Child of God

©  RabbitBandini Productions
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Lester Ballard legt sein Gewehr nie aus der Hand, er ist der Mann, der einsam durch die Wälder streift, manchmal laut vor sich hin redend unbehelligte Autofahrer erschreckt, rastlos wie ein Tier und so grausam wie ein Kleinkind spielt, redet und scheinbar niemals schläft. Die Bewohner der Gegend irgendwo im struppigen Hinterland Amerikas kennen den Verrückten aus den Wäldern, früher war er einmal einer von ihnen, bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem sein Vater erhängt in der Scheune aufgefunden wurde. Seitdem zieht der verwahrloste Mann seine Kreise um seinen ehemaligen Besitz, stiehlt hier und da ein Huhn und haust in einer zugigen Holzhütte im Wald.

Child of God ist durch und durch Charakterstudie des Protagonisten Lester Ballard. Der Zuschauer kommt dem ruhelosen Wanderer durch das Auge der Kamera ganz nah. So nah, dass es manchmal wehtut. Wenn der Rotz läuft. Wenn der Wahnsinn durch seine Augen sticht. Wenn er Leichen schändet. Der Mann, der anfangs noch nach einem leicht verwirrten Obdachlosen aussieht, wandelt sich im Verlauf des Films zum komplett gestörten Mörder, der vollkommen von der Gesellschaft ausgestoßen lebt. Sein Verlangen nach sozialer Nähe befriedigt er zunächst mit schweigenden Freunden aus Plüsch, später fügt er seiner Sammlung Leichen junger Frauen hinzu. Und doch kann man in ihm nie vollständig das absolut Böse sehen, nie kommt dem

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Zuschauer das Mitleid für den Gächteten abhanden, denn Ballard lebt vollständig in der Gegenwart, seine mindere Intelligenz lässt keine raffinierte Planung und Ausführung seiner Morde zu. Damit unterscheidet er sich deutlich von anderen Psychopaten der Filmgeschichte, man denke an Hannibal Lecter oder John Doe in Sieben, die gerade durch die Verbindung ihres Intellekts und ihres Wahnsinns fazinieren und auch erschrecken. Lester Ballard hingegen ist wie ein kleines Kind, das nur im Augenblick lebt und allein die Befriedigung seiner animalischen Triebe im Sinn hat, ohne an mögliche Konsequenzen zu denken. Wird er doch einmal erwischt, lügt er die „Erwachsenen“ bzw. die Polizisten einfach an, beteuert wiederholt seine Unschuld. Bemerkenswert ist die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Scott Haze, der in der Vorbereitung auf die Rolle nicht nur jede Menge Gewicht verlor, sondern auch eine Zeitlang in einer isolierten Hütte lebte. Sein Schauspiel wirkt äußerst glaubwürdig und wirkt durch den gekonnten und teilweise ausschweifenden Einsatz von Mimik und Gestik sehr körperlich.

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Leider nimmt die Geschichte in Child of God nur sehr langsam an Fahrt auf, vor allem die vielen Voice-Over (die die Figur genauer erklären sollen) am Anfang nerven und erscheinen überflüssig. Spannung und Interesse für den Protagonisten und seine Geschichte kommt erst nach einem Drittel der Laufzeit auf, das ist leider viel zu spät. Wer bereit ist, diesen Weg auf sich zu nehmen, kann trotzdem noch einen guten Film erleben, die Atmosphäre kann sich schließlich entfalten und den Zuschauer ins Geschehen ziehen. Trotz teilweise äußerst verstörender Bildinhalte, sind die Bilder sehr schön und ästhetisch komponiert und die helle Farbgebung unterstützt den Eindruck von Ungeschütztheit und Kälte, der der Protagonist ausgesetzt ist. Das Ende der Handlung wartet erneut mit einigen Stolpersteinen auf, die Ereignisse und neuen Figuren wirken unpassend und fremd. Child of God entschädigt dafür mit einer wunderbar metaphorischen und ästhetischen Schlussszene, die das Ganze Gott sei Dank noch einmal retten kann.

Wer gern detaillierte Charakterstudien mag und in Sachen Brutalität und Leichenschändung nicht allzu zart besaitet ist, könnte an Child of God durchaus Gefallen finden. Der Anfang und einige Szenen am Ende wirken leider teilweise unstimmig, doch insgesamt kann der Film durchaus überzeugen. Vor allem die Performance von Scott Haze und seine Darstellung des Außenseiters, der abseits aller Moralvorstellungen lebt, ist herausragend und interessant. Kleiner Hinweis noch am Rande: die deutsche Synchronisation des Films ist absolut grauenhaft, doch das genuschelte Englisch von Lester Ballard nur schwer verständlich – Untertitel gibt es auf der deutschen Blu-Ray leider nicht. Ist ein bisschen die Wahl zwischen Pest und Cholera. Schade.

Bewertung: 6,0/10

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