Feel-Good Kratzen an der Oberfläche: Hidden Figures

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Nach der #OscarsSoWhite-Debatte Anfang 2016 war abzusehen, dass folgend genauer auf Diversitätsprojekte in Hollywood geblickt wird. Während Filme wie Birth of a Nation, Fences und Moonlight von dieser vorbestimmt erhöhten Aufmerksamkeit berechtigt profitierten, schien es unausweichlich, dass kalkuliertes Oscar-Bait (wahre, inspirierende Geschichte über einen wichtigen Konflikt, der filmisch einfach aufgelöst wird und die Zuschauer am Ende mit einem guten Gefühl entlässt) sich auch ein Stück von diesem Spezial-Kuchen abschneidet. Oberflächlich kann Theodore Melfis Hidden Figures mit seiner gut gemeinten Intention als ein solcher Film gelten, doch bei genauerer Betrachtung erzählt das anbiedernde Feel-Good-Rassismus-Drama seine inspirierende Geschichte auf eine sehr zweifelhafte Art und Weise.

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Der Film erzählt die wahre Geschichte der drei afroamerikanische Frauen Katherine Johnson, Dorothy Vaughn und Mary Jackson, die Anfang der 60er bei der NASA gearbeitet und in dieser Funktion einen Teil der erfolgreichen US-Raumfahrtgeschichte beigesteuert haben. Melfis Werk will ein Denkmal setzen, welches diese drei Frauen mehr als verdient haben, besonders in Hinblick auf die nur durch ihr Geschlecht und ihre Hautfarbe provozierten Hindernisse. Die Hauptfiguren werden dabei lebhaft von Taraji P. Henson (Katherine), Octavia Spencer (Dorothy) und Janelle Monáe (Mary) verkörpert. Besonders Henson brilliert in der ihr spendabler zugeteilten Zeit mit einer Mischung aus schüchterner Strebsamkeit und unterdrücktem Aufbäumen gegenüber ihren ausschließlich männlichen Mitarbeitern. Leider verblassen die Leistungen gegenüber der unglücklichen Stereotypisierung der Umgebung. Schon in den ersten Minuten schaltet Hidden Figures in den Autopilot und arbeitet fleißig die Klischees des Oberflächenrassismus und deren Bewältigung ab — alles untermalt mit einem heiteren Score von Hans Zimmer und gefälligen Songs von Pharrell Williams. Jeder der nacheinander abgehakten Stolpersteine wird dazu mit einer geschichtlich noch nicht einmal existenten Figur verbunden. So nehmen Jim Parson und Kirsten Dunst als zwei Geschlechterseiten des White Privilege viel Platz ein, bleiben dabei aber nicht mehr als dumpfe Stichwortgeber. Diese rudimentären Personifizierung verschleiert jedoch das wahre Gesicht von Rassismus und dessen tiefe Verwurzelung.

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Noch eklatanter zeigt sich diese Problematik bei Kevin Costners Figur des fiktiven Projektleiters Al Harrison, der nur darauf reduziert wird, in unglaubwürdiger Manier weder Geschlecht noch Hautfarbe zu sehen. Das mag in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Welt vielleicht schön und gut sein, mit der Realität, die diese Geschichte ja darstellen will, hat das wenig zu tun. Hat es einen solchen Gutmenschen gegeben, soll er entsprechend benannt werden. Jedoch basiert die Figur des Al Harrison auf drei verschiedene Projektleiter bei NASA und das unangenehme Gefühl lässt einen nicht los, dass dabei nur die guten Seiten dieser drei Personen überlebt haben, während die menschlichen Grautöne unter den Teppich gekehrt wurden. So kann Hidden Figures trotz vieler bunter Kostüme und satten Farbfiltern seine Schwarz-Weiß-Malerei kaum verbergen. In einer emotional aufgeladenen Szene erklärt Katherine, dass sie ihrer Arbeit nicht schnell genug nachkäme, weil sie zur Toilette immer über das ganze Gelände laufen muss. Als direkte Auflösung darf Harrison als „weißer“ Retter pathetisch das ‚colored bathroom‘-Schild und dadurch die vorangegangenen Szene gleich mit zerstören. Die Zuschauer sollen sich freuen, im Kino klatschen und hoffentlich nie nach einer kleinen Recherche der wahren Geschichte herausfinden, dass nicht nur die Aktion von Harrison ausgedacht ist, sondern auch der vorherige Konflikt zu einer anderen Person mit einer völlig anderen Ursache gehört, nämlich Scham.  Das wäre aber ein Konflikt, der den Zuschauer mit einem unguten Gefühl zurücklässt. Und so handelt der Film munter und frei nach dem Motto: Lügen, die uns gut fühlen lassen, sind besser als die Wahrheit.

Fazit: Dem Film scheint nicht bewusst zu sein, dass diese Trivialisierung der Geschichte im Endeffekt den eigenen Versuch eines Tributes untergräbt, da die Essenz der Probleme und des quälenden Kampfes dieser herausragenden Frauen nie vertieft wird. Und so verkommt Hidden Figures zu einer Reinkarnation der #OscarsSoWhite-Debatte selbst: eine Reaktion auf ein Oberflächenproblem, die zu gefällig ist, um sich mit den tiefgreifenden Ursachen des strukturellen Rassismus auseinanderzusetzen.

Bewertung: 3/10

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