staraufgebot, doch auch dieses kann wenig überzeugen. Einzig Tom Hardy kann in seiner Rolle durch nuanciertes Spiel zwischen bulliger Präsenz und verletzlichem Kern überzeugen. Wie schon in seinen vorherigen Rollen verleibt er sich die Figur ein und gibt eine beherzte Darstellung, auch wenn sie um Einiges hinter seinen Meisterleistungen des letzten Jahres aus Locke und The Drop steht. Rapace und Kinnaman versuchen wiederum gar nicht erst, gegen ihre schlecht geschriebenen Figuren anzuspielen. Gary Oldman kann man dagegen keine Vorwürfe machen, taucht er erst nach der Hälfte auf und wird mit sehr wenig Szenen bedacht. Genauso undankbar wird der Rest des namhaft besetzten Casts behandelt, haben Schauspieler wie Vincent Cassel, Jason Clarke, Paddy Considine sowie das Dezernat-Q-Team aus den Adler-Olsen-Verfilmungen Fares Fares und Nikolaj Lie Kaas kaum mehr als geschätzte fünf Minuten für ihre Rollen.

Fazit: Child 44 weiß weder als spannender Thriller, noch als zeitgeschichtliches Drama zu überzeugen. Dazu wird mit nervigen Actionszenen, schlechter Figurenzeichnung und der Entscheidung, auf Englisch mit grauenhaften Imitationen eines russischen Akzentes zu drehen, nicht nur ein namhafter Cast verschenkt, sondern dem Film auch fast jede halbwegs rettende Qualität genommen. Zumindest Tom Hardy gibt eine beherzte Darstellung ab und das detaillierte Produktionsdesign inklusive der eingefangenen Atmosphäre zeigt sich stimmig.

Bewertung: 3,5/10

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