Gegenwart ist die Vergangenheit der Zukunft – Der Jahresrückblick 2017

Sie sind so unvermeidlich wie die Erdrotation oder die Tatsache, dass erwachsene Menschen kleinen Kindern unerwünscht in die Wangen kneifen – die unzähligen zum Jahresende aufploppenden Jahresrückblicke und die dazugehörigen Top-Listen. Auch wir, die wackeren AutorInnen dieses Blogs, können uns dem nicht erwehren und präsentieren hiermit voller Stolz unseren wie üblich maximal subjektiven Senf zum vergangenen Jahr. Was uns im Jahre 2017 auf der Leinwand oder in der Flimmerkiste bewegte und verstörte, sollt ihr gütigen LeserInnen nun erfahren.

© Paramount Pictures

Maria

Bester Film: Mother!

Was als Beziehungsthriller mit Hang zur Home Invasion beginnt, entwickelt sich rasant zum intensivsten Kinoerlebnis des Jahres. Selten verließ ich so verstört und gleichzeitig so begeistert den Kinosaal. Nach dem durchwachsenen Noah findet Aronofsky mit Mother! zu alter Größe.

Schlechtester Film: Unter deutschen Betten

Hartgesottene Kritiker verließen in Scharen den Kinosaal, unglücklicherweise war ich entschlossen, den Film durchzuhalten und bin ihnen nicht gefolgt. Größter Fehler dieses Jahres. Ausführliche Berichterstattung auf kino-zeit.de.

Kultfilmentdeckung: Hard Rain

Mit Jetskis durch überschwemmte Schulflure ballern, Menschen, die durch die verheerende Verbindung meterhohen Wassers und sprühender Elektrizität gebraten werden und überhaupt: Christian Slater. Hard Rain ist die perfekte Mischung aus 90s Action und Katastrophenfilm und dabei stets unterhaltsam! (Hier hätte auch stehen können: Conan, der Barbar, die Hellraiser-Reihe, Ronja Räubertochter, Der Dunkle Kristall)

Mieser King: Der dunkle Turm

Als großer Fan der King’schen Fantasysaga muss die filmische Umsetzung dieser siebenteiligen Reihe in nur einem Film bereits kritisch beäugt werden, trotzdem ging ich einigermaßen hoffnungsvoll ins Kino. Leider entpuppte sich Der dunkle Turm schnell als äußerlich ansprechend, innerlich allerdings recht langweilig und vorhersehbar und ist mittlerweile durchaus zurecht großzügig dem Vergessen anheim gefallen. Detailliertere Kritik ist hier zu finden.

Bester King: Es

Verdammt nochmal, war das gruselig! Die Ängste der Kindheit in perfekter Verpackung, die stimmungsvolle Inszenierung und ein sehr guter Cast machen aus der Neuauflage des King-Klassikers einen gelungenen Film, wenn auch die Romanhandlung leicht mainstreamfreundlich abgewandelt wurde (da hätte man doch lieber das Schlumpfinen-Syndrom beheben sollen).

Größte Enttäuschung: Valerian – Die Stadt der Tausend Planeten

Die Zutaten klangen so gut: Luc Besson kehrt zurück zu seinen Wurzeln und bebildert ein vielfältiges SciFi-Universum basierend auf einer wahnsinnig erfolgreichen Comic-Vorlage, mit Dane DeHaan wirkt einer der begabtesten Schauspieler Hollywoods mit, der Trailer offerierte wahnwitzige Wesen, grandiose Action und rasante Weltraumabenteuer. Die Wirklichkeit war dann leider altbacken, konservativ und unspannend, glattpolierte Bilder aus dem Computer dominieren den Stil und die erhoffte gleichgestellte Beziehung von Valerian und Laureline verkommt zu einer tausendfach wiedergekäuten Damsel in Distress Version plus Hochzeitsantrag. Schnarch.

Serienperle: GLOW

Diese grandiose Serie über die ersten Wrestlerinnen zeigt: 80er-Revival geht auch abseits des Spielberg’schen Stranger Things Kosmos mit seinen tausendfachen Anspielungen auf Kult, Kult, Kult. GLOW macht nicht nur das weiterhin beliebteste Jahrzehnt aller Zeiten auf subtile Art erlebbar, sondern präsentiert zudem eine Fülle an liebevoll gezeichneten Figuren: Frauen, die nicht nur schön aussehen, sondern sogar echte Menschen sein dürfen – inklusive Milcheinschuss, Achselhaaren, Menstruation und sexuellem Verlangen. Hinzu kommt eine spannende Handlung, sprühender Witz und keine Scheu vor vermeintlich schwierigen Themen.

Visuelles Feuerwerk des Jahres: Blade Runner 2049
Ein Film, der für die große Leinwand geboren wurde. Nicht nur atmosphärische Landschaften, sondern auch alle Arten von technischen Spielereien und innovativen Ideen prägen dieses einzigartige Filmerlebnis. Den absoluten visuellen Mindfuck bildet die auch inhaltlich herrlich verwirrende Sex-Szene zwischen Androiden und Hologrammen. Mind = blown.

 

© Walt Disney Studios

Philip

Bestes Sequel: Guardians of the Galaxy Vol. 2

Technisch perfekt, aber nicht so frisch wie der erste Film und irgendwie die zweite Fahrt auf der selben Achterbahn. Das Ensemble, das sich selbst nicht so bierernst nimmt wie die militaristischen Avengers oder die entrückten Jedi, bringt weiterhin den Fun in den Weltraum. Wie immer bei Marvel Filmen wundert man sich, wie man so viel ins Produktionsdesign stecken kann und trotzdem alles charakterlos und austauschbar wirkt. Popcornfaktor: sehr hoch.

Beste Comicverfilmung: Valerian – Die Stadt der Tausend Planeten

Der Titel gibt Abzug, weil die Comics im Original zu Recht „Valerian und Laureline“ heißen. Schon der Comic war überbordend fantasievoll, das Szenenbild von Valerian legt hier noch eins drauf. Der Film ist atemlos wie ein Lego Movie und rast durchgeknallt wie Bessons getuntes Taxi (1998) durch seine schwindelerregenden Kulissen. Zugegeben, die Hauptfiguren sind recht flach geraten, aber welch ein Spaß! 

Überfälligster Abschied: Logan – The Wolverine

Das zehnte und letzte Kapitel der Wolverine-Saga besticht nicht durch gekonnte Action, einen interessanten Bösewicht oder gar Witz. Der Film zeigt seine Stärken im Zusammenspiel eines schon angegrauten Hugh Jackman mit seiner Vaterfigur (Patrick Stewart als Professor X). Jackmans digital verjüngter Doppelgänger ist leider im uncanny valley geblieben, was den Schluss verhunzt. Die letzte halbe Stunde überrascht mit rein gar nichts und so endet eine Ära mit einem Gefühl von Altenheim.

Fragwürdigstes Remake: Ghost in the Shell / Nachsehen: Ghost in the Shell (1995)

Scarlett Johansson funktioniert als Major besser als erwartet. Die erste Hälfte des Films ist ein visuelles Festmahl voller interessanter Fragestellungen. Der Plot wird dann aber leider für 13jährige heruntergedimmt und löst alle offenen Fragen a la Egoshooter. Das Ende ist düster und nach dem neonbunten Feuerwerk am Anfang visuell enttäuschend. Besser den stimmungsvollen Anime von Mamoru Oshii aus dem Jahr 1995 ansehen.

Beste Hommage: The Disaster Artist / Nachsehen: The Room (2003)

Nachdem ich dieses Jahr auch erstmals die großartige Teenie-Serie Freaks & Geeks gesehen habe, finde ich James Franco und Seth Rogen deutlich sympathischer (wenn auch nicht immer witzig). Deren neuestes Machwerk The Disaster Artist versucht vom späten Erfolg eines der legendär schlechtesten Filme der Welt zu profitieren. The Room (2003) ist ohne Zweifel eine Katastrophe voller Anschlussfehler, falsch betonender Schauspieler und Telenovela-Dialogen. Meine Empfehlung: das Original von The Room ansehen – mit Freunden und am besten nicht ganz nüchtern. 

Serienperle: The Good Place (iTunes)

Die Misanthropin Eleanor (Kristen Bell) stirbt und landet im Good Place, einem pastellfarbenen Paradies voller Frozen-Yoghurt-Eisdielen. Dort wird sie vom Architekten des Good Place Michael (voller Spielfreude: Ted Dawson) empfangen und Ihrem Soul Mate Chidi (William Jackson Harper) vorgestellt, der sich als zögerlicher Ethikprofessor herausstellt. Die Serie besticht durch steile Wendungen und immer wieder neue absurde Einfälle. Wer Comedy mit einer hohen Gagdichte mag (wie Brooklyn Nine-Nine) und wem kitschbunte Kulissen nicht stören (a la The Unbreakable Kimmy Schmidt), wird diese Serie lieben. 

 

© Warner Bros. Entertainment

Jaschar

Wieder einmal wird es Zeit, nachzuschauen was ich vor einem Jahr von mir gab, um nun zu überprüfen, wie weit ich daneben lag.
Meine drei meisterwarteten Filme waren:

The Lego Batman Movie: Der Film war alles was ich mir erhoffte und noch viel mehr! Nicht nur der zweitbeste Film 2017 bisher, sondern auch der beste Batmanfilm überhaupt. Vollgepackt mit Witz und Details, dazu herausragend animiert. Ein mit einer Midcreditscene einfach zu schließendes Plothole wurde leider offen gelassen und ein cleverer Seitenhieb auf Suicide Squad wurde innerhalb von einer Minute wieder zunichte gemacht, aber ansonsten gibt es kaum was auszusetzen. Ich bin ein glücklicherer Mensch, weil ich diesen Film gesehen habe. 9/10

Logan: The Wolverine: Past me hatte schon Angst vor meiner Rüge, aber im Gegensatz zu seiner Einschätzung des Films lag er damit falsch. Der Endgegner war zwar reichlich unkreativ, dafür aber in gewisser Weise immerhin passend. Nicht nur ein guter Superheldenfilm, sondern ein guter Film mit Superhelden und der beste von 2017 bisher. 9/10

The Masterpiece: Unter dem Namen The Disaster Artist erschienen und von Kritikern gelobt, ich kam allerdings noch nicht dazu, ihn zu sichten.

Lustigerweise schwankte ich beim dritten Platz damals zwischen The Masterpiece und Der dunkle Turm. Im Gegensatz zu ersterem habe ich letzteren bereits gesehen, zur Verteidigung von past me muss ich sagen, dass ich seinerzeit noch nicht wusste, dass Der dunkle Turm von Sony ist. Seit etlichen Jahren wollen Fans der Vorlage diesen Film, was jetzt damit veranstaltet wurde, ist eine einzige Enttäuschung.
Apropos Enttäuschung: Mit einer durchschnittlichen IMDb-Bewertung von 5,57 ist 2017 bisher das zweitschlechteste Filmjahr in meiner 104 Jahre umfassenden Rangliste. Nur 1896 ist mit 5,56 noch etwas schlechter. Zwei 9er in einem Jahr kam dafür aber auch schon lange nicht mehr vor.

Überraschung des Jahres war definitiv Split (7/10), mit dem Shyamalan seit seiner Talfahrt nach Unbreakable endlich mal wieder einen guten Film abliefert. James McAvoy spielt fantastisch und wird nur deshalb nicht für einen Oscar nominiert werden, da die Academy keine 23 Statuetten für die Kategorie Bester Hauptdarsteller herstellen möchte.

 

© A24/Plan B Entertainment

Stephan

Bester Film: Moonlight

Wenn ein Jahr mit einem solchen Film beginnt, muss dagegen alles andere verblassen. Barry Jenkins erzählt die Geschichte von Chiron, der in Miami aufwächst, umgeben von Kriminalität, Drogensucht und Gewalt. Dabei kreiert Jenkins eine Intensität, die ihresgleichen sucht. Dies gelingt vor allem dadurch, dass in Szenen geschwiegen wird, in denen niemand schweigen kann, Wut sich plötzlich ihren Weg bahnt und Sehnsucht gesehen, aber nicht artikuliert wird. Ein Meisterwerk, das auch in den nächsten Jahren in Erinnerung bleiben wird.

Beste Fortsetzung: Blade Runner 2049

Dennis Villeneuve gelingt es mit eindringlichen Bildern die Welt der Blade Runner wieder aufleben zu lassen. Als Kontrast zu der Düsternis und der Einsamkeit des alltäglichen Lebens überdecken sich riesige Hologramme, die eine Erlösung von allem versprechen, aber nur kurzfristig Linderung bieten. Diese Stimmung wird auch durch den sehr gelungenen Sound verstärkt und nur selten aufgebrochen. Eine Dystopie, die dem Original in nichts nachsteht.

Bester Soundtrack: Baby Driver

Baby ist der beste Fahrer, den man sich vorstellen kann. Stets mit Kopfhörern versehen, lässt er den Zuschauer an seiner Musik teilhaben. Der Mix ist dabei sehr gelungen. So werden neben beliebten Klassikern auch eigene Kompositionen von Baby eingespeist, die einen tagelang verfolgen. Allein schon wegen des Soundtracks ist der neue Film von Edgar Wright empfehlenswert. Dagegen kann auch darüber hinweggesehen werden, dass der Film storytechnisch weniger verspielt ausgefallen ist als Wrights frühere Werke.

Beste Satire: The Square

Woran erkennt man, ob temporäre Kunst genau das ist, für das sie sich ausgibt? Mit dieser Frage beschäftigt sich The Square, der sich außerdem darum dreht, wieweit gegangen werden darf, um Menschen wieder für Kunst begeistern zu können. Nebenbei wird das Leben vom Museumskurator Christian dargestellt, der sich ein gut situiertes Leben erarbeitet hat, das im Verlauf des Films zunehmend zerstört wird und sich Christian als auch der Zuschauer die Frage stellen, ab wann alles diesen unaufhaltsamen Wandel eingenommen hat und ob dieser verhindert werden kann. Dadurch gelingt der Übergang von der  schwarzhumorigen Komödie hin zum Drama, ohne affektiert zu wirken.

Bester Coming of Age-Film: Es

Ich sehe nur selten Horrorfilme. Ich habe keine Freude an der expliziten Darstellung von angsteinflößenden Elementen und bei Jump-Scares muss ich jedes Mal zusammenzucken. Daher ist es eher überraschend, dass ein Horrorfilm es auf diese Liste geschafft hat. Es auf diese Komponenten zu reduzieren, wird dem Film aber nicht gerecht. Mit dem Fokus auf die sieben Freunde gelingt es Andrés Muschietti, die Probleme von Heranwachsenden zu erzählen, die sich neben dem Kampf gegen das ultimativ Böse auch mit alltäglichen Feinden wie Bullys, gewalttätigen Eltern und Problemen in der Schule beschäftigen müssen. Dabei werden auch humorvolle Komponten mit eingebunden, sodass der Film unterhaltsam und kurzweilig ist. Daher bleibt zu hoffen, dass diese Mischung auch für die für 2019 angekündigte Fortsetzung beibehalten werden kann.

Beste Comic-Adaption: Wonder Woman

Dieser Film sorgt für eine der größten Überraschungen des Jahres. Die Trailer wirkten angestaubt und ließen einen weiteren Film aus dem DC-Universum erwarten, der geflissentlich ignoriert werden kann. Stattdessen weiß Patty Jenkins mit einer guten Geschichte zu überzeugen, die mit starken Frauenbildern in der ersten Hälfte beeindruckt. Die Actionszenen sind unterhaltsam und der Kampf gegen das Böse mit Niederlagen verbunden, die verständlich machen, dass Diana sich in einem Kampf befindet, der alles von ihr fordert. Dieser Mut wäre auch für andere Comic-Verfilmungen wünschenswert, jedoch bildet Wonder Woman hierfür bisher eine Ausnahme. So bleibt nur abzuwarten, wie diese Grundlage für weitere Verfilmungen genutzt wird.

2 Comments

  1. Mit sehr vielen Einschätzungen bin ich einverstanden. THE DISASTER ARTIST und THE ROOM stehen auch definitiv für nächstes Jahr auf meiner To-watch-List. Ich schaue normalerweise ungern Thriller, aber SPLIT habe ich mir dann aufgrund meiner Schwäche für britische Schauspieler *hüstel* James McAvoy *hüstel* dann doch gegeben und war sowohl geschockt als auch begeistert. Das schafft nicht jeder Film

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