Paradies Liebe

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2012/13 veröffentlichte Ulrich Seidl seine Paradies-Trilogie, die von der Presse gefeiert wurde und sowohl in Österreich als auch international große Anerkennung fand. Die Trilogie erhielt mehrere Auszeichnungen des Österreichischen Filmpreises sowie den Spezialpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Gute Gründe, um vier Jahre später zu schauen, ob die Filme dem Lob gerecht werden und an ihrer Brisanz nichts verloren haben.

Der erste der drei Filme, Paradies Liebe, handelt von Teresa (Margarethe Tiesel), einer fünfzigjährigen Österreicherin, die beruflich Menschen mit Behinderungen betreut und privat mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Melanie (Melanie Lenz) zusammenlebt. Mittlerweile sind ihr Zärtlichkeit, Geborgenheit und Liebe fremd geworden und so lässt sie sich von einer Freundin überzeugen, ihren Urlaub in Kenia mit ihr zu verbringen. Melanie kommt bei Teresas Schwester Anna Maria (Maria Hofstätter) unter und Teresas Reise beginnt. In Kenia angekommen erfährt sie, dass hellhäutige ältere Frauen von den jungen Männern begehrt werden und sie beginnt, sich auf das Abenteuer einzulassen.

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Ist sie anfangs noch unsicher, ob hier die beschworene Liebe wirklich existiert, entwickelt sie sich im Verlauf der Geschichte zu einer der vielen Sugar Mamas, die ihre Liebhaber aushalten und dafür das Gefühl bekommen, begehrt zu werden. Dabei ist es für sie zunehmend unwichtiger, dass dieses nur vorgespielt ist und nimmt die ihr zugedachte Rolle ein. Das sie sich immer weniger kritisch mit ihrer Position auseinandersetzt, ist auch an den Gesprächen mit ihren neuen Freundinnen zu erkennen, die sie im Hotel kennen lernt. Ist sie zu Beginn noch davon überzeugt, in Kenia die große Liebe zu entdecken, weicht diese Hoffnung der Erkenntnis, dass fast alles käuflich ist, was sie begehrt.

Dabei gelingt es Margarethe Tiesel, Teresa in ihrem Wandel nachvollziehbar darzustellen und auch Mitgefühl für eine Frau zu erwecken, die sich nach Gemeinschaft sehnt und doch nur wieder zur Konsumentin degradiert wird. Zwar ist dem Zuschauer stets bewusst, dass sie als nichts anderes gesehen wird und doch hofft man mit ihr, dass da mehr sein muss als nur Sex, für den sie bezahlen wird.

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Hierfür benutzt Seidl ein besonders interessantes Motiv, das den Film prägt – das Motiv der Grenze. Anfangs werden die Beach Boys von den Urlaubern getrennt und vom Hotelgelände ferngehalten, doch Teresa überschreitet diese Grenze und will das echte Kenia erfahren. Stattdessen erfährt sie immer neue Abgrenzungen. Diese reichen von Lovehotelbetreibern, die sich anonym hinter einem Gitter verbergen, über Barkeeper, die sich hinter Verschläge flüchten oder der eigenen Ausgrenzung durch ihren Liebhaber Munga (Peter Kazunga), der sie hinter einem Moskitonetz verbirgt. Neben visuellen Grenzen nutzt Seidl auch sprachliche Barrieren. Teresas Swahili-Vokabeln beschränken sich auf Jambo und Hakuna Matata und ihr Englisch bietet kaum mehr. Ihre Liebhaber wiederum können auch kaum Englisch und Deutsch, so dass jedes Gespräch zur Oberflächlichkeit verurteilt ist, wodurch es ausschließlich zum Aufbau stereotyper Beziehung kommt. Trotz aller Versuche, diese Grenzen zu überwinden, findet Teresa sich immer an solchen wieder, die nur während und nach dem Geschlechtsverkehr kurzzeitig aufgehoben zu sein scheinen und auch nur in diesen Situationen macht es den Eindruck, dass sie in ihrer Suche erfolgreich ist.

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So bewegt sich der Film immer mehr auf einen Höhepunkt zu, der die Schmerzen von Teresa auf ein neues Niveau bringen wird, dem sie sich aber nicht mehr entziehen kann. Ein Klimax, der ihr ihre Einsamkeit auf eine Art bewusst macht, die sie sich zuvor nicht vorgestellt hat und nachdem sie sich mehr denn je von allen verlassen fühlen wird. Ulrich Seidl gelingt es dabei, dies als typische Erkenntnis von Sextouristen zu gestalten, die mit größeren Hoffnungen in fremden Ländern urlauben, von denen sie nichts wissen und auch nichts wissen wollen. Deren Ignoranz stärker als ihre Sehnsucht ist. Die nach etwas suchen, dass sie nicht finden können.

Diese Suche gestaltet Seidl durch den Einsatz seiner Farben auch sehr interessant. Der stete Sonnenschein und die damit einhergehenden Blendung illustriert das Hotel als eine Welt, die alles zu bieten hat, aber nicht zu befriedigen weiß. Die Dunkelheit und der spärlichere Einsatz von Licht bei Teresas Ausflügen in Kenia stellt einen Kontrast zur künstlichen Szenerie des Hotels dar und macht verständlich, wieso es Teresa so leicht fällt, sich in diesen beiden Welten zu verirren.

Abschließend lässt sich sagen, dass Paradies Liebe kein einfacher Film ist, der sich der bisher stark vernachlässigten Thematik des Sextourismus auf eine Weise widmet, die nicht reißerisch oder verurteilend, sondern eher mitfühlend und nachvollziehbar ist und daraus seine Stärken zieht. Teresa ist keine sympatische Figur, doch durch ihre Schwächen, ihre Oberflächlichkeiten und ihre Sehnsüchte wird sie menschlich und lässt einen verstehen, dass sie nur das Modell von Menschen darstellt, die alles dafür geben, um für kurze Momente ihrer Einsamkeit zu entfliehen.

Bewertung: 9,5/10

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