Nocturnal Animals

© Universal Pictures International Germany GmbH

Die ersten Minuten der Filmadaption A Single Man von 2009 begannen mit einem nackten Colin Firth in einer Traumsequenz, der zu einem eindringlichen Soundtrack keinen Ausweg unter Wasser findet. Das Spielfilmdebüt zeigte in der Folge, dass der vorher als Modedesigner tätige Tom Ford nicht nur ästhetische Brillanz vorzuweisen hatte, sondern den Geist der Vorlage punktgenau auf die Leinwand brachte und Firth zu einer Höchstleistung herausforderte. Entsprechend groß war das Interesse an Fords zweiten Werk, das nun nach sieben Jahren unter dem Titel Nocturnal Animals in die Kinos kommt. Das Warten hat sich gelohnt, denn der Film überzeugt wieder mit berauschenden Bildern, schauspielerischen Glanzleistungen seiner Akteure und einer spannenden Geschichte, die sich als ein tiefer Kaninchenbau aus Ideen, Gedanken und Fragen entpuppt.

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Wie schon in seinem Debüt  lässt Tom Ford in Nocturnal Animals seiner Extravaganz in den ersten Minuten freien Lauf, so tanzen hier stark adipöse Frauen komplett nackt in Slow-Motion und warmen Farben zu einem erneut von Abel Korzeniowski komponierten Soundtrack. Diese Bilder verkommen aber nie zum Selbstzweck und haben mit dieser Einleitung mehr über die Hauptfigur Susan (Amy Adams) zu sagen als jeder detaillierte Expositionsdialog. Hier erfährt der Zuschauer, dass mit diesen Bildern ihre Kunstausstellung gezeigt wird, wozu sie aber selber jeden Bezug verloren hat. Die tanzenden Frauen verhöhnen die gesellschaftlich akzeptierte Ästhetik und sind wahrlich frei, von jeder außenstehenden Abneigung unberührt. Schon hier schlägt Ford zwei Fliegen mit einer Klappe. Äußerungen solcher Abneigung werden nicht nur in Filmbesprechungen laut, sie waren auch im Kinosaal zu hören. Der Zuschauer ist noch oft selbst in diesen Ketten der indoktrinierten Ästhetik. Gleiches gilt interessanterweise für Susan, die gerne frei wie diese von ihr dargestellten Frauen wäre, es aber nicht ist. Die Welt um sie herum ist grau, emotionslos und leer, eine Beschreibung, die sich auf sie als Person überträgt. Der gefühlte Stillstand wird unterbrochen als sie ein ihr gewidmetes Buch von ihrem Exmann Edward (Jake Gyllenhaal) geschickt bekommt. Susan beginnt das Buch zu lesen und öffnet so für sich und den Zuschauer die Büchse der Pandora für ihre sorgfältig aufgebaute, sterile Welt. Das Buch beschreibt eine fiktionale Geschichte über Tony (ebenso Gyllenhaal), seine Frau Laura (Isla Fisher) und deren Tochter auf dem Weg durch Texas. Die Farbpalette wird wieder satter, was auch auf den später eingeführten, dritten Handlungsstrang zutrifft, der Susans und Edwards romantische Vergangenheit zeigt. Der Kontrast findet  seine stärkste Ausprägung in der Spannung der Geschichte über Tony. In einer langen, nahezu unerträglichen Szene wird ein Konflikt auf einer Landstraße zwischen Tonys Familie und drei durchgeknallten Typen unter der Führung des sadistischen Ray Marcus (Aaron Taylor-Johnson) qualvoll durchseziert und erinnert nicht selten an den aufreibenden Funny Games von Michael Haneke.

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Der Zuschauer fühlt sich durch die Wahrnehmung von Susan mehr und mehr in diese zweite Fiktionsebene gezogen, dass die Sprünge zurück — oft kongenial in Match Cuts inszeniert — eine Frustration über Susans trostlose Welt und ihre vergleichbar minderen Probleme freisetzt. Das Erzählen der Filmhandlung trifft hierbei auf die Meta-Analyse, wie Rezipienten sich nach überhöhter Problemfiktion sehnen. In nicht so begabten Händen würde der Film an dieser Stelle zusammenbrechen, doch Ford schafft in offensichtlicher Manipulation diese Gratwanderung mit einer fast schon unheimlichen Leichtigkeit. Tonys Verlust und Jagd hat keine explizite Erdung in Edwards Leben, das wird früh genug klargemacht. Es stellt sich also die Frage: Bekommt Tonys Geschichte als Metapher einen größeren Wert als die (für den Zuschauer genauso dargestellte) erlebte Welt von Susan? Wann bekommt Fiktion den Wert der emotionalen Involvierung? Wie hoch ist die Akzeptanz der Manipulation? Sicher dabei ist, dass Ford seine Manipulation in Nocturnal Animals bis zum Äußersten ausreizt, um den Zuschauer zu fordern.

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Nicht nur, dass er das von Susan gelesene Buch zeigt und dabei nie genau geklärt wird, ob wir ihre, Edwards oder einfach nur Fords Sicht geliefert bekommen, den Charakteren dort wird viel mehr Leben eingehaucht als in Susans Welt. Während Susans Wandel aus der Vergangenheit in ihre jetzige Welt durch den dritten Handlungsstrang erklärt wird, bleibt Edwards Werdegang aus diesen Rückblenden hinaus ein Mysterium, sein vergangenes Ich stimmt mit Tonys detaillierten Charakterzeichnung jedenfalls nicht überein. Susans Mann Hutton (Armie Hammer) und ihre Freunde bleiben vielleicht noch auf der Oberfläche interessant, auf der anderen Seite bekommt Ray in Tonys Geschichte genug Zeit für eine abgründige Zurschaustellung des Bösen, während der auf dem Papier nur unbedeutend klingende Cop Bobby Andes (Michael Shannon) zum Zentrum der moralisch-instabilen Geschichte wird. In seinem Charakter kommt alles zusammen, was Nocturnal Animals zu einem der interessantesten Filme der letzten Jahre macht. Einerseits wird Andes von Ford als Pulp-Charakter eingeführt mit seinen Klischees des texanischen Gesetzesmanns inklusive einer ikonischen Einstellung, wenn er das erste Mal in Szene gesetzt wird. Gleichzeitig verleiht ihm die aufkeimenden Freundschaft mit Tony eine überraschende Wärme und Tiefe. Sein Charakter ist die Enigma zwischen Edwards Motivation beim Schreiben und Susans Interpretation, durch ihn bekommt der Zuschauer einen Schlüssel für das Rätsel, welche Wandlung Edward seit der Trennung durchgemacht hat und wie Susan diese wahrnimmt. Das bedarf einer nuancierten Meisterleistung, der Shannon mit seinem subtilen Spiel in jedem Moment gerecht wird und somit nicht nur seine beste Performance seit Take Shelter abgibt, sondern eine der besten Performances des Jahres überhaupt.

Mit seinem zweiten Film hat Tom Ford lange auf sich warten lassen, doch sein furioses Folgewerk lässt dieses Warten mehr als lohnenswert erscheinen. Hat er in seinem Erstling A Single Man noch treffend die Essenz einer Vorlage für die Leinwand transzendiert, geht es ihm in Nocturnal Animals, welcher auf dem Roman Tony and Susan von Austin Wright, um mehr. So regt der Film nicht nur interessante Gedanken über Adaptionen an sich an, sondern spinnt diese weiter in Überlegungen, wie das audiovisuelle Erlebnis als Manipulation seiner Rezipienten dient, um Grenzen der Fiktion auszuloten. Dabei spielt Ford mit offenen Karten und outet sich selber als Manipulator. Denn eins darf man nie vergessen, über Nocturnal Animals zu sagen: er erzählt in betörenden Bildern eine nervenaufreibend-spannende Geschichte, die bis zum Ende fesselt und mit großartigen Schauspielerleistungen bis in die kleinste Nebenrolle gewürzt ist. Eigentlich kann ein Zuschauer kaum mehr erwarten, anscheinend darf er das aber.

Bewertung: 10/10

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