Paradies Glaube

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2012/13 veröffentlichte Ulrich Seidl seine Paradies-Trilogie, die von der Presse gefeiert wurde und sowohl in Österreich als auch international große Anerkennung fand. Die Trilogie erhielt mehrere Auszeichnungen des Österreichischen Filmpreises sowie den Spezialpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Gute Gründe, um vier Jahre später zu schauen, ob die Filme dem Lob gerecht werden und an ihrer Brisanz nichts verloren haben.

Wenn eine Auseinandersetzung mit religiös behafteteten Begriffen wie Paradies, Glaube, Liebe und Hoffnung stattfindet, ist es unvermeidlich, dass eine Thematisierung des Christentums erfolgt. Diesem Sujet nimmt sich Ulrich Seidl im zweiten Teil der Paradies-Trilogie an, dem Film Paradies Glaube. Dabei wird das Leben von Anna Maria beleuchtet. Anna Maria arbeitet im Krankenhaus und betreut Menschen, die im MRT auf mögliche Krebserkrankungen untersucht werden. Ihr beruflicher Alltag ist steril und durch eine Aufrechterhaltung der Distanz zu den Patienten geprägt. Der Kontakt beschränkt sich auf kurze, prägnante Befehle.

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Diese Entfernung von anderen Menschen hält sie auch in ihrer Freizeit aufrecht. So beschäftigt sie sich hauptsächlich mit der Auslebung ihres katholischen Glaubens. Bereits in der ersten Szene geißelt sie sich, was überraschend und verstörend zugleich ist. Im weiteren Verlauf wird es verschiedene Formen der Selbstbestrafung geben, denen sich Anna Maria bedient. Ihr großes Ziel ist es, gemeinsam mit ihrem Bibelkreis Österreich wieder katholisch zu machen. Hierfür begibt sie sich mit einer Wandermuttergottes-Statue in Wohnungen unterschiedlicher Menschen, um sie zu missionieren und von der Großmut Gottes zu überzeugen.

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Sie sucht die Schwächsten der Gesellschaft auf. So trifft sie auf Menschen mit psychischen Erkrankungen, Menschen mit geistiger Behinderung, Migranten und Arbeitslose. Wird sie anfangs noch freundlich willkommen geheißen, erfährt sie zunehmend mehr Ablehnung von ihren unfreiwilligen Gastgebern. Nur dank ihres Glaubens bleibt sie ihrer Mission treu und erwehrt sich gegen Übergriffe verschiedenster Art.

Seidl erschafft mit Anna eine Figur, die durch ihren Eifer unheimlich wirkt und deren Naivität in potentiell gefährlichen Situationen das Gefühl erzeugen, dass diese Geschichte kein gutes Ende finden wird. Das dem so sein wird, wird durch die unerwartete Rückkehr von Nabil (Nabil Saleh) verstärkt, die Anna Maria als Prüfung durch Gott versteht. Nabil ist Anna Marias Ehemann, ein streng gläubiger Muslim, der aufgrund einer körperlichen Behinderung von ihr abhängig ist.

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Dabei gibt Seidl nur einzelne Hinweise, wie die Beziehung der beiden grundverschiedenen Menschen  zustande gekommen ist. So gibt es kurze intime Momente zwischen den beiden, in denen sie über ihre gemeinsame Vergangenheit sprechen oder Nabil, der ein gemeinsames Hochzeitsbild aufstellt. Die Konflikthaftigkeit der Beziehung zwischen den beiden hebt Seidl dabei durch prägnante Szenen hervor, denen eine zunehmende Gewalt innewohnt.

Bediente sich Seidl bei Paradies Liebe dem Motiv der Grenze, verwendet er für diesen Film das Bild des Gefängnisses. So gelingt es Anna Maria als einziger Figur, die von ihr aufgestellte Isolation aufzubrechen. Sie begibt sich in den letzten Zufluchtsort fremder Menschen, um sie vom ihrer Meinung nach richtigen Glauben zu überzeugen. In ihrer Abwesenheit ist Nabil dazu verurteilt, in der ihm fremd gewordenen Wohnung bleiben zu müssen und hat als einzige Kameradin eine Katze. Dieser gemeinsame Moment von Nabil und der Katze wird durch Anna Maria aber abrupt beendet, was sie in ihrer Rolle als Wärterin bestätigt. Zusätzlich verstärkt Seidl das Bild des Gefängnisses, wenn Anna Maria den Rollstuhl von Nabil entwendet und er mit seinen Armen seinen gelähmten Körper durch die Wohnung ziehen muss.

Besonders eindringlich werden diese Szenen durch die starre Kamera inszeniert, wodurch eine klare Distanz zwischen den Zuschauern und den Figuren aufgebaut wird. So werden die Charaktere in ihrer Hilflosigkeit betrachtet, ohne den Blick von ihnen abzuwenden. Dadurch erhöht sich die bereits erzeugte Schmerzhaftigkeit des Films auf ein Level, das die Betrachtung zusehends erschwert. Ein Unbehagen, das auch die Stärke des Films ausmacht.

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Insgesamt ist Paradies Glaube ein Film, der durch seine Extreme und die dafür genutzte langsame Entwicklung der Geschichte überzeugt. Wer Paradies Liebe bereits als unangenehm empfand, wird mit Paradies Glaube sehr stark gefordert werden und auf eine Weise an seine Grenzen gebracht, die ungewöhnlich, aber beeindruckend ist. Besonders lobenswert sind die Inszenierungen der Figuren von Maria Hofstätter und Nabil Saleh, denen es gelingt, den Zwist der beiden Protagonisten mit Leben zu füllen und beide Figuren vielschichtig zu präsentieren. Ein besonderer Film, der beim Zuschauer nachwirken wird.

Bewertung: 9/10

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