Die Plakatkritik: The Mountain

© Rick Alverson

Plakate können so vieles sein: Inspirierend, verstörend, ätzend oder einfach nur genial. Ab sofort beschäftigen wir uns hier mit Plakaten, die unsere Aufmerksamkeit erregt haben, ob auf angenehme oder weniger schöne Art.

Heute mal ein Plakat für Freunde des eher minimalistischen Designs. Doch was nicht auf dem Papier stattfindet, darf dafür umso mehr im Vorstellungsvermögen des Betrachters wüten – wusste schon Konfuzius, als er damals im Alten China die ersten Filmplakate analysierte. Aber zurück zum Thema. Wenn so wenig vorhanden ist, muss man sich eben umso mehr an den wenigen Anhaltspunkten festklammern.

Zur Abwechslung in der weitläufigen Landschaft der Filmplakate gibt es hier keine Köpfe prominenter Menschen, keine menschlichen Körper, ja, im Grunde überhaupt nichts, was atmet. Und weil das eben so selten vorkommt, dient es dem ursprünglichsten, einem jeden Plakat innewohnenden Zweck wohl am meisten: Aufmerksamkeit zu generieren. Interesse erwecken durch Leere, durch allgegenwärtige Abwesenheit – das sieht nicht nur gut aus, das klappt in diesem Fall auch ganz wunderbar.

Quasi mittig, der obersten Direktive der Gestaltung aber selbstverständlich folgsam eben doch einen Tick über der rechnerischen Bildmitte, vollzieht sich eine Trennung, die dem Ganzen eine gewisse Strenge verleiht. Der größere Bildteil findet sich in eine eher unansehnliche rot-braune Farbe getaucht – vielleicht ein Hinweis auf getrocknetes Blut? Handelt es sich um einen Psychothriller? Einen Horrorfilm? Aber erstmal weiter.

Den größten Eye-Catcher, wenn man das hier so nennen möchte, bilden wohl die beiden Stühle im Zentrum dieses Plakates (und wohlmöglich auch in der filmischen Handlung). Sie provozieren nicht nur durch ihre unerhörte Nicht-Nutzung (Denn wer will schon leere Stühle? Wie sollen sie so ihren Zweck erfüllen, menschliche Arschbacken aus Gründen der Bequemlichkeit einige Zentimeter über dem Erdboden zu halten? Diese Stühle schreien ja wohl geradezu danach, endlich ihrer Bestimmung zu folgen!), sondern auch durch dieses bedeutungsvolle Gegenüberstehen, als wären gerade erst zwei Menschen aufgestanden, die bis eben noch munter über dies und das geplappert hätten.

Na gut, vielleicht war es auch nicht ganz so munter – so lässt es zumindest die überaus triste Umgebung vermuten. Handelt es sich vielleicht eine Sporthalle und demnach ein deprimierendes Sportdrama im Stil von Foxcatcher? Oder sehen wir Überbleibsel eines rätselhaften Kultes wie in The Master? Beginnt hier gleich eine psychotherapeutische Sitzung im deprimierendsten Raum der Welt? Ist es eine Theaterbühne? Ein Gefängnis? Eine leere Wohnung, aus der eben die letzten Habseligkeiten eines verstorbenen Verwandten entfernt wurden?

Der in keinem Verhältnis zum Bild stehende Titel The Mountain trägt absolut nichts zur Klärung der Verwirrung bei – well done! Handelt es sich um einen echten wahrhaftigen Berg? Kommt ein Philosoph zu ihm oder doch umgekehrt? Oder ist hier der metaphorische Berg gemeint? Eine besonders große Herausforderung? Ein inneres Sträuben, das auf dem Weg zur Selbstoptimierung über den Berg gezerrt werden muss? Was auch immer in diesem Film vor sich gehen mag – das Plakat erzeugt unbändiges Interesse. Und das nicht nur, weil Jeff Goldblum draufsteht.

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