Gesellschaftsparabel im Hochhaus: High-Rise

© DCM Film Distribution
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In den 60er und 70er Jahren erfasste ein Trend den Wohnungsbau: große Wohntürme und Apartmentblöcke sollte die klassische Blockrandbebauung ablösen, dafür sollten Freiräume entstehen für weitläufige öffentliche Plätze und Parks. Der offen zur Schau gestellte Beton galt als Symbol der Moderne. Der Brutalismus (von béton brut = Sichtbeton) prägt bis heute viele Vorstädte der großen Metropolen. In den 70ern entstanden die Banlieues in Paris, München-Neuperlach oder die Plattenbausiedlungen von Berlin. „Wohnmaschinen“ nannte das Le Corbusier, der wohl bekannteste Architekt dieses Baustils. In dieser Zeit entstand auch das Konzept der „Arcologies“, von riesenhaften Wohntürmen, die auch Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichkeiten bieten und die man im Idealfall „nie verlassen muss“. In SimCity 2000 konnte man solche Türme bauen und ganz real findet man ja derartig ausgestattete Hotels und Apartmentgebäude heute in jeder Millionenstadt.

Das Buch High-Rise von J. G. Ballard erschien 1975, zu einer Zeit, in der man über das Jahr 2000 Science-Fiction schrieb. Ballard hatte zwei Jahre seiner Kindheit in einem Kriegsgefangenenlager verbracht, seine Bücher handeln oft von Weltuntergangsszenarien und wie sich Menschen in solchen Extremsituationen verändern. 2015 wurde High-Rise nun in Großbritannien verfilmt. Der Film von Regisseur Ben Wheatley spielt – schön durch Mode und Szenenbild eingefangen – im Jahr 1975.

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Der alleinstehende Arzt Robert Laing (Tom Hiddleston) bezieht ein Apartment im 25. Stock eines Wohnblocks mit eigenem Supermarkt, Schwimmbad und Dachgarten. Der Erbauer des Hochhauses Anthony Royal (Jeremy Irons) bewohnt das Penthouse. Ganz dem Bild einer „sozialen Schichtung“ folgend, leben ärmere Familien im den unteren Geschossen, darunter auch der anarchistische und zügellose Dokumentarfilmer Richard Wilder (Luke Evans). Im Laufe des Filmes brechen die Bewohner des Hochhauses immer mehr den Kontakt zu Außenwelt ab. Gleichzeitig entstehen Probleme in der Infrastruktur und Versorgungssituation im Haus. Während arme und reiche Bewohner gleichermaßen immer ausschweifendere Parties feiern, steigen die sozialen Spannungen, bis schließlich offene Anarchie ausbricht.

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Die Figur des Wilder ist die des Revolutionärs, mit Che Guevara Poster im Schlafzimmer und einer Balzac-artigen Körperlichkeit. Das Chaos beginnt, als er eine Horde Kinder anführt, das Schwimmbad zurückzuerobern. Seinen Widerpart bildet der Architekt Royal, dessen dekadenter „Hofstaat“ sich allmählich verselbstständigt. Die Parallelen zum vorrevolutionären Frankreich sind überdeutlich, so feiert die Penthouse-Gesellschaft sogar eine Mottoparty im Stile des französischen Hofs. Dr. Laing nimmt für uns die Rolle des Beobachters ein, der überall dabei ist, nirgends wirklich dazugehört und sich nicht einmischt. Erst als es Laing selbst einmal betrifft, handelt er, jedoch hält ihn auch ein Anflug von Reue nicht davon ab, weiterhin ein Opportunist zu bleiben.

Was auffällt: Der Film wird aus einer sehr männlichen Perspektive erzählt, die Frauenfiguren verkommen zu Objekten der Männer (Sienna Miller, Elisabeth Moss) oder sind hysterische Diven (Keeley Hawes, Sienna Guillory). Die altmodische Rollenverteilung funktioniert nur insofern, als dass es das 1975-Setting unterstreicht – man fühlt sich tatsächlich an das Frauenbild der Mainstream-Filme der 70er erinnert – James Bond lässt grüßen. Das ist für einen Film im Jahr 2015 ziemlich von gestern. Nun fällt ja die ganze Hochhaus-Gesellschaft zurück in die Steinzeit, vielleicht wollte uns genau das die Drehbuchautorin Amy Jump vermitteln.

Der Film ist hervorragend besetzt und die Szenen rund um Dr. Laing sind sehr nuanciert geschrieben und gespielt. Die für mich scharfsinnigsten Szenen sind die mit Toby (Louis Suc), dem streberhaften Sohn der attraktiven Nachbarin Charlotte, der mit seiner entwaffnenden Direktheit Hiddlestons Dr. Laing immer wieder herausfordert. In der zweiten Hälfte des Films trägt der Film beim Thema Sex und Gewalt überaus kräftig auf. Es ist die größte Schwäche des Films, dass die Hauptfigur Dr. Laing so passiv bleibt. Auch wenn man sich mit der Beobachterrolle identifizieren kann, will man es nicht unbedingt. Und es bleibt auch keine Figur übrig, außer vielleicht Toby, der man am Schluss die Daumen drückt. Die Handlung wird nicht von den Figuren, sondern von der kaputten Infrastruktur vorangetrieben.

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In den (vielleicht etwas zu vielen) Nebenfiguren zeichnet das Drehbuch ein sehr stimmungsvolles Gesamtbild, wodurch der schräge Plot eine gewisse Stimmigkeit gewinnt. Musik, Szenenbild, Kamera und Ausstattung bilden eine Einheit. Bis zum Schluss überrascht der Film mit schön fotografierten Bildern.

An den Kinokassen war der Film kein Erfolg, mich jedoch konnte High-Rise wirklich überzeugen. Wem Dystopie-Filme wie Brazil, A Clockwork Orange oder Snowpiercer gefallen, der wird auch hier auf seine Kosten kommen.

Bewertung:  8 / 10

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