Kumiko, the Treasure Hunter

© Lila 9th Productions
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This is a true story.

Alles begann mit einer Lüge, die Filmgeschichte schrieb. Im Jahr 1996 leiteten die Coen-Brüder ihr Werk Fargo mit der berühmt-berüchtigten Texttafel ein, das die folgende Handlung auf einer wahren Geschichte beruht. Sie gingen sogar so weit zu deklarieren, dass aus Respekt vor den Toten diese genau so erzählt werde, wie alles passierte. Dieses Spiel, halb Trick, halb Witz, dass Leute zu gerne eine Story für wahr empfinden wollen, findet erst seine seine Auflösung am Ende des Abspanns, in dem aus rechtlichen Gründen steht, das alles reine Fiktion sei. Der Umstand, dass der allgemeine Zuschauer in den meisten Fällen kaum den Abspann liest, besonders das rechtliche Kleingedruckte, half auch der anfänglichen Mystik um das vergrabene Geld irgendwo in Minnesota, welches Steve Buscemis Charakter versteckte, bevor er von seinem Partner getötet wurde und im Gartenschredder landete.
Trotz der darauffolgenden Aufklärung in den Jahren nach 1996 belebte der Fund einer erfrorenen Japanerin den Mythos um Fargo. Takako Kinoshi wurde im November 2001 in einem Waldteil in der Nähe einer Kleinstadt in Minnesota entdeckt, 80km von der realen Stadt Fargo im Nachbarstaat North Dakota entfernt. Es dauerte nicht lang, bis aus diesem Fall eine urbane Legende entstand, in der Kinoshi das Geld aus dem Film Fargo suchte und dabei starb. Diese Legende hat natürlich kein Fundament, es entstand 2003 sogar eine Kurz-Dokumentation von Paul Berczeller unter dem Namen This is a True Story, in der mit der Legende aufgeräumt wird. Kinoshi reiste in die Staaten, weil sie einen amerikanischen Banker finden wollte, den sie in Tokyo kennenlernte, welcher ursprünglich aus Fargo kam. Es gibt stichhaltige Indizien, dass sie mit ihm einige Stunden vor ihrem Tod sehr lange telefoniert habe, ihr Tod selbst wird als Suizid vermutet.
David Zellners Film Kumiko, the Treasure Hunter von 2014 basiert nicht auf der wahren Geschichte hinter Takako Kinoshi, vielmehr lässt er sich als Mischung aus Kinoshis Geschichte und der urbanen Legende beschreiben. Dabei ist ein eigenständiges, wunderschön eingefangenes Werk entstanden, das meisterlich auf dem Grad zwischen traurigem Existenzdrama und spannendem Eskapismus-Abenteuer wandert und mit einer karrieredefinierenden Leistung von Rinko Kikuchi aufwartet.

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Gleich die erste Szene stellt Kumiko in einer märchenhaft mysteriösen Schatzsuche vor. Mit einer gestickten Karte findet sie in einer Höhle am Strand eine Videokassette von dem Film Fargo. Doch warum und wie sie auf diesen Schatz stoßen konnte, bleibt ungeklärt.Diese Welt, in die der Zuschauer gezogen wird, versprüht eine Lust am Abenteuer, aber sie spiegelt nicht die Realität in Kumikos Leben wieder. Es folgt eine traurige Charakterstudie als verlorener Mensch in der Großstadt. In einem Sackgassen-Job als Office Lady in Tokyo wird sie aufgrund ihres Alters von 29 Jahren nur noch für niedere Arbeiten eingesetzt. Ihr einziger Kontakt neben einem Hasen sind die Telefonate zu ihrer Mutter, welche nur wissen will, ob sie in ihrem Job aufsteigt oder bald heiratet. Dabei ist Kumikos Emotionalität nahezu erstarrt, mit langsamen Bewegungen und für Japaner auffällig verändertem Stimmbild wandelt sie durch den Alltag. Die spürbare, alles überschattende Einsamkeit verschluckt ihre Wut, so findet auch der Zuschauer kaum Genugtuung, wenn sie die Anzüge ihres Bosses in den Müll stopft oder in dessen Tee spuckt. Aus ihrer Lethargie erwacht Kumiko nur zu Hause, wenn sie mit ihrem Hasen zu tun hat oder immer wieder die gefundene VHS von Fargo für ihre nächste Schatzsuche studiert. Ihre Gesichtszüge zeigen Linien von Aufregung, wenn sie die Szene wiederholt, in der Steve Buscemis Charakter das Geld im Schnee versteckt und markiert.

Inszenatorisch fängt Zellner die Szenen in Tokyo im gleichen Stillstand ein, wie man Kumikos Leben dort beschreiben kann. Sehr altmodisch arbeitet er mit ausgesuchten Einstellungen und verzichtet weitestgehend auf Kamerabewegungen. Für Räumlichkeit sorgt er überwiegend nur mit Schärfenregulierung und Zooms. Ist Bewegung unvermeidbar in einer Szene, benutzt Zellner effektiv langsame Kamerafahrten oder bedachte Bewegungen einer starren Kamera nach oben/unten oder rechts/links. Doch ohne die entsprechende Darstellung der Figur Kumiko würde der Film nicht funktionieren. Mit Rinko Kikuchi wurde die richtige Schauspielerin gefunden, die mit ihrer beherzten Performance den Zuschauer in ihre Welt zieht. In den Tokyo-Szenen schafft sie die schwierige Gratwanderung, die Traurigkeit von Kumiko greifbar zu machen, ohne dass der Zuschauer in Mitleid verfällt. Doch besonders muss ihre meisterhafte Leistung in der zweiten Hälfte des Filmes gelobt werden, porträtiert Kikuchi dort glaubhaft den psychischen Verfall bei der geradezu manischen Schatzsuche. Mag der Zuschauer noch einige ihrer Aktionen in ihrer Naivität belächeln, wird bald klar, dass unter der Oberfläche eine ernstzunehmende psychische Erkrankung liegt, die sich bereits in Tokyo entwickelt hat. Ohne Over-Acting macht Kikuchis sensible Darstellung diese Erkenntnis spürbar.

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Sobald die Schatzsuche Kumiko in die Vereinigten Staaten führt, wird wie die Darstellung von Kumiko auch die Inszenierung von Kumiko, the Treasure Hunter kinetischer. Trotzdem bleibt Zellner seiner Linie treu und sucht die Ruhe in seinen Bildern. Der Sprung über den Ozean verzeichnet aber auch einen Schwenk im Genre. Von der Erzählung her bietet sich der Wechsel von Charakterdrama zu Abenteuer als Ausdruck von Ausbruch an, doch damit begnügt sich Zellner nicht. Er gräbt tiefer und behandelt nicht nur die Stärke des Eskapismus, sondern zeigt auch die gefährlichen Extreme, in die Personen wie Kumiko abschweifen, um ihre Fantasiewelt aufrecht zu erhalten. Einzelne Szenen lassen sich eher dem Psychodrama zuschreiben. Dabei wird der Zuschauer unangenehm involviert. Während Kumiko ohne Kompromisse an den Schatz glaubt, weiß dieser, dass es ihn nicht gibt. Das spricht eine Meta-Ebene an, da sich der Zuschauer nun selber eine Fantasiewelt zurecht legen muss. Nur ein Wunder, ein wie auch immer angelegter „Schatz“, erlaubt ein Happy-End in der Geschichte. Auch die Rechtfertigung von Kumikos Handlungen drängt sich auf. Am Telefon wird sie zurecht von ihrer Mutter als Lügnerin und Diebin (sie stiehlt die Kreditkarte ihres Chefs für die Reise) bezeichnet. Doch in ihrer Welt, in der sie auch den Zuschauer zieht, hat sie das Recht, denn sie muss den Schatz finden.

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Zellner spielt sogar wortwörtlich mit einem anderen Beispiel von „Schatz“, taucht er höchstselbst in der Rolle eines wohlwollenden Polizisten auf. Dabei kommt er der Original-Geschichte ziemlich nah, war die Suche von Takako Kinoshi die nach Liebe. Doch dieses Wunschdenken, sei es zuerst beim Zuschauer und später bei Kumiko, ist natürlich nicht in der Realität verankert. Zellners Polizist, der namenlos bleibt, scheint die letzte Rettung, doch seine Welt ist die Realität und diese reibt sich mit der Traumwelt von Kumiko. So finden auch diese Szenen, die aus Unverständnis außerhalb der Sprachbarrieren bestehen, kein zufriedenes Ende. Er kann ihr keine Liebe geben, sie kann seinen Überzeugungsversuch, dass es keinen Schatz gibt, nicht annehmen. Und so muss sie doch alleine ihren Weg beschreiten und das Ende der Geschichte finden. Kumiko, the Treasure Hunter nimmt sich dabei die Freiheit, zwei Enden zu bieten, eins für den Träumer, eins für den Realisten. Das ist zwar gewagt, macht aber im Verlauf der Geschichte Sinn. Dadurch entlässt Zellner den Zuschauer nach dessen starker Einbeziehung eher mit Denkanstößen als mit einem vorgesetzten Abschluss.

Fazit: Alexander Payne als Produzent, die Duplass-Brüder und David Gordon Green in den Danksagungen, das sind große Namen, mit denen sich David Zellner, gemessen an seinem Werk Kumiko, the Treasure Hunter, schon messen kann. Mit gutem Gespür verschmelzt er die wahre Geschichte um Takako Kinoshi, die urbane Legende um ihren Tod und eigener Originalität zu einen homogenen Film über Eskapismus. Mit gut platzierten Referenzen an den Film Fargo, nicht zuletzt die Filmmusik von The Octopus Project als Variation dessen Soundtracks, und einer mitreißenden Leistung der Hauptdarstellerin Rinko Kikuchi hat er dabei ein anspruchsvolles, traurig-schönes Meisterwerk geschaffen.

Bewertung: 10/10  

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