Ein Gewitter der Gewalt: Erbarmungslos

© Warner Bros.

Anfang der 1970er Jahre wurde der Western für tot erklärt, alle Geschichten seien erzählt, eines der ersten bedeutenden Filmgenres der Geschichte könne schonmal seinen Grabstein bestellen. Diese Hiobsbotschaft scheint glücklicherweise nicht bei allen Filmemachern angekommen zu sein. Ein Jahr nach Kevin Costners durchschlagendem Erfolg mit Der mit dem Wolf tanzt legt Clint Eastwood in Personalunion als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller im Jahre 1992 Erbarmungslos hin und streicht damit das zweite Jahr in Folge den Oscar für den Besten Film für einen Western ein. Der Western ist tot, lang lebe der Western!

Alles beginnt und endet mit einem malerischen Sonnenuntergang: ein kleines Häuschen in der Prärie und ein gewaltiger Baum heben sich scharz vor flammend rotem Himmel ab – ein Bild, das schließlich zum Sinnbild für den Verlust von Heimat und Identität. Auf der Farm lebt William Munny, geläutert von seinem früheren Trinker- und Banditenleben. Als der junge Schofield Kid ihm einen Job anbietet, bei dem für das Töten von zwei Männern 1000 Dollar zu verdienen sind, willigt der Familienvater zögernd ein. Die zu Tötenden stehen allerdings unter dem Schutz des tyrannischen Sheriffs Little Bill, der in seiner kleinen Stadt mithilfe von öffentlichen Gewaltdemonstrationen für Ordnung sorgt. Für Munny wird es zunehmend schwerer auf dem selbstgewählten Pfad der Tugend zu wandeln.

Was folgt, sind 131 Minuten Selbstzweifel, Versagen, Krankheit und Schwäche auf Seiten des einst glorreichen Cowboys Clint Eastwood, der hier als William Munny alles andere als majestätisch mit seinem filmischen Westernhelden Alter Ego abrechnet. Als Farmer, der sich wie seine allmählich dahinsiechenden Schweine im Dreck wühlt, ist der ehemalige Revolverheld ungeeignet, die für Schießübungen aufgestellte Dose wird zum verfehlten Monument der Unfähigkeit, der blutjunge Enthusiast Schofield Kid entpuppt sich schnell als kurzsichtiger Möchtegern – Eastwood dekonstruiert mit aller Härte den Mythos des Westernhelden.

Dabei beherrscht er nicht nur den überragenden Cast mit zu Hochformen auflaufenden Schauspielgrößen wie Morgan Freeman, Frances Fisher und Gene Hackman, sondern auch den Himmel über den maximal tristen Wild-West-Landschaften. Neben einzigartigen und perfekt komponierten Einstellungen bekannter und seltener Landschaftsformationen des Westens, wird virtuos auf der Klaviatur der Wetterorgel gespielt. Sei es grelle Sonne beim ersten gnadenlos in die Länge gezogenen Shootout im Canyon, in dem der Gegner qualvoll an einem Bauchschuss verendet, jungfräulicher Schnee nach Munnys Genesung oder der Regen, der unaufhörlich durch das undichte Dach des Sheriffs ins Innere drängt – die mannigfaltigen Naturerscheinungen entblößen, zerstören und schwächen die Bewohner der Neuen Welt.

Über allem schwebt Munnys moralische Zerrissenheit, die sich mit großer Wucht auf das Publikum überträgt und sich unaufhaltsam in die eigenen Wertvorstellungen bohrt. Über viele niemals an Spannung verlierende Filmminuten dehnt sich Munnys Kampf mit sich selbst, sein Hin- und Hergerissensein zwischen der Gewalt, die hier in ihrer vollkommenen Erbärmlichkeit gezeigt wird, und dem Glauben an ein besseres Ich. Im grandiosen Finale inmitten eines Wolkenbruchs der Extraklasse entlädt sich schließlich Munnys entfesselte Wut und beschert ein fast schon befreiendes Western-Shootout – wären da nicht die Schuldgefühle ausgelöst durch den Genuss dieses Blutbades, die noch weit über das Ende des Films hinweg ihre Wirkung entfalten.

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