Im Dialog: Ant-Man

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© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Was der wunderbare Filmblog Film im Dialog macht, musste ich einfach auch mal ausprobieren. Mit meinem Co-Autoren Jan-Gerrit Heddinga habe ich mich mal über Ant-Man unterhalten – er der Marvel-Experte, ich die Filmguckerin – heraus kommen zwei gar nicht mal so verschiedene Ansichten.

Inhaltlich dreht sich der Film um den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Dieb Scott Lang, der von nun an ein Leben im Rahmen des Gesetzes führen möchte, um seine Tochter wieder sehen zu dürfen. Doch dann wird er vom Alt-Ant-Man Hank Pym zum neuen Miniatur-Helden auserkoren – denn die Welt ist in Gefahr.

ME: Wie hat dir der Film insgesamt gefallen? Ich muss sagen, ich fand das Ganze überaus unterhaltsam. Ich fand besonders gut, dass sich der Film in der ersten Hälfte Zeit genommen hat, um die Charaktere einzuführen und die Geschichte zu entwickeln. Außerdem hat sich das Ganze vor allem zu Beginn sehr nach Agenten/Einbrecher-Komödie mit einem Schuss MacGyver angefühlt, das fand ich sehr cool und auch etwas ungewohnt für einen Superheldenfilm.

JGH: Da bin ich ganz deiner Meinung. Diese Origin-Filme folgen meistens einer längst ausgetretenen Struktur, im besten Falle hat man noch eine starke erste Hälfte wie bei Iron Man oder Thor, aber das war’s. Ant-Man fühlte sich erfrischend rund an trotz der allgemeinen Punkte, die man immer findet (Training, Love Interest, Endgegner etc.). Und das liegt an dem Genre-Korsett, das du angesprochen hast.

ME: Frisch ist auf jeden Fall das richtige Wort, auch wenn natürlich hier und da doch wieder Klischees bedient wurden. Mir fallen da noch der Altmeister, der dem jungen Schützling alles beibringt und die mittlerweile doch weit verbreitete selbstironische Sicht der Superhelden (sogar im sonst völlig humorlosen Man of Steel gab’s den Witz mit dem S auf dem Anzug) ein. Die Frage, die sich mir während des Films immer wieder aufgedrängt hat, hängt im Grunde auch mit dieser Frische zusammen – Wie weit mag der Einfluss von Edgar Wright letztlich doch gereicht haben? Die Regie hat er ja leider nicht übernommen, trotzdem glaube ich doch mehr als einmal typische Wright-Witze und Kniffe bemerkt zu haben (allen voran die perfekt inszenierten Storys von Luis (Michael Peña)).

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JGH: Michael Peña kann man auch als große Stärke an sich sehen, er war der mit Abstand beste Sidekick im ganzen Marvel-Universum. Er hat sich wirklich jede Szene angeeignet, die er hatte. Edgar Wright betreffend sind mir auch einige Szenen aufgefallen, die, wenn auch nicht inszeniert, seinem Drehbuch zu verdanken sind. Beim Humor habe ich mich jedoch mehr an die trockenen Dialoge aus den Filmen seines Drehbuchpartners Adam McKay (Anchorman, The Other Guys) erinnert gefühlt. Im positiven Sinne natürlich. Übrigens halte ich die Kombination dieser beiden Komödienmeister für eine absolut geniale Idee, mit Wright als Regisseur könnte ich mir eine der besten Comic-Verfilmungen überhaupt vorstellen. Und das bei einem eher unbekannten Helden wie Ant-Man!

ME: Mit Humor meine ich allerdings nicht nur die Dialoge, sondern auch diesen visuellen Humor, den man von Edgar Wright kennt. Man nehme zum Beispiel die unschlagbar witzige Szene mit dem Spielzeug-Zug, die man schon im Trailer gesehen hat – da wird ganz ohne Worte die alberne Komponente von Ant-Mans Fähigkeit auf die Spitze getrieben. Ja, ich hatte mich auch über die Ankündigung gefreut, dass Wright die Regie übernimmt, und mir einen noch viel ausgeflippteren Film erhofft. Wie du schon sagst, hätte sich der eher unbekannte Ant-Man dafür hervorragend geeignet. Trotzdem hatte Ant-Man viel Erfrischendes (Apropos frisch: Hast du die unheimlich realistische Verjüngung von Michael Douglas in der ersten Szene bemerkt? Es gibt nicht oft Momente, in denen ich mich frage, wie die Macher ihre Effekte hinbekommen haben, aber diese Szene hat mich wirklich überrascht! Maske? CGI?).

JGH: Ja, das ist wahr, der Endkampf war wie manche andere Szenen vom visuellen Stil ganz Edgar Wright, erinnerte sehr an die abstrusen Kämpfe aus Scott Pilgrim vs. the World. Doch so sehr ich mir Wright in der Regie gewünscht hätte, will ich auch Peyton Reed loben. In letzter Minute das Projekt übernehmen und augenscheinlich den Geist der Original-Idee von Wright/McKay mit den Vorgaben von Kevin Feige (Präsident der Marvel Studios) zu behalten, das stelle ich mir sehr stressig vor und er hat das gemeistert. Auch wenn das jetzt schon nach einem Fazit klingt, bin ich mit dem, was ich bekommen habe, so zufrieden, dass ich kaum während des Schauens an das etwaige, nicht genutzte Potential dachte. Wie die das mit Verjüngung von Douglas hinbekommen haben, weiß ich auch nicht, aber es war ein junger Michael Douglas! Wenn wir schon bei ihm angekommen sind, möchte ich nochmal auf einen Punkt von dir zurückkommen, den ich anders sehe, überwiegend aber aus der Marvel-Perspektive. Das Klischee mit dem Altmeister und den jungen Schützling ist das beste, was dem Film passieren konnte. Wie oft haben wir schon Wissenschaftler gesehen, die ein Serum/Technik o.ä. entdecken, dadurch Kräfte entwickeln und damit alleine umgehen müssen (Hulk, Spider-Man, Iron Man, Captain America)? Zu oft. Hier wird der alte Ant-Man (Hank Pym) als erfahrener mit diesen Kräften und einem Ziel vor Augen gezeigt, der den neuen (Scott Lang) konsequent trainiert (nicht mit irgendwelchen Tagesweisheiten a là Kevin Costner in Man of Steel). Überhaupt ist es eine gute Sache, beide Ant-Mans einzuführen.

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ME: Ich stimme deinem Peyton-Reed-Lob zu, das Ganze hat am Ende dann doch wirklich super gepasst und der Film ist gut inszeniert. Das Altmeister-Schützling-Klischee hat dem Film auf jeden Fall gut getan und (du hast völlig recht) kam in der Form jetzt noch nicht so oft in Superhelden-Filmen vor. Meist müssen die sich tatsächlich allein durchschlagen. Bei dem alten, kriegsgebeutelten Michael Douglas musste ich auch ab und zu an die Watchmen denken, deren Kräfte ebenfalls im Krieg eingesetzt wurden und die der ganzen Sache im Nachhinein doch eher kritisch gegenüberstehen. Generell mochte ich Hank Pym sehr – auch bei ihm wurde sich genug Zeit genommen, um der Figur eine tiefergehende Hintergrundstory und damit nachvollziehbare Motivationen zu verpassen. Die einzige Frauenfigur im Zentrum der Handlung hat mich allerdings enttäuscht. Wäre Hope ein Sohn gewesen, hätte sie sicher früher oder später im Ant-Man-Kostüm gesteckt – aber als Mädchen muss sie beschützt werden. Das wurde zwar glücklicherweise später noch begründet, trotzdem hat mich ihre Ohnmacht und Hörigkeit gegenüber der männlichen Autorität geärgert. Die Credit-Szene konnte mich zwar wieder ein wenig versöhnlich stimmen, trotzdem hätte ich mir mehr Macht und Aufstand für sie gewünscht.

JGH: Leider wahr, das ist mir auch aufgefallen. Die Rebellion gegen ihren Vater als Äquivalenz zu der fragwürdigen Dominanz der Männer im Comichelden-Bereich ist ein guter Anhaltspunkt und hätte viel besser umgesetzt werden können, doch dann wurde alles zu einfach in der von dir genannten Hörigkeit aufgelöst. Sehr schade, besonders weil man Evangeline Lilly ja auch als starke Persönlichkeit in der Serie Lost kennen und schätzen gelernt hat. Doch darstellerisch ist ihr nichts vorzuwerfen wie auch bei allen anderen, Haupt- oder Nebenrolle. Alle hatten anscheinend genauso viel Spaß wie die Schauspieler in Guardians of the Galaxy. Das merkt der Zuschauer.

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ME: Ich denke auch, darstellerisch haben das alle gut gemacht. Mir gefiel außerdem die Figur des Bösewichts – einerseits sehr klassisch mit seiner Fixierung auf den Ausbau der Kriegsmaschinerie, andererseits aber auch menschlich in seiner Enttäuschung über seinen Mentor bzw. Vaterersatz. Und am coolsten war ja wohl sowieso seine crazy Pistole! Wo wir gerade bei ausgefeilter Waffentechnik sind – wo geht’s hin mit Ant-Man? Und überhaupt: Ist der Film ein Fest für Marvel-Nerds?

JGH: Ich glaube das die anderen Marvel-Nerds mit Ant-Man zufrieden sein werden, ich war es auf jeden Fall. Ein Fest würde ich es nicht nennen, dabei ist hier eine Nische bedient worden, die doch zu sehr in der bestehenden Welt spielt, im Gegensatz zu Guardians of the Galaxy. Aber ein großer Teil wird ihn schon als die so nötige, unterhaltende Verschnaufpause zur nächsten Großoffensive bei Captain America: Civil War lieben lernen. Weiterhin gab es genug zu entdecken für den aufmerksamen Marvel-Fan, sei es eine Anspielung auf Spider-Man in einem Nebensatz, die Nennung eines größeren Gegners, der aus den Ruinen auferstanden ist (in Bezug auf deinen Waffentechnik Kommentar) und auch das schwierige Verhältnis zu Stark Industries, was Hank Pym auch mit seinen bissigen Bemerkungen gegenüber Howard Stark und dessen Sohn Tony/Iron Man betont. Gerade letzteres ist ja auch der Aufhänger im kommenden Civil War. Wie schon vorzeitig berichtet wurde, ist Scott Lang/Ant-Man in dem Film auch dabei und eine Credit-Szene macht auch deutlich auf welcher Seite. Darauf freue ich mich. Trotzdem befürchte ich, dass er dort mehr den Comic-Relief geben wird und in der Folge nur darauf reduziert wird. Und ohne ein zweites Einzelabenteuer, welches kaum in den nächsten Jahren stattfinden wird, könnte er und besonders seine Mitstreiter wie Hank Pym und Hope in Vergessenheit oder Belächeln geraten. Leider gibt es noch keine Ankündigung, ob irgendjemand anderes aus dem Ant-Man-Film in Civil War dabei ist, aber sowas kann oftmals auch geheim bleiben oder später kommen. Da ist noch nichts in Stein gemeißelt. Zumindest Evangeline Lilly sollte einen würdigen Auftritt bekommen.

ME: Tatsächlich hätte ich vor allem nach der ersten der beiden Credit-Szenen erwartet, dass eine Fortsetzung auf jeden Fall angelegt ist, aber wie meine Recherchen ergeben haben, ist davon im heiligen Marvel-Plan noch nichts zu sehen. Vielleicht will man sichergehen, dass das Ganze den nötigen Erfolg hat, bevor man sich da weiter festlegt. Ein Auftritt von Evangeline Lilly fänd ich auch sehr begrüßenswert – sei es nun in Civil War oder in einer möglichen Fortsetzung. Wie fandest du eigentlich die Performance von Paul Rudd? Ich muss sagen, bei der ersten Ankündigung zum Cast war ich noch skeptisch, aber letztlich hat sich diese Entscheidung als ziemlich gut herausgestellt. Zur Ähnlichkeit mit der Comic-Figur kann ich jetzt nicht viel sagen, aber mir hat er in der Rolle gut gefallen, gerade weil Ant-Man ein etwas unkonventioneller und witziger Held ist und Paul Rudd das gut verkörpern konnte. Überrascht hat mich allerdings, wieviel der gute Mann abgespeckt und trainiert hat – und der ganze Aufwand für eine einzige (tatsächlich ziemlich alberne) Oben-Ohne-Szene, denn die restliche Zeit steckt er schließlich in einem ganzkörperbedeckendem Anzug. Aber ohne perfekt definierte Muskeln kann man sich als Superheld offensichtlich nicht sehen lassen.

JGH: Da wurde er ganz im Geiste von Chris Pratt und dessen Rolle in Guardians of the Galaxy engagiert, auch was das Abspecken betrifft. Ich würde mit einiger Sicherheit sagen, dass seine Besetzung auf Adam McKay zurückzuführen ist und deswegen hatte ich nie Bedenken gehabt. Als dazu noch die Nachricht kam, dass Paul Rudd einige seiner Sachen selber schrieb, wurde klar, dass er seine Paraderolle durchziehen darf, der sympathische, etwas schrullige Typ, der vielleicht nicht alles richtig macht, aber das mit einer großen Portion Charme ausgleicht. Und das trennt ihn in seiner lustigen Darstellung wieder von Chris Pratts Rolle des selbstüberschätzenden Starlords (Who?). Die könnten auch beide zusammen in einem Film spielen (bitte, bitte, bitte). Und Marvel braucht solche lustigen Charaktere abseits ermüdender Oneliner. Dieser Schlag ging übrigens Richtung Robert Downey Jr. als Iron Man, der aufpassen muss, nicht seine eigene Karikatur zu werden. Paul Rudd kann seine Sprüche ablassen, witzige Dinge tun und trotzdem geht das Hand in Hand mit seinen dramatischeren Storylines, sei es das Wiedergewinnen seiner Tochter oder sein Wunsch, die Welt des Verbrechens hinter sich zu lassen. Ant-Man in Form von Scott Lang ist darauf ausgemacht, den sympathischten Helden zu präsentieren, und das hat Paul Rudd perfekt gemeistert.

Bewertung: ME: 8/10 ; JGH: 9/10

2 Comments

  1. Schöne Kritik. Ich kann dem im Wesentlichen zustimmen, wobei ich 9 Punkte schon ein bißchen viel finde, da Ant-Man dann im Vergleich mit den Nolan Filmen oder Syngers X-Men deutlich abfällt. Der Dialog-Ansatz ist übrigens super gelungen.

    Ant-Man ist mit Sichherheit kein Dark Knight, aber als actiongeladener feel-good Superhelden-Film funktioniert er allemal.

    Meine Kritik findest du unter: http://www.superheldenkino.de/filme/ant-man-filmkritik.

    1. Hey, danke für den Kommentar. Deine Kritik finde ich auch sehr gut und kann deine Argumente gut nachvollziehen. Gerrit und ich waren nach der Pressevorführung schon sehr enthusiastisch. 🙂 Schön, dass dir die Dialog Form gefällt. Es war mal ein Experiment und es ist immer cool, wenn man dazu Feedback bekommt.

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