Marshland [La Isla Mínima]

© Atresmedia Cine
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Bevor der koreanische Filmemacher Bong Joon-ho besonders mit The Host, Mother und seinem englischsprachigen Debüt Snowpiercer in der ganzen Welt auf sich aufmerksam machte, zeigte er seine Qualität der grenzüberschreitenden Genreunterhaltung schon in dem Film Memories of Murder von 2003. In einer überraschend humorvollen (Stichwort: lustigste Tatortbegehung aller Zeiten) Abhandlung erzählt er von der wahren Geschichte von der Jagd nach einem Serienkiller Mitte der 1980er-Jahre. Das Setting in der Spätzeit der südkoreanischen Militärdiktatur nutzt Bong für einen Genrefilm mit satirischen Einschlägen durch den vorherrschenden politischem Hintergrund. Auch in europäischen Gefilden herrschte bis Ende der 70er eine Militärdiktatur, die einige Wunden hinterließ, von denen nun der spanische Film Marshland (La Isla Mínima) erzählt. Ganz im Sinne von Songs Meisterwerk beschreibt auch Alberto Rodrígeuz’ Film aus dem Jahr 2014 eine (nun fiktive) Serienmörder-Geschichte in einem politischen Kontext, auch wenn hier jedweder Humor fehlt. Zwar erreicht das Werk nicht die Brillanz von Memories of Murder, doch weiß Marshland mit einer spannenden Inszenierung, großartigen Schauspielerleistungen und eindrucksvollen Bildern der Guadalquivir-Sümpfen zu überzeugen, während eine pointierte politische Botschaft den Film am Ende sogar kontrovers abrundet und lange nachklingen lässt.

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Die Voraussetzungen für die Geschichte sind ganz klar dem Genre verschrieben. In einem fast vergessenen Ort im Marschland am Unterlauf des Guadalquivir in Andalusien, verschwinden zwei Mädchen, weswegen zwei unterschiedliche Polizisten herangeholt werden, um den örtlichen Gesetzeshütern unter die Arme zu greifen. Erfreulicherweise entspricht die Paarung nicht dem üblichen Klischees (Rookie/alter Haudegen), stattdessen wird schon an dieser Stelle eine politische Einordnung versucht. Zwar ist der in Ungnade gefallene Cop überhaupt keine neue Erfindung, doch Pedro Suárez‘ (Raúl Arévalo) Schicksal eröffnet den ersten Einblick in die Moral und den Zustand von Spaniens in den letzten Atemzügen der Franco-Diktatur. Trotz des innerstaatlichen Wandels zu einer Demokratie führte seine öffentliche Kritik am Militärregime zu der Strafversetzung. Der präsentierte Fall könnte sein Ticket zurück nach Madrid und somit auch zu seiner Familie sein, doch bedeutet das für ihn nicht, das Gesetz selbst auszulegen. Juan Robles (Javier Gutiérrez) kommt dagegen aus einer ganz anderen Richtung. Wie er im Marschland endete, wird ebenso wie seine Vergangenheit lange im Schatten gehalten, doch mit seiner mal kühlen, mal aufbrausenden Art ist er das genaue Gegenteil von Pedro. Abgebrüht an der Oberfläche, lassen ihn die Dämonen der Vergangenheit nicht schlafen. Im Dorf der verschwundenen Mädchen gerät Pedro an einen alten Journalisten, der mehr über Juan wissen will, doch für Pedro wird es immer schwieriger zu unterscheiden, wem er vertrauen kann und wem nicht.

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Sowohl Raúl Arévalo als auch Javier Gutiérrez gehen in ihren unterschiedlichen Rollen vollkommen auf. Ersterer legt Pedro als rechtschaffenen Polizisten aus, der seine Moral am rechten Fleck hat. Auch wenn seine Haltung ihn ins Abseits schob, verliert er sich nicht im Zynismus oder Selbstmitleid, sondern hält sich weiterhin an seinen Kodex. Sein Ziel, wieder zurück nach Madrid zu kommen, wo seine Familie wartet, hält er hoch, doch würde er keinen fragwürdigen Schritt in seiner Ermittlung einschlagen, um diesem näher zu kommen. Mit dem Anblick der zwei verstümmelten Leichen, die sich in ihrem Fall offenbaren, ändert sich jedoch langsam Pedros Haltung. Diese Verwandlung stellt Arévalo sehr subtil dar. Je tiefer der Fall Pedro hereinzieht und ihn vor die Frage stellt, wie weit man Regeln überschreiten kann, um einen bestialischen Mörder zu schnappen, desto mehr wird ihm die Grenze bewusst, die er nie übertreten würde.
Ganz anders verhält sich Juan, welcher von dem für diese Rolle mehrfach ausgezeichneten Gutiérrez mit einer unberechenbaren Inbrunst gespielt wird. Im Gegensatz zu Pedro wird seine Vergangenheit jedoch bis zuem Ende von Marshland im Dunkeln gehalten. Durch die fehlende Vorgeschichte ist eine Einschätzung seines Charakters schwierig. Sein Verhalten im Verlauf der Handlung macht es dem Zuschauer dabei nicht einfacher, schwingt es immer wieder zwischen zwei Polen umher. Einerseits ist man voll auf seiner Seite, wenn es darum geht, den Mörder zu fassen. Doch geben seine Ermittlungsmethoden Anlass zur Sorge, ob es ihm wirklich noch um eine Festnahme geht und was passieren würde, wenn er ohne Pedro auf den Killer treffen würde. Zwar zeigt er Respekt vor Pedro, doch missbilligt er dessen moralische Herangehensweise. Vieles bleibt in Marshland unausgesprochen, doch Blicke, Mimik und Gestik dieser beiden Charaktere sprechen Bände. Dies wäre ohne die Ausnahmeleistungen dieser beiden Schauspieler nicht möglich gewesen.

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Rodrígeuz lässt die politische Situation Spaniens für den Großteil des Films im Hintergrund brodeln. Während er am Ende die sprichwörtliche Bombe platziert, die überraschend gut ohne große Gestik detoniert, lässt er die bedrückende Atmosphäre der Zeit inszenatorisch spürbar werden. Ein treibender und bedrohlicher Soundtrack begleitet die Bilder der Trostlosigkeit, die Rodrígeuz und sein Kameramann Alex Catalán in den gefühlt unendlichen Weiten des Marsches finden. Marshland ist ein Film der Suche. Spanien sucht in dieser Zeit einen Ausweg aus der Oppression der Diktatur, die Menschen aus dem Dorf, besonders die jungen, suchen einen Ausweg aus der Einöde, Pedro und Juan suchen einen Mörder. Keiner schafft es aus dem Dorf, Mörder sind überall. Die Frage bleibt, ob es schon zu spät ist, einen Ausweg zu finden. Geradezu bezeichnend verläuft eine spannend inszenierte Verfolgungsjagd auf zwei Seiten eines Flusses für Pedro in einer nicht weiterführenden Straße während der Verfolgte auf der anderen Seite abbiegen kann. Wo das Problem in der schwierigen Suche eines Ausweges steht, beantwortet Rodrígeuz nicht eindeutig, auch wenn er mit dem Ende von Marshland eine einleuchtende These skizziert.

Fazit: In betörenden Bildern und mit einem großartigen Soundtrack unterlegt, entfaltet Alberto Rodrígeuz mit Marshland einen waschechten Genrefilm, der zwar storytechnisch keine neuen Wege beschreitet, aber mit einer pointierten, politischen Allegorie ausgestattet ist, die nachhaltig wirkt. Unterstützt wird er von zwei glänzenden Darstellungen in den Hauptrollen, bei denen besonders Javier Gutiérrez positiv auffällt.

Bewertung: 9/10

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