Die Eskalation von Wahrheit oder Pflicht: Nerve

© Studiocanal GmbH Filmverleih

Die Verzahnung zwischen Mensch und Maschine wird enger – nicht erst seit der Erfindung des World Wide Web rücken Menschen näher an Technik heran, der Punkt der Verschmelzung ist in einigen Lebensbereichen bereits überschritten. Die westliche Welt lebt ein Leben mit dem Smartphone im Anschlag, Momente des Stillstands können bequem weggewischt werden. Die Meinungen gegenüber aktuellen Entwicklungen reichen von jahrhundertealten Medienängsten und dem bevorstehenden Untergang der Zivilisation bis zur hochoptimistischen Technikanbetung. Nerve ist ein weiterer filmischer Beitrag, der sich kritisch mit dem Alltag in einer virtuellen Welt auseinandersetzt und sich dafür das perfekte Opfer ausgesucht hat: leicht beeinflussbare Teenager.

Venus Delmonico (sprechende Namen, Ahoi!) kurz Vee genannt, ist eine schüchterne Schülerin mit Hang zur Kunst. Sie steht im Schatten ihrer besten Freundin Sydney, die mit ihrer offenen und selbstbewussten Art im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Sydney nimmt seit kurzem an dem Onlinegame Nerve teil, bei dem sie vor den Augen Hunderter Watcher peinliche oder herausfordernde Aufgaben erfüllen muss. Als Lohn dafür gibt es die heiß geliebte Aufmerksamkeit und eine Menge Geld. Nach einem Streit mit Sydney fängt auch Vee mit Nerve an, um selbstbewusster zu werden und Geld fürs College zu verdienen. Dabei lernt sie den geheimnisvollen Player Ian kennen. Schnell finden sich die beiden, deren Aufgaben immer wieder miteinander verknüpft sind, in einem unheilvollen Strudel von gefährlicher werdenden Situationen wieder, dem sie bald nicht mehr entkommen können. Denn der Preis für die Teilnahme an Nerve ist die eigene Identität – wer nicht spielt, wie die Macher es wollen oder aufgibt, findet bald sein Bankkonto geräumt und alle seine Geheimnisse preisgegeben vor.

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Plastikmusik, Plastikklamotten, Plastikhülle für das hochverehrte Smartphone, Essen im Fast Food Restaurant – die Künstlichkeit der Welt in Nerve wird nur noch übertroffen von der Künstlichkeit der Selbstdarstellung im Internet. Sehr klug wird diese virtuelle Welt in die Bildwelt des Films übertragen. Abgesehen von der Tatsache, das in nahezu jeder Einstellung ein Smartphone im Bild ist, wird das tödliche Spiel sehr fließend in die Szenerie eingebettet. Der Zuschauer findet sich plötzlich hinter dem Touchscreen wieder, wird zum Gerät, zum Smartphone, zum Computerbildschirm und blickt aus dieser ungewohnten Position auf die wischenden und tippenden Protagonisten. Die Welt wird durch Status- und Standorteinblendungen der jeweiligen Spieler oder Zuschauer zum virtuellen Spielplatz, die Aufgaben fügen sich natürlich ins Bild, werden fulminant gelöst und Ka-Ching! ist das Geld auf dem Konto. Die Neonlichter der nächtlichen Stadt und das leuchtende Design von Nerve fügen sich sehr ansehnlich zusammen und ergeben gemeinsam eine sehr konsistente visuelle Atmosphäre. Besonders neu oder innovativ ist diese leider nicht, blinkende und strahlende Städte sind aus zahlreichen Filmen nicht nur von Nicolas Winding Refn bekannt, das Design und die Funktionen von Nerve sind außerdem eindeutig an die Watchdogs-Spielreihe angeknüpft.

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Spannender ist da die grundsätzliche Idee des Online-Events rund um Nerve, die mit Fragen der Geldgier, Geltungssucht und der höher werdenden Schwelle des Nervenkitzels interessant und gleichzeitig auf mehreren Ebenen aktuell ist. Im Laufe der Handlung wird mit der zunehmenden Schwierigkeit und Schmerzhaftigkeit der Aufgaben Spannung aufgebaut, die sich allerdings in einem moralisierenden und sehr kitschigen Finale in Luft auflöst. Die Moral von der Geschicht ist in ihrer unverhohlenen Medienangst nicht nur rückwärtsgewandt, sondern auch in ihrer Konsequenz fragwürdig. Die Enthüllung der Identitäten aller Watcher bringt die Erlösung und erinnert sie an ihre eigene Menschlichkeit – ein Appell für die Auflösung der Anonymität im Internet?

Alles in allem ist Nerve ein kurzweilig unterhaltsamer und von der Grundidee her spannender Film. Die Optik der virtuellen und der Außenwelt sind gut aufeinander abgestimmt und bilden eine gute visuelle Grundlage. Die Figuren straucheln an ihrer Flachheit und Vorhersehbarkeit, trotzdem kann sich eine gewisse Spannung aufbauen, die allerdings vom schwachen Ende nachhaltig zerstört wird.

Bewertung: 5,5/10

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