Paradies Hoffnung

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2012/13 veröffentlichte Ulrich Seidl seine Paradies-Trilogie, die von der Presse gefeiert wurde und sowohl in Österreich als auch international große Anerkennung fand. Die Trilogie erhielt mehrere Auszeichnungen des Österreichischen Filmpreises sowie den Spezialpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Gute Gründe, um vier Jahre später zu schauen, ob die Filme dem Lob gerecht werden und an ihrer Brisanz nichts verloren haben.

Den Abschluss der Paradies-Trilogie bildet der Film Paradies Hoffnung, der Theresas Tochter Melanie (Melanie Lenz) in den Fokus nimmt, die mit anderen übergewichtigen Jugendlichen in ein Diätcamp kommt. Hier wird sie zu einer gesünderen Ernährungsweise und mehr körperlicher Betätigung ermuntert. Neben neuen Freundschaften macht sie auch die Erfahrung einer ersten großen Liebe, die aber nicht sein darf.

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Dieses Thema bietet sich an, so wie bei den beiden vorhergehenden Filme auch auf sehr unangenehme bis verstörende Weise inszeniert zu werden, jedoch wählt Seidl eine andere Herangehensweise, die sowohl erfrischend als auch liebevoll ist. Er stellt Melanie als ein gewöhnliches Mädchen dar, das sich nach Erfahrungen sehnt, die ihr aber auf Grund ihres jungen Alters noch vorenthalten werden. Daher ergreift sie die Möglichkeit von sich aus und lernt zu flirten, trinkt Alkohol oder versucht mehrmals, aus dem Diätcamp auszubrechen. Was sie aber vor allem antreibt, ist die Nähe zu dem 40 Jahre älteren Arzt, der von Joseph Lorenz verkörpert wird.

Diese Beziehung intensiviert sich und es ist zu erkennen, dass Melanies Gefühle erwidert werden. Der Kampf, den der Arzt mit sich führen muss, tritt deutlicher hervor. Er weiß, dass diese Gefühle nicht sein dürfen, ist aber ohnmächtig, um gegen diese handeln zu können. Immer wieder versucht er, eine Distanz zwischen sich und Melanie zu stabilisieren, doch lange kann er diese nicht aufrecht erhalten, da sie entweder von Melanie oder ihm wieder aufgehoben wird.

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Die Liebesgeschichte bildet den Schwerpunkt des Films, wird aber durch die Erlebnisse von Melanie mit den anderen Jugendlichen aufgelockert. Der Zuschauer begleitet sie bei verschiedenen Sportarten und erlebt mit, wie sie zur Führung eines gesunden Lebensstils aufgefordert werden. Der dabei auftretenden Härte und den Erniedrigungen begegnen sie mit Rebellion und treffen sich gemeinsam in ihren Zimmern, obwohl ihnen dies untersagt wurde. Dabei trinken sie Bier, rauchen und spielen Flaschendrehen mit eindeutigen Aufgaben. Den jugendlichen Schauspielern gelingt es, die Unbeschwertheit ihrer Figuren auf sehr eindrückliche Weise darzustellen und teilweise wird das Bild des Diätcamps verdrängt und die gemeinsamen unbeschwerten Momente erinnern eher an eine Klassenfahrt. Hierbei tut sich die beste Freundin von Melanie hervor, die von Verena Lehbauer gespielt wird. Sie steht ihr in vielen kritischen Situationen bei und unterstützt sie darin, sich dem Arzt zu nähern. Jedoch hat sie ihre eigenen Konflikte und handelt häufig egoistischer als es Melanie lieb ist.

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Der Wunsch nach Freiheit der Jugendlichen zeigt sich auch in den verwendeten Bildern. Im Gegensatz zu Paradies Glaube und Paradies Liebe gibt es sehr viele Szenen, die im Freien stattfinden und für die nur natürliches Licht verwendet wurde. Die zuvor genutzten Motive von Grenzen und Gefängnissen hebt Seidl für diesen Film auf und setzt eher auf eine Weitläufigkeit der Umgebung, die das Innenleben der Jugendlichen hervorragend illustriert. Besonders lobenswert ist die Arbeit von Wolfgang Thaler, dessen Kameraarbeit immer dezent wirkt und die Jugendlichen in ihren Handlungen beobachtet, ohne diese zu werten. Eine Stärke, die zur Lebendigkeit dieses Films beiträgt.

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Paradies Hoffnung besticht durch eine angenehme Leichtigkeit und hebt sich stark von den beiden vorherigen Filme ab. Es gibt zwar Szenen, die einen bitteren Geschmack in sich tragen wie die Annäherungsszenen zwischen Melanie und dem Arzt. Seidl inszeniert jedoch diese Momente so, dass die Bitterkeit nicht überwiegt, sondern auch immer Verständnis für seine Figuren entsteht. So überlässt er dem Zuschauer, sich eine Wertung zu dem Gesehenen zu überlegen. Diese ist aber auf Grund der Vielfältigkeit der Bilder nicht so einfach zu fällen, wie es bei dem Thema vermutet werden könnte.

Jedem der drei Filme der Paradies-Trilogie gelingt es, die jeweilige Protagonistin realistisch darzustellen und nicht auf einzelne Merkmale zu reduzieren. Mögen es hervorstechende Merkmale sein wie Theresas Sehnsucht, Anna Marias Katholizismus oder Melanies Gefühle, die sie auszeichnen, so haben sie weitere Facetten, die beleuchtet werden. Erst dadurch werden sie menschlich und Figuren, die einem nicht unbedingt sympathisch, aber doch verständlich sind. Seidl inszeniert Menschen, die sich nach etwas sehnen, das sie nicht bekommen können und dies auch wissen. Dieses Wissen hindert sie aber nicht daran, sich ihren Träumen zu widmen und an deren Realisierung zu arbeiten. Seidl gelingt es dabei, die großen Themen Liebe, Glaube und Hoffnung immer neu darzustellen, sodass die Filme  überraschen und die unterschiedlichsten Gefühle im Zuschauer erzeugen. Daher: Eine Trilogie, deren Rezeption sehr intensiv ist, so dass diese Filme den Zuschauer noch lange danach begleiten werden.

Bewertung: 9,5/10

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