Hardcore

© Wild Bunch/Capelight/Central
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Anders als das Marketing es einem weismachen möchte, ist Hardcore lange nicht der erste Film, der komplett aus der Egoperspektive erzählt wird. Wie auch die 3D-Technik ist die durchgängig subjektive Kamera keine Errungenschaft des neuzeitlichen Kinos. Da wäre zum Beispiel fast das gesamte Oeuvre des Foundfootagegenres zu nennen oder der 1947 erschienene Film Lady in the lake, in dessen Trailer zu lesen ist: „A REVOLUTIONARY INNOVATION IN FILM TECHNIQUE!“, es ist von einer „STARTLING AND DARING NEW METHOD OF STORY TELLING“ die Rede, gar einem „MILESTONE IN MOVIE-MAKING“. Allesamt Aussagen, die Hardcore sich gerne zuschreibt und zuschreiben lässt – fast 70 Jahre später. Zugutehalten kann man ihm, dass die „INNOVATION IN FILM TECHNIQUE“ damals als reichlich missglückt angesehen wurde.

Für Regiedebütant Ilya Naishuller ist die Egoperspektive nichts Neues; 2013 drehte er für seine russische Band Biting Elbows das Musikvideo zu Bad Motherfucker im selben Stil, welches ziemlich schnell viral ging und den Weg für Hardcore ebnete. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man auch bei Musikvideos nicht von einer Innovation sprechen kann; das bekannteste Beispiel ist wohl Smack my bitch up von 1997.

© Wild Bunch/Capelight/Central
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Hardcore ist ein Videospiel im Gewand eines Films. Der Protagonist hat keine eigene Persönlichkeit, sondern führt einfach die Aufträge aus, die ihm gegeben werden. Das funktioniert in einem Videospiel, da der „Zuschauer“ den Protagonisten steuert. In einem Film funktioniert so was nicht und führt nur dazu, dass man sich nicht für den Hauptcharakter interessiert, weil man keine Chance bekommt, sich mit ihm zu identifizieren.

Es ist aber auch nicht so, dass Naishuller ein tiefgründiges Drama inszenieren wollte, er weiß genau was Hardcore ist und sorgt dafür, dass sein Produkt sich zu keinem Zeitpunkt ernstnimmt. Die ausgeführte Action ist recht anspruchsvoll, wird aber nach spätestens einer halben Stunde repetitiv und darüber hinaus durch Wackelkamera und zu schnelle Schnitte teilweise ungenießbar. Der ein oder andere Witz zündet und lockert das Ganze auf, aber unterm Strich ist es eine auf 96 Minuten gestreckte Spielerei. Die Inszenierung steht im Vordergrund, der Plot ist praktisch nicht vorhanden. Lediglich Sharlto Copley in seiner Rolle als Jimmy – welcher etliche Tode stirbt, aber als Klon immer wieder neu auftaucht und dem Protagonisten hilfreich zur Seite steht – ist ein echter Lichtblick.

Die primäre Zielgruppe von Hardcore sind Videogamer und diese werden ihn wohl durchaus ansprechend finden. Ein Vorteil ist natürlich, dass Hardcore nur auf dem Spielkonzept eines Egoshooters, nicht aber auf einem tatsächlichen Spiel basiert. So ist immerhin ausgeschlossen, eine weitere miserable Videospielverfilmung geboten zu bekommen. Für Cineasten ist Hardcore eventuell einen Blick wert. Auch wenn die Marketingkampagne übertriebene Ansprüche propagiert – es kann nie schaden, zu schauen was abseits gewohnter Pfade produziert wird. Für den Rest dürfte Hardcore in etwa so spannend sein, wie jemand anderem beim Videospielen zuzusehen.

Mit den benutzten GoPros wurde der Versuch viel dynamischer und besser umgesetzt als mit den verfügbaren Kameras 1947, aber wie damals muss man einsehen, dass das Experiment der durchgängigen subjektiven Kamera gescheitert ist und sich nicht für einen Film eignet.

Bewertung: 5/10

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