Marvel’s Daredevil, Season 1

© 2015 Netflix
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Das Marvel Cinematic Universe ist gespickt von übermenschlichen Helden, welche die Welt vor großen Gefahren retten müssen. Dabei fallen die menschlichen Exemplare dieser Heldensaga eher ab, wie man an den Figuren Hawkeye und Black Widow in The Avengers oder War Machine und Falcon in den jeweiligen Iron-Man- und Captain-America-Teilen gut beobachten kann. Die Frage ist somit berechtigt, wie ein Held in Form von Matt Murdock alias Daredevil (blind und ohne Kräfte abseits einer sehr guten Kampfausbildung) in eine solche Welt passt. Sein an Batman erinnernder Status als Rächer im Alleingang, der sich in einer moralischen Grauzone bewegt, hilft ihm dabei auch nicht. Da ist die Entscheidung, einem solchen Antihelden eine eigene Serie auf dem Streaming-Sender Netflix zu widmen, so beachtlich wie bewundernswert. Bei dieser Plattform ist man auf keine Restriktionen angewiesen wie bei dem PG-13 Rating der Marvel-Filme oder den Regulierungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo Agents of S.H.I.E.L.D läuft, welches dem skrupellosen Daredevil und seiner düsteren Geschichte möglicherweise nicht gerecht werden könnte. Dabei vermeidet die Serie klugerweise ihre Freiheiten bezüglich Nacktheit oder einem zügellosen Mundwerk, nutzt diese dafür  umso kompromissloser beim düsteren Setting, in dem Gewalt vorherrscht. Daraus ergibt sich ein angenehmer Gegenpol zu der bisher bunten Welt des MCU. Doch seine größte Stärke findet Marvel’s Daredevil in seiner Origin-Story auf drei Charakterebenen, wie sie wohl nur in Serienform möglich ist, sowie in einer besonders kohärenten Verbindung zu dem Universum, in dem ihre Geschichte stattfindet.

© Netflix
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Wie in den Comics beschränkt sich die Welt von Daredevil auf Hell’s Kitchen, einem Viertel im New Yorker Stadtbezirk Manhattan. Matt Murdock (Charlie Cox) ist hier geboren, aufgewachsen und fühlt sich diesem Viertel verpflichtet, weswegen er für Recht und Ordnung sorgen will, tagsüber als Anwalt, nachts als maskierter Rächer. Obwohl der titelgebende Name in der ersten Staffel noch nicht fällt und sein roter Kampfanzug erst am Ende das (Nacht-)Licht der Welt erblickt, wird in den ersten Folgen klar, dass man seinen späteren Namen entsprechend nicht den Teufel in seiner Küche herausfordert. Matt hat sich schon mit beiden Gesichtern seine Sporen verdient, ist aber noch lange nicht da angekommen, wo er gerne mit seinem Viertel sein würde. Gleichzeitig kann er sich nicht für ein dominanteres Gesicht in der Verbrecherbekämpfung entscheiden, was den Beginn einer reizvollen, zweischneidigen Origin-Story markiert, denn Matt ist sich der Widersprüchlichkeit seiner beiden Persönlichkeiten bewusst. Wenn er immer wieder lädiert bei Claire (Rosario Dawson) auf der Couch liegt, sprechen seine Gesichtsausdrücke für sich. Er führt einen Kampf gegen ein sich einfressendes System aus Korruption, dem keiner entkommen kann. Sobald Matt mit dem Recht nicht weiter kommt, zieht er eine Maske auf um sich/der Stadt dieses einzuholen. Dabei muss er allerdings selber das Gesetz verletzen. Dazu zieht er noch sein Umfeld mit hinein, wissend, wie in Claires Fall, welche sich nach auftretenden Gefühlen für ihn mehr und mehr von ihm und seiner zerstörerischen Selbstaufgabe distanziert, oder unwissend, wie im Falle von seinem Freund und Anwaltskollegen Foggy Nelson (Elder Henson). Der Realismus dieser Welt macht das Dilemma umso fühlbarer als bei den Zerstörungsorgien der anderen Marvel-Filme.

Es liegt Marvel’s Daredevil fern, sich mit dieser Schattenwelt von dem bunten Treiben der Avengers loszulösen, eher das Gegenteil trifft zu. So werden die Geschehnisse im ersten Aufeinandertreffen der Marvel-Ikonen sogar teilweise als Grund für die schwierige Situation in der Höllenküche genommen. Seit dem Kampf um Manhattan hat sich der Fokus verschoben und endlich findet im Gegensatz zu halbgaren Bezügen in Einzelfilmen wie Iron Man 3 oder Captain America 2: The Winter Soldier eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema statt. Haben Matt und Foggy noch Glück für ihre neue Kanzlei, da die Mieten im Keller sind, benennen die Gangsterbosse von Hell’s Kitchen in einem Treffen die Schlacht von NY als Grund, warum ihr Business so gut läuft. Die Welt wurde von Aliens bedroht, wen interessiert da noch der lokale Drogen- und Menschenhandel? Die Polizei ist korrumpiert, Anwälte wie Matt und Foggy sind machtlos und die Medien nicht interessiert. Eine Welt ist geschaffen, die abseits von Loki und seinen Schergen von innen heraus bedroht wird. Dieser Bedrohung stellt sich nur (in noch angemessener Holzhammer-Metaphorik) ein blinder Mann erfolgreich entgegen.

Marvel’s Daredevil teilt einen Makel mit anderen Netflix-Produktionen wie den bisherigen drei Staffeln von House of Cards und der dieses Jahr gestarteten ersten Staffel von Bloodline. Das bestehende Material wird aufgrund der festgelegten Episodenanzahl von 13 Folgen in die Länge gezogen. Wie in den anderen Beispielen hätte eine zehnteilige Staffel vollkommen ausgereicht und die Serie aufgrund einer stringenteren Erzählweise besser gemacht. Die entstehenden Lücken werden zum einen mit Kampfszenen geschlossen, welche immerhin neben ihrer sehr guten Choreografie und Inszenierung auch eine Sinnhaftigkeit in ihrer Länge finden. Der Zuschauer bekommt ein Gefühl davon, wie schwierig es für Matt ist, seine Gegner zu bekämpfen, wenn er seiner Agenda folgt, niemanden dabei zu töten. Dabei setzt ein minutenlanger Tracking-Shot in der zweiten Folge (ohne Zweifel eine Hommage an eine der besten Actionszenen des Kinos aus dem koreanischen Thriller Oldboy) ein großes Highlight der Serie. Zum anderen werden die Lücken mit unnötig in die Länge gezogenen Subplots gefüllt. Diese strapazieren oft das Interesse, doch die jeweiligen Schauspieler machen das mit ihrer ausgeprägten Charakterdarstellung wett. Ein großes Thema von Marvel’s Daredevil ist der moralische Kompass im Menschen und es ist sinnvoll, den agierenden Figuren jeweils eine individuelle Wertvorstellung zu geben. Jeder darf somit – mal mehr, mal weniger – seine Momente haben, und es ist schön zu sehen, wie Sidekick Foggy, Anwaltsgehilfin Karen Page (Deborah Ann Woll), Fisk’s rechte Hand James Wesley (Tobey Leonard Moore) und Investigativ-Journalist Ben Urich (Vondie Curtis-Hall) ihre ausgetretenen Rollenpfade verlassen und mit ihrem moralischen Verständnis wichtige Ergänzungen in der Geschichte darstellen.

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Die wichtigste Figur neben all diesen interessanten Charakteren ist jedoch eine andere: Wilson Fisk (fast schon sicher mit einer Emmy-Nominierung in der Tasche) brillant verkörpert von Vincent D’Onofrio. Der in der ersten Staffel noch unbetitelte Kingpin ist bei weitem der komplexeste Bösewicht, der sich in einer Marvel-Produktion, sei es Leinwand oder Fernsehbildschirm, entfalten durfte. Dass Marvel’s Daredevil dem Erzfeind seiner Titelfigur viel Zeit widmen würde, konnte man erwarten. Das ist seit seiner Einführung am Ende der dritten Episode der Fall. Doch in Folge 8 wird nicht nur seine angedeutete Intelligenz vollkommen aufgedeckt, die ihn in seine Position gebracht hat, sondern durch Flashbacks auch seine ihn nachträglich stark beeinflussende Beziehung zu seinen Eltern bearbeitet, inklusive eines großartigen Gastauftritts von The-Wire-Star Domenick Lombardozzi als Fisks Vater. Hier wird dem Zuschauer ein Einblick in die Psyche auf der anderen Seite der Moral gewährt, die man zwar bei Charakteren wie Walter White oder Tony Soprano erwartet, nicht aber bei einem klassischen Bösewichts in einer Comic-Verfilmung. Das ist der Grund, warum Marvel’s Daredevil so gut funktioniert: dem Zuschauer wird hier nicht nur eine schon ungewöhnliche Doppel-Origin-Story des titelgebenden Helden präsentiert, sondern die seines Gegenpols gleich mit. Und je tiefer die Serie in die beiden Charaktere eintaucht, desto offensichtlicher wird, wie alle drei Seiten der Geschichte (Murdock als Anwalt, Murdock als Black Mask/Dardevil, Fisk als größte Herausforderung beider) miteinander verzahnt sind und keine moralische Grundlinie legen. Auf den Pfad dieser Erkenntnis bringt uns Ben Urich in der siebten Folge mit seinem zu dem Zeitpunkt schon bedeutungsschwangeren Kommentar: „In my experience, there are no heroes. No villains. Just people with different agendas.“

Fazit: Die Netflix-Serie Marvel’s Daredevil, welche mit ihrem überschaubaren Budget kaum die Stärken des MCU (mit Betonung auf dem C) reproduzieren kann, findet sein Steckenpferd in dessen Schwächen. Aus einer sinnvollen und konsequenten Figurenzeichnung des Gegenspielers, die auch den Helden definiert, entsteht eine duale Entwicklung in einer einhergehenden Schattenwelt, die abseits, aber möglicherweise auch aufgrund der Avengers existiert. Gepaart mit einem entsprechend finsterem Setting voll von ausufernder Gewalt, sehr guten Kampfszenen und elektrisierenden Nachtbildern ist das großes Kino auf dem Fernsehbildschirm und gleichzeitig eine wichtige Erweiterung für Marvel.

Bewertung: 9,5/10

Vereinzelte Gedanken:

  • Foggy weist in Folge 5 Karen belustigt darauf hin, sie solle netter zu dem alten Kopierer sein, für den Fall, dass die Maschinen die Welt übernehmen. Ich glaube, nicht nur ich musste sofort an Avengers: Age of Ultron denken. Da haben die Schreiber wohl gute Laune gehabt.
  • “If he had an iron suit or a magic hammer, maybe that would explain why you keep getting your asses handed to you.” (Wilson Fisk, Folge 4) – Immer diese Vergleiche, Fisk nimmt ja schon Züge eines Daredevil-Message-Board-Trolls an.
  • Ich habe eine gewisse Ahnung zu der von Rosiaro Dawson gespielten Claire und kann mir gut vorstellen, dass sie in der übernächsten Marvel-Netflix-Kooperation, Luke Cage, wieder auftauchen wird. ihr Name passt nicht, aber das sollte kein Hindernis sein. Stichwort: Night Nurse
  • Nach Colin Farrells ikonisch bescheuerten Auftritt in der Kinoverfilmung Daredevil von 2003 war es vielleicht keine so schlechte Idee, mit Bullseye noch zu warten, in Staffel 2 ist er aber Pflicht. Und wenn wir schon dabei sind, der in Agents of S.H.I.E.L.D. eingeführte Mr. Hyde, gespielt vom großartigen Kyle MacLachlan, soll dann auch rüberkommen.

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