Interview mit Alican Kuzu

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Retrogarde3Alican Kuzu kam mit sechs Jahren aus der Türkei nach Deutschland. 2010 lernte ich ihn über ein Filmerforum kennen, wir tauschten Drehbuchideen und unsere Ansichten über Filme und die deutsche Filmlandschaft aus. Zweimal stand ich dann für ihn vor der Kamera, einmal er für mich dahinter. Neben der Zusammenarbeit ergab sich im Laufe der Zeit eine gute Freundschaft. Beim YourTurn-Wettbewerb hat er nun mit seinem Pitch zur Webserie Retrogarde den ersten Platz gemacht und somit 25.000 Euro gewonnen.

Jaschar L Marktanner: Hallo Ali, Gratulation zum Sieg beim YourTurn-Wettbewerb. Kannst du kurz zusammenfassen, worum es dabei ging?
Alican Kuzu: Bei dem Wettbewerb ging es darum, dass Ideen auf YouTube gefördert werden. Für mich war es eine Chance, das deutsche Filmschaffen international zu vertreten, da Webserien auf YouTube immer bekannter und beliebter werden, Deutschland aber immer mit allem hinterherhinkt. So ein Wettbewerb ist ziemlich gut, wenn man Unterstützung bekommt, um doch mitspielen zu können.

Hast du Retrogarde speziell für den Wettbewerb entwickelt?
Nein. Letztes Jahr war ich zufällig bei der Mediaconvention, wo die Verleihung des ersten YourTurns war. Zu der Zeit hatte ich bereits angefangen, Retrogarde zu entwickeln. Ich kannte den YourTurn damals nicht und als ich erfuhr, dass es ihn 2016 wieder geben wird, wusste ich: Alle Segel in diese Richtung setzen.

Damit wir auch wissen wovon wir überhaupt sprechen: Worum genau geht es in Retrogarde?
Ganz kurz gesagt geht es um ein Retrospiel aus den 80ern, das durch einen Code zum Leben erwacht und die reale Welt lahmlegt. Die Computer sind blockiert, die Wirtschaft bricht zusammen, wodurch eine Anarchie entsteht. Die Menschen müssen die digitale Welt angreifen und zerstören, um die Computer wieder freizugeben.

Du bist 1989 geboren, hast die 80er also gar nicht miterlebt. Woher die Faszination für diese Zeit?
Ich habe mich eigentlich schon immer für diese Sachen interessiert. Ich war vier oder fünf Jahre alt, als ich Terminator gesehen habe. 1993 rum waren die 80er nicht so lange her, sondern noch recht aktuell. Damals gab es in der Türkei keinen Jugendschutz oder so etwas, daher konnte ich als Fünfjähriger sehen wie zum Beispiel ein Cyborg in Aliens auseinander gerissen wurde. Das war natürlich sehr schockierend für mich, aber es hat ein Gefühl in mir hinterlassen, etwas, das ich immer wieder suche, wenn ich einen Film schaue. Auch heute – also vor allem heute – suche ich nach diesem Gefühl. Ich spiele auch heute noch die alten Spiele oder schaue alte Filme, einfach nur um zu sehen, wo da etwas war, das es heute vielleicht nicht mehr so gibt, weil wir heute mit der ganzen Technik geblendet sind.

Gehen wir mal ein bisschen auf deinen Hintergrund ein. Du deckst ein breites Spektrum ab: Drehbuchautor, Kameramann, Produzent, Regisseur, Schauspieler, VFX-Artist – wie bist du zum Film gekommen? Hast du eine Ausbildung gemacht?
Wo fang ich da am besten an. (überlegt) Also zum Film bin ich ganz offiziell gekommen als ich damals – ich glaube es war 2008 oder 2009 – eine Ausbildung an einer Schauspielschule angefangen habe. Das war ganz zufällig eigentlich. Ich habe ja nur einen Hauptschulabschluss, und da wird einem ein Leben lang eingetrichtert: „Selbst wenn du es machen willst, du kannst es nicht machen. Du bist erstens nicht schlau genug und zweitens nicht gut genug“. Man hat viele Voraussetzungen nicht erfüllt und deshalb hieß es, man müsse etwas Handwerkliches machen. Also habe ich danach gesucht und dabei ganz zufällig die Ausschreibung für diese Ausbildung gesehen. Ich dachte mir, einen Versuch ist es wert. Plötzlich saß ich mit diesen ganzen anderen Schauspiel- und Regieschülern am Tisch. Begriffe wie Requisiten, Proben oder Drehtage und so weiter, das war dort alles so alltäglich und es war für mich etwas sehr Schönes – es gab kein Zurück mehr für mich, ich dachte mir: „Du wirst das jetzt durchziehen, auch wenn du dabei stirbst!“

Die Ausbildung hast du dann aber kurz vor dem Abschluss abgebrochen.
Das hatte damals den Grund, dass ich mich mit meiner Filmerei verzettelt hatte und um genug Zeit für die Abschlussarbeiten zu haben, hätte ich ein Trimester dranhängen müssen. Dazu war ich nicht bereit und wollte direkt loslegen. Bereut habe ich es nie, da letztendlich die Werke mehr zählen als irgendein Papier. Zumindest in der Filmbranche. Zunächst wollte ich woanders irgendwann den Abschluss nachholen. Wie banal das wäre, habe ich im Laufe der Zeit verstanden.
Rückblickend muss ich sagen, dass ich vom Charakter her sehr früh angefangen habe, Filme zu verstehen oder zu machen, indem ich damals schon Filme auf eine ganz andere Weise angeschaut habe. Heute ist es auch noch so, ich sehe das als eine Art geistiger Krankheit bei mir. Ich kann mich sehr stark auf eine Sendung oder einen Film konzentrieren, es ist sogar so, dass ich nicht in der Lage bin, mit jemandem zu reden, wenn im Hintergrund ein Film läuft. Selbst wenn er schlecht ist, er zieht meine Aufmerksamkeit komplett auf sich.

Welcher dieser Bereiche liegt dir persönlich denn am meisten und was machst du überhaupt nicht gerne? Was davon wirst du bei Retrogarde übernehmen?
Ich dachte bisher, dass ich am besten schreiben kann, aber am Set merkte ich, dass ich doch in der Regie die besten Fähigkeiten entwickelt habe. Aber das ändert sich auch immer.
Produktion mache ich sehr ungerne. Ich glaube das ist so der overkill für jeden, der Regie oder Schauspiel macht. Ich bin noch dazu ein sehr undisziplinierter Mensch, ich kann mich nicht an Zeitpläne halten, ich kann nicht gut Sachen besorgen, ich dreh mich so lange im Kreis bis ich es dann versemmele.
Bei Retrogarde übernehme ich tatsächlich trotzdem noch Produktion, allerdings eher in einer delegierenden Position. Ich werde sonst nur das machen, was ich gut kann. Alles, was ich nicht gut kann, werde ich abgeben. Ich werde vor allem Regie führen, Drehbuch schreiben und auch mitspielen.

RetrogardeSoweit ich weiß, hast du – von einigen kleineren Gehversuchen und YouTube-Videos abgesehen – bisher drei eigene Kurzfilme gedreht: Kings of Apocalypse (2010), Edge (2012) und I walk alone (2013). Denkst du, du bist gut genug vorbereitet, um Regie bei so einem großen Projekt zu führen?
Ich finde die Frage ziemlich interessant. Bei mir war es zum Beispiel nach I walk alone so, dass ich merkte: Wir haben viel richtig gemacht, aber einiges auch nicht. Ich war damals der festen Überzeugung, dass ich alles was ich falsch gemacht hab, eigentlich kann. Das stimmt auch, aber was man dabei immer vergisst, ist, dass es sehr schwer zu manangen ist, alles zusammenzubringen, was einen guten Film ausmacht. Man muss in Sachen Produktion seine Hausaufgaben machen, um auch den Freiraum zu haben, das besser zu machen, was man tatsächlich hätte besser machen können. Letztendlich kann jeder alles irgendwo, aber man braucht die Zeit, man braucht eine gute Planung, man darf die Aufgaben nicht falsch herum angehen.
Wir haben jetzt ein ganzes Jahr lang immer wieder Sachen für Retrogarde gedreht. Ich habe immer auf meine Fehler geachtet: Was kann ich optimieren, was kann ich abgeben und so weiter. Jetzt ist es tatsächlich so weit ausgeartet, dass dieses Projekt nicht mehr nur mir alleine gehört. Natürlich leite ich es, ich habe es ins Leben gerufen und alle gucken immer auf mich, wenn es heißt: „Toll gemacht!“ Aber letztendlich ist es so, dass wir das mit mehreren Leuten zusammen machen und da bin ich sehr froh drüber, denn ich sehe mich als alleiniger Produzent und Regisseur sowie Schauspieler nicht in der Lage, ein so großes Projekt in einer angenehmen Weise durchzuziehen. Deshalb muss ich ein Team zusammenstellen, dem ich vertrauen kann, und das ist mittlerweile der Fall. Wir sind gut auf das Projekt vorbereitet.

Jetzt waren das ja alles mehr oder weniger Endzeitfilme und auch Retrogarde ist nicht grade das, was man ein typisch deutsches Sujet nennen würde. Was genau reizt dich daran, Genrefilme zu machen?
Da habe ich sogar neulich drüber nachgedacht. Ich kann die gleiche Geschichte eigentlich in einem recht angenehmen, normalen Setting erzählen. Es müssen nicht immer tausend Sachen kaputt gehen, aber wenn ich dann so ein Drehbuch fertig habe und es verfilmen will, denke ich: „Irgendwie habe ich keine Lust darauf.“
Mich reizt die Atmosphäre, das ist vielleicht ein gutes Stichwort. Ich bin ein Atmosphärenfetischist. Sogar die Luft muss gefährlich sein in meinen Filmen, damit die ganze Zeit irgendetwas passieren kann oder die Figuren sich auf irgendetwas vorbereiten müssen. Natürlich kann man das alles auch in ein normales Setting packen, aber mich reizt das von der Optik und den Figuren her nicht, ich erzähle sehr ungerne Geschichten über normale Leute.

Ich habe mir nicht alle Wettbewerbseinreichungen angeschaut, aber für mich entsprach das meiste davon dem deutschen Standard. Glaubst du, dass du trotz oder wegen des hierzulande untypischen Themas gewonnen hast?
Ich denke sowohl als auch. Es ist mir auch aufgefallen, als ich mir andere Einreichungen angeschaut habe. Ich dachte: „Okay, es gibt ein paar richtig geile Projekte, aber das einzige, was wahrscheinlich wirklich international ankommen kann, ist Retrogarde.“
Ich denke es war einerseits so, dass sich Retrogarde trotzdem durchgesetzt hat, aber da muss man natürlich auch die Jury betrachten. Die Jury setzt sich aus den verschiedensten Ecken zusammen, es waren auch viele junge Leute dabei. Die haben einen ganz anderen Blick darauf und das ist vielleicht das, was die deutsche Filmbranche mal ganz dringend nötig hat – dass die Jurys nicht nur mit intellektuellen Leuten besetzt werden, sondern auch mal mit Leuten, die einfach nur Filme konsumieren und dann auch ganz klipp und klar sagen: „Das guck ich mir nicht an, das finde ich langweilig.“
Ich denke in dieser Hinsicht haben wir wirklich Glück gehabt, dass wir die einzigen waren, die derart in Richtung internationaler Markt gegangen sind. Unterm Strich gesehen hat es geholfen. Dass Science-Fiction in Deutschland einen Förderpreis erhält, das ist der Hammer.

Deutsche Independentfilmer widmen sich meiner Erfahrung nach oft nur deutschen Standardthemen, obwohl sie naturgemäß nicht an Vorgaben eines Studios gebunden sind. Wie siehst du das?
Ich glaube, dass es viel mit der schlechten Ausbildung zusammenhängt. Hier wird praktisch nur technisch ausgebildet und zusätzlich wird uns eingetrichtert, dass nur diese eine Richtung funktioniert. Ich war da schon immer gern ein Rebell. Manchmal schalte ich meinen Kopf aus und renne volle Kraft vorraus, weil ich spüre, dass es so richtiger ist als nach Vorgabe zu arbeiten. Das ist aber selten und viele Filmstudenten glauben schnell ohne zu hinterfragen, was man ihnen erzählt. Die meisten enden auch in der Werbeindustrie, dabei war es Jurassic Park, der sie zum Film gebracht hat. Das sehen sie nach ihrer ernüchternden Ausbildung nicht mehr so und genau da liegt der Fehler. Sie halten es für falsch und töricht, an die Magie der Filme zu glauben. Dazu kann ich nur sagen: Findet euren Glauben wieder!

Die Werbeindustrie bringt ja immerhin Geld ein. Machst du dir Gedanken über die Wirtschaftlichkeit deiner Filme?
Die Wirtschaftlichkeit eines Filmes ist tatsächlich eines der wichtigsten Dinge. Niemand arbeitet gerne für den Mülleimer und niemand gibt gerne sein Geld in den Mülleimer. Natürlich sollte man sich nicht die ganze Zeit darüber Gedanken machen, wie die Leute einen Film sehen. Mein Motto ist: „Die Leute können mich hassen dafür, aber ich werde diesen Film lieben.“ Aus meiner Sicht ist es falsch, einen Film für die komplette Masse zu machen, der wirklich alle Menschen ansprechen soll. Man sollte sich eine bestimmte Zielgruppe aussuchen, auch wenn es diese Zielgruppe vielleicht noch gar nicht gibt. Für mich sind Filme, die nicht nach ihrer Wirtschaftlichkeit gedreht wurden, für den Mülleimer gearbeitet – in den meisten Fällen.

Retrogarde1Mal wieder zurück zu Retrogarde: Durch den Gewinn und die generierte Aufmerksamkeit werden sich dir jetzt wohl einige Türen öffnen – aber wie war das vor dem Wettbewerb? Hattest du Probleme damit, Leute für das Projekt zu gewinnen?
Das kommt darauf an, mit wem man spricht. Wenn ich mit Schauspielern darüber redete, waren sie sofort Feuer und Flamme dafür. Ich hatte immer das Gefühl: Die explodieren direkt, wenn sie nicht sofort drehen dürfen. Für sie ist es immer noch was Besonderes.
Aber wenn es um Leute ging, die sich in irgendeiner Weise beteiligen sollten, also Sponsoren, Equipmentverleihe und so weiter, Geldgeber grob gesagt, ist es so, dass man entweder keine Antwort bekommt oder sie negativ ausfällt. „Wir haben kein Interesse an Ihnen und Ihrem Dreh.“ Wurde mir mal so geschrieben.
Aber um auf deine Aussage zurückzukommen, wir haben jetzt noch nicht so viel ausprobiert und geschaut, ob es nun anders ist. Wir hatten nun einige Beiträge in den Medien, was ziemlich cool ist, das wird sicherlich helfen uns von anderen Projekten abzuheben. Aber man sollte niemals davon ausgehen, dass so ein kurzer Erfolg alles ändert. Man muss trotzdem dafür kämpfen.

Welches Publikum möchtest du mit Retrogarde erreichen?
Primär Leute, die so zwischen 20 und 40 sind. Also Leute, die in den 80er Teenager waren und deren Kinder, die vielleicht auch noch „retro“ aufgewachsen sind.
Die Story ist recht brutal mit viel Blut, aber ich glaube es wird auch jüngeren Leuten gefallen, weil es sehr cool und schnell erzählt ist, mit viel Action. Sehr modern gemacht, aber mit Retroreferenzen. Ich denke, da spricht man auf jeden Fall alles an, was von 14 bis 40 geht. Vielleicht auch darüber hinaus, weil es bedeutungsvoll und teilweise wissenschaftlich erzählt ist, wie das Ganze überhaupt passieren kann.

25.000 Euro sind ein stolzer Betrag, für Retrogarde aber vermutlich zu wenig. Was meinst du, für wie viele Folgen das Geld reicht? Wohin genau wird es fließen? Und wie wirst du Retrogarde fortsetzen, wenn das Budget aufgebraucht ist?
Das ist tatsächlich richtig, wenn man Retrogarde als eine offizielle Produktion durchziehen würde, die richtig finanziert ist, würde alleine das Budget für die Visual Effects die Millionengrenze sprengen.
Ganz viel wird für die Locationmiete draufgehen, dann für Reisen, für Unterkünfte, Requisiten, Kostüme. Dann natürlich für technisches Material, 3D-Scans, Motion Capturing, wir haben ja Roboter, die gegeneinander kämpfen. Leute, die Vollzeit an den VFX arbeiten, werden bezahlt. So zumindest der Plan bisher.
Wenn das Budget aufgebraucht ist, haben wir das Ganze hoffentlich schon fertig. Im Oktober werden wir noch mal ein Crowdfunding starten. Es wird dann auch Merchandise und eine eigene Webseite geben. So kommt hoffentlich genug Geld zusammen, damit wir nächstes Jahr nicht noch einen Wettbewerb gewinnen müssen, um die zweite Staffel zu realisieren.

Was hättest du gemacht, wenn du beim YourTurn nichts gewonnen hättest? Hättest du Retrogarde trotzdem realisiert?
Ich dachte einige Zeit lang, dass wir nicht gewinnen. Wir haben die erste Folge schon zur Hälfte gedreht, es fehlen noch zwei oder drei Drehtage. Der Plan wäre dann gewesen, die erste Folge mit sehr viel Arbeit, die ich alleine mache, fertigzustellen und damit dann ein Crowdfunding zu starten. Ich hätte ganz viel gearbeitet und ganz viel gespart, ich hätte es nicht aufgegeben.

Danke für das Gespräch, Ali. Das letzte Wort gehört dir.
Filme zu machen ist nicht leicht und wer es sich leicht machen möchte, der ist falsch. Der sollte keine Filme machen.

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