Jahresabriss 2015

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Und schon ist ein großartiges Filmjahr um – wir ziehen ein Resüme und haben dafür höchst subjektive Listen erstellt. Gerne diskutieren wir in den Kommentaren über Für und Wider und freuen uns über weitere Tipps und Must-Sees. See you next year!

© Universal Pictures
© Universal Pictures

StephanH:

Beste: Ex Machina – Einer der besten Filme zum Thema Künstliche Intelligenz, der sowohl vom Aufbau, den Schauspielern und dem Set zu überzeugen weiß. Von tanzenden Robotern ganz zu schweigen.

Überschätzt: Victoria – Der Film des Jahres, wenn nicht sogar mehr, hieß es. Großes Experiment, besetzt mit fantastischen Jungdarstellern, wurde darüber gesagt. Gestimmt hat davon nichts. Das einzige, was nicht angestrengt hat, war der Soundtrack von Nils Frahm. Ansonsten mehr Möchtegern als Meistwerk. Oder um es mit den Worten von Marcus Wiebusch zu sagen: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“

Entdeckung: Oscar Isaac. Ob im bereits erwähnten Ex Machina, dem gelungenen A most violent year oder der vielgelobten Serie Show me a hero, Oscar Isaac hat dieses Jahr zu seinem gemacht und vielseitig geglänzt.

Größte Enttäuschung: Big Eyes – Was passiert, wenn Amy Adams, Christoph Waltz und Tim Burton aufeinander treffen? Wird es vielleicht das beste Projekt in ihren Karrieren? Wer auf eine positive Antwort hofft, wird enttäuscht. Stattdessen werden Charaktere auf oberflächliche Weise dargeboten, in Klischees gepresst und erleben eine langweilige Entwicklung, die so vorhersehbar ist, dass es weh tut. Und Christoph Waltz muss ein weiteres Mal als Bösewicht herhalten. Gähn.

Wiederentdeckung: Johnny Depp in Black Mass, der das Piratenkostüm zugunsten für die Rolle des Mafiabosses eintauscht, eine steinerne Miene anlegt und eine furchteinflößende Präsenz verströmt, die ihm nicht mehr zugetraut wurde. Deprimierend, dass er sich jetzt wieder seinen Rollen als verrückter Hutmacher und Captain Jack Sparrow zuwendet statt diese sehr positive Entwicklung weiterzuverfolgen.

Meisterwartet: Star Wars – Das Erwachen der Macht – Ohne Worte

Zu Unrecht übersehen: Life – Robert Pattinson und Dane DeHaan im neuesten Werk von Anton Corbijn als Jung-Fotograf Dennis Stock und dem aufstrebendem James Dean. Und Ben Kingsley trägt die wohl bizarrste Frisur dieses Kinojahres.

Beste Serie: The Wire – Nach zwei Jahren endlich abgeschlossen und was für ein großartiges Ende dieser fantastischen Serie. Grandiose fünf Staffeln, die perfekt ineinander schließen.

Beste Sneak: Birdman or the unexpected virtue of ignorance– 60 is the new 30, Cocksucker!

Schlechteste Sneak: The Walk – So misslungen, dass er eine eigene Kritik bekommen hat. Die lässt sich hier nachlesen.

Bester Bierlaunenfilm: Rubber – Warum? Reine Willkür.

Bester Animationsfilm: Alles steht Kopf – Hätte es fast zum besten Film geschafft, wurde aber noch knapp von Ex Machina abgehängt. Ändert aber nichts daran, dass dieser Film nebenbei das Genre Animationsfilm neu definiert und mit großen Ideen zu überraschen weiß. Großartig!

Beste Maske: Frank – im wahrsten Sinne eine Maske, die der gute Michael Fassbender trägt und sich dahinter versteckt. Eigentlich ist der Film bereits 2014 erschienen, aber erst dieses Jahr wurde er in Deutschland veröffentlicht. Also doch noch ganz knapp geschafft.

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© Warner Bros. Pictures Germany

DieFilmguckerin:

Bester Film: Ich habe mir Mad Max: Fury Road zweimal im Kino angesehen – das muss etwas bedeuten. Denn der letzte Film, bei dem ich mehrmals im Kino war, müsste Balto gewesen sein und das ist weiß Gott schon eine Ewigkeit her. Die rasante Wüstenwelt rund um den lonesome Cowboy überzeugt mit actionreichen Stunts und tollem Design – und überraschend starken Frauenfiguren. Eine ganz runde Sache und wohl mein absolut bestes Kinoerlebnis in diesem Jahr.

Unterschätzt: Nicht nur unterschätzt, sondern völlig zu unrecht extrem kritisiert war dieses Jahr Ryan Gosling’s Erstlingswerk Lost River. Mich konnte der Film hingegen mit einer dichten und interessanten Atmosphäre, einer sehenswerten Geschichte und vielschichtigen Charakteren überzeugen. Ach ja, und total super sah das Ganze auch noch aus!

Überschätzt: Wild Tales – viel zu überzogen und anstrengend. Da hätte man bessere Filme für den Oscar nominieren können.

Enttäuschend: Auf Macbeth hatte ich mich eigentlich gefreut, Trailer und Besetzung wirkten vielversprechend. Im Kino stellte sich das Ganze dann leider als unangenehm prätentiös heraus, es gab jede Menge Zeitlupen und bedeutungsschwangeren Rauch, der den verschwurbelten Shakespeare-Text umwabern konnte. Das eigentlich schöne Design des Films wirkte letztendlich einfach nicht innovativ genug, die Performances zu streng und ausufernd.

Schlechteste Special Effects: Eigentlich jede Szene im inhaltlich total zusammengepappten The Seventh Son – der Versuch, die billigen Special Effects und die schlimmen Masken mit übertriebenem Weichzeichner zu kaschieren ging gründlich nach hinten los. Augenkrebs ahoi!

Klassiker-Entdeckung: Mit Mean Streets habe ich dann tatsächlich doch noch einen Scorsese-Film entdeckt, der mich extrem vom Hocker gehauen hat. Eine wilde Fahrt durch das nächtliche New York und ein unverschämt gutaussehender Harvey Keitel werden mit einer grandiosen Kameraführung und  Ästhetik gepaart. Heraus kommt mein neuer Lieblingsfilm des Altmeisters.

Kult-Entdeckung: Dieses Jahr das erste Mal Clerks gesehen. Die ganz große Liebe.

Beste Serie: Noch nicht einmal die erste Staffel zu Ende geguckt und schon hat sich Les Revenants für mich zur besten Serienentdeckung dieses Jahres gemausert. Die Serie hat alles, was das Herz begehrt: eine extrem interessante Grundidee und eine spannende Handlung, tolle Charaktere, ästhetische Bilder und einen perfekten Sound, der durch die Band Mogwai beigesteuert wird.

Comeback des Jahres: Der oft geschmähte Regisseur M. Night Shyamalan kehrte dieses Jahr auf den Pfad der Tugend zurück und bewies mit seinem sehr spannenden und interessant erzählten The Visit, dass er im Horror/Thriller Genre immernoch was drauf hat. Would you mind getting inside the oven to clean it?

Am sehnsüchtigsten erwartet: Natürlich Star Wars – The Force Awakens. Saß die ganze Zeit mit dem breitesten Grinsen der Welt im Kino. Nur dem extremen Rummel und dem unendlichen Merchandise drumherum wäre ich gerne entkommen.

© Fox Searchlight
© Fox Searchlight

GerritH:

Meine 10 besten Filme des Jahres ohne Reihenfolge:

Birdman

Ex Machina

Inside Out

Kumiko, the Treasure Hunter

Mad Max: Fury Road

Me and Earl and the Dying Girl

Sicario

Steve Jobs

The World of Kanako

Whiplash

Besondere Nennung: Whiplash

Das Musikfilm-Genre kann überwiegend belächelt werden, aber das ist okay, denn oft geht der gewillte Zuschauer aus solchen Filmen mit einem Lächeln heraus, ohne länger darüber nachzudenken. Whiplash gönnt kein Lächeln, denn es ist möglicherweise der einzige Film, der die Liebe zur Musik, den Ehrgeiz, dieser Herr zu werden und die Veränderung, die diese bei einem Menschen verursacht, realistisch einfängt. Gekrönt von zwei karriere-definierenden Leistungen (Miles Teller, J.K. Simmons), einer mitreißenden Inszenierung und dem atemberaubendsten Finale eines jeden Musik- oder Sportfilms (denn seien wir mal ehrlich, diese zwei Genres gehören hinsichtlich ihrer Struktur doch eigentlich zusammen).

Größte Überraschung des Jahres: Mad Max: Fury Road

George Miller beweist Mut zur Lücke und erspart uns eine schon tausendmal dagewesene Handlung. Dagegen entsteht durch perfektioniertes visuelles Storytelling eine Geschichte rein aus den Charakteren, eingebettet in ein aufgeblasenes B-Movie mit (im wahrsten Sinne des Wortes) abgefahrener, handgemachter Action. Und wäre das noch nicht genug, lässt Miller sein scheinbar altmodisches Werk gerade durch pointierte Entmännlichung des Actionfilms und Verspieltheit mit nervigen Klischees (Deus ex machina) beeindruckend in der Neuzeit ankommen. Die einzig größere Überraschung ist wohl nur, dass die größte Überraschung ein Genrefilm beschreibt!

Größte Enttäuschung des Jahres: Don Verdean

Hier könnte man natürlich Werke wie Blackhat, Child 44, Pixels oder The Walk erwarten, aber ganz ehrlich, gehofft habe ich auch nur, dass diese zumindest okay werden. Bei Don Verdean war das anders. Sam Rockwell, einer der (leider immer noch oft unterschätzten) besten Schauspieler seiner Generation, tut sich mit einem der lustigsten Gesellen derzeit zusammen, Jermaine Clement (What We Do in the Shadows, Flight of the Conchords, Eagle vs Shark), bekommt Unterstützung von Amy Ryan sowie extrem lustige Schauspieler wie Will Forte und Danny McBride, und alle sollen in einer Religions-Satire kulminieren. Das Produkt wiederum lässt sich mit den zwei zerstörerischsten Wörtern, die ein solcher Film bekommen kann: langweilig und unlustig!

Hidden Gem: Me and Earl and the Dying Girl

Endlich wieder ein voll genießbarer Coming-of-Age-Indie-Film, der die Klischees solcher Werke links liegen lässt und sich somit den Titel Indie verdient. Ohne aufgedrückte Liebesgeschichte, ohne rumblödelnde Sidekicks wird die Geschichte eines überforderten Jungen erzählt, der sich mit Zukunft, Freundschaft, Verantwortung und Tod auseinandersetzen muss. Phänomenal gespielt, bis in die Nebenrollen großartig besetzt, wartet der Film auch mit großartigen Inszenierungsideen und -kniffen auf sowie einer in die Story integrierte, gnadenlos lustige Hommage an klassische Filme. Ein so frisches und charmantes Werk habe ich seit Jahren (sprich: Scott Pilgrim vs. the World in 2010) nicht mehr in diesem überfluteten Genre gesehen. Me and Earl and the Ding Girl überrascht, unterhält und bringt Lachen und Weinen zusammen, uneingeschränkt der schönste Film des Jahres für mich.

Entdeckung des Jahres: Thomas Mann (Hauptrolle in Me and Earl and the Ding Girl)

So viele Facetten, wie Mann in diesem Film zeigt, sollten ihm eigentlich alle Türen öffnen, erstmal einige weitere Indies zu machen und dann den großen Sprung zu wagen. Die ängstlicher Überforderung seines Charakters spielt er so spürbar, dass diese sogar hinter jedem Witz oder Kommentar subtil sichtbar hervorlugt. Auch seine emotionalen Szenen trägt er mit einer überraschenden Souveränität. Als kleine Highlights gibt es dazu noch ultrakomische und überraschend akkurate Imitationen von Klaus Kinski und Werner Herzog.

Bester Schauspieler des Jahres:

Oscar Isaac ohne Zweifel. Nicht nur sind seine Performances ausnahmslos exzellent, die Filme sind es auch, was auch für eine extrem gute Auswahl seiner Projekte spricht. Die Wandlungsfähigkeit sollte dabei auch genannt werden: von zwielichtigem Technik-Genie (Ex Machina), über ambitionierter Einwanderer als Unternehmer (A Most Violent Year) und idealistischer Jung-Politiker (Show Me A Hero) bis hin zum Rebellenpiloten in einer fernen Galaxie (Star Wars: The Force Awakens), was Isaac macht und wie er es macht, immer eine Qualität für sich.

Zu Unrecht übersehen: Love & Mercy

Berlinale, Kino-Auswertung, großartige Kritiken – trotzdem anscheinend unter dem Radar vieler Kinogänger geblieben. Der anachronistisch erzählte Film über Brian Wilson (und The Beach Boys) ist nicht nur ein mitreißendes Drama, sondern endlich mal auch ein (Musiker-)Biopic mit einem vernünftigen Fokus. Wie schon bei Steve Jobs geht es hier darum, die Hauptperson und sein Umfeld kennenzulernen, und weniger um eine Wikipedia-Abarbeitung eines Lebens mit Schwerpunkt auf Erfolge und Misserfolge. Außerdem darf man jeweils John Cusack und Paul Dano in einer ihrer besten Rollen sehen, wobei sie auch noch die gleiche Person spielen. Sowohl Dano als auch der Song ‚One Kind of Love‘ von Wilson sind für einen Golden Globe nominiert, eine Auszeichnungen würde in beiden Fällen gerechtfertigt sein.

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