Show Me a Hero

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Jim: If there was a hero in any of this, it was Nick.
Reporter: Show me a hero and I will write you a tragedy.
Jim: You come up with that one?
Reporter: I wish. Fitzgerald said that.
Jim: Who, the guy from New Rochelle? The one who’s running for state Senate?

Die Miniserie hätte ihren Titel Show Me a Hero bei dessen Anspielung auf Fitzgeralds Worten (im Notebook E aus The Notebooks of F. Scott Fitzgerald) belassen können, doch das wäre zu einfach gewesen. Wie man oben sieht, kriegt der Zuschauer diese stattdessen mit einer noch viel traurigeren Pointe als die des Zitats selber präsentiert. Denn dem Schöpfer der Serie, David Simon, geht es nicht um einen Aha-Effekt – er will Leute zum Nachdenken bringen. Und wie schon bei seinem bekanntesten Projekt The Wire, (der wohl besten Serie aller Zeiten – zumindest für den Autoren dieser Zeilen) macht er es dem Zuschauer zu keinem Zeitpunkt leicht, in seine Welt zu tauchen. Und während die Serie weniger ein Heldenporträt von (dem vermeintlichen Titelhelden) Nick Wasicsko in seinem Kampf für Sozialwohnungen ist, als eine detailierte Auseinandersetzung mit der dahinter stehenden Geschichte, aus der ein aus heutiger Sicht ein Held hervortrat,  soll diese Kritik einen gegenteiligen Weg einschlagen. Statt einer gewohnten Auseinandersetzung mit den einzelnen Komponenten dieser Miniserie, bedarf es nur zweier Heldenporträts, um zu zeigen, was diese Miniserie zu einem Meisterwerk macht, und das alles ganz ohne Tragödie.

Einer davon ist natürlich David Simon selber. Nachdem seine zweite Serie Treme (2010-13) gezwungenermaßen nach einer verkürzten vierten Staffel ein Ende nahm, meldet er sich zwei Jahre später mit seinem anderen Faible zurück: einer Miniserie. Wurde sein erstes Sachbuch Homicide in einer lose darauf basierenden Serie mit dem gleichen Namen (1993-99) auf NBC benutzt, hatte er bei der Verfilmung seines zweiten Werkes The Corner, einer Miniserie auf HBO (2000) volle Kontrolle. Die zwei oben genannten Serien und einer zwischenzeitlichen Miniserie, Generation Kill (2008), später ist er trotz des unwürdigen Endes von Treme HBO treu geblieben und bringt mit Show Me a Hero seine dritte Miniserie heraus. Wie schon die beiden vorherigen basiert auch diese auf einem Sachbuch mit dem gleichen Namen von Lisa Belkin aus dem Jahre 1999. Trotzdem lässt sich Show Me a Hero am ehesten mit der fiktiven Serie The Wire vergleichen, verstrickt er den Zuschauer wieder einmal in ein komplexes Geflecht aus Charakteren, Politik und Sozialgefüge. Doch während Bürgermeisterkandidat Thomas Carcetti in The Wire nur einer von vielen war, konzentriert sich Simon in dieser Geschichte auf eine zentrale Figur, Nick Wasicsko (Oscar Isaac).

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Gleich in der ersten Folge lernt der Zuschauer Nick umfassend kennen, wie er 1987, jung und noch etwas grün hinter den Ohren, auf einmal als demokratischer Kandidat für den Bürgermeistersitz in seiner Heimatstadt Yonkers gehandelt wird. Wie sein Gegner spricht er sich auch gegen die angeordneten Sozialwohnungen im „Weißen-Viertel“ East Yonkers aus. Am Ende gewinnt er nicht nur das Herz von Nay sondern auch die Wahl und wird mit 28 der zu der Zeit jüngste Bürgermeister einer Großstadt. Diese Handlung wird immer wieder kontrastiert mit kleinen Szenen einzelner Familien und ihrer schwierige Situation in dem derzeitigen Armenviertel von Yonkers. Doch das Glück von Nick währt nicht lang nach der Wahl, als er merkt, dass er genauso nur ein Spielball einer politischen Diskussion ist, die die ganze Stadt bedroht. Denn eine gerichtliche Anordnung mit hohen Versäumnisstrafen macht die Sozialwohnungen unumgänglich, und er muss alleine gegen seinen eigenen Stadtrat und lautstarke Masse aus weißen Wutbürgern kämpfen um die Stadt vor dem Bankrott zu retten.
Simon konzipiert die erste Folge nicht nur mit einem innerlichen Kontrast, sie selbst ist auch ein Gegensatz zu dem Rest der insgesamt sechs Folgen. Alle Unbeschwertheit ist dahin und sein Kampf ermüdend, welcher sich genauso ungerecht anfühlt wie die Lage der sozial schwächer eingestuften Menschen in Yonkers, mit der sein Kampf verbunden ist. So zeigt Simon in den Folgen zwei bis vier die Unerbittlichkeit, wie das Recht im politischen Apparat unterdrückt werden kann. Doch Simon bleibt bei Nick als zentralen Punkt der Erzählung, denn uns wird hier ein Mensch gezeigt, der ein Held sein könnte, sofern er oder die Zuschauer den richtigen Blickwinkel wagen. In der ersten Folge sehen wir den Aufstieg von Nick in ein Amt, in dem er ein Held werden kann. Nur dachten die besser betuchten Einwohner, er wäre ihr Held. Doch er tut das, was ein Held tun würde, nämlich sich für das Richtige im richtigen Moment einzusetzen. Doch dort hört die Geschichte nicht auf, denn Simon erspart uns nicht die von Fitzgerald genannte Tragödie, die folgt. Die abschließenden zwei Folgen sind schwer zu ertragen, doch sie zeigen genauso Hoffnung. Aus fast jedem möglichen Amt verschmäht, muss der Zuschauer zusehen, wie der Fall von Nick die Menschen in seiner nahen Umgebung mitzieht, doch gleichzeitig baut Simon die Erzählstränge der betroffenen Familien aus, die nach ihren fast aussichtslosen Situationen eine neue, bessere Form des Lebens führen und selber gegen den vorurteilsvollen Hass der neuen Nachbarschaft angehen können. Und hier zeigt Simon sein ganzes Können mit der perfekten Mischung aus dem Erzählen einer Geschichte und einem klugen Moralismus, ohne eine Lektion erteilen zu wollen.
Indes zeigt sich die Wahl von Paul Haggis als Regisseur aller sechs Folgen als gelungener Schachzug. Zwar mag seine Regie-Reputation nicht sofort vom Hocker hauen, doch der L.A.-Crash-Regisseur weiß seine Handlungen spannend zu inszenieren, wenn auf der Leinwand (hier: Fernsehbildschirm) keine körperliche Aktion passiert. Dieses Talent ist essentiell für die treibende Inszenierung einer Geschichte, die überwiegend aus hitzigen Debatten in und um einem Regierungsgebäude besteht. Hier hat David Simon den richtigen gefunden um die Spannung(en) auch entsprechend wiederzugeben.

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Aber es benötigt noch eine weitere Person, um diese Erzählung funktionieren zu lassen. Da der Fokus auf Nick gelegt wird,  bedarf es eines Schauspielers, der den Zuschauer mit genügend Präsenz durch Show Me a Hero trägt, sich aber gleichzeitig nicht in das Rampenlicht drängt und das so wichtige Sozialgefüge, auf dem alles aufbaut, im Schatten lässt. Dabei auch noch den so energischen wie widersprüchlichen Charakter von Nick Wasicsko zum Leben zu erwecken, daran könnten schon einige Schauspieler scheitern. Das Casting von Oscar Isaac als Nick ist genauso brillant wie seine Performance selber.
Isaac reduzierte sich in seiner bisherigen Karriere weder auf einen Rollentypus noch ein Art von Film. Die Frische dieser Herangehensweise ist wichtig für Show Me a Hero, um nicht gleich als unnötig großer Name abgestempelt zu werden. Seine Jedermann-Darstellung von Nick profitiert somit in jeder erdenklichen Form, da ein Grundvertrauen in die Entwicklung seines Charakters auf seinen Schultern liegen darf. Isaac nimmt das als Herausforderung und bringt durch seine Darstellung eine weitaus komplexere Version ins Geschehen, als das eine solche Geschichte auf dem Papier gefordert hätte. Damit beweist er auch, dass sich kurze Serienengagements für etablierte Hollywood-Schauspieler wie schon in Staffel 1 von True Detective auszahlen können.
In Show Me a Hero legt Isaac Nick als eine Mischung aus Idealist und gewitztem Zyniker aus und schafft dadurch gerade in der ersten Folge, alle Sympathien einzusammeln. Das hält natürlich nicht an und es benötigt einen Weltklasse-Schauspieler, den schleichenden Verfall von seinem junggebliebenen Charme nuanciert zu transportieren. Er ist dem gemeinen Zuschauer noch hinterher, was der Glaube an Politik und Gerechtigkeit betrifft, und Isaac gibt eine herzzerreißende Performance, um den Zuschauer an eine idealistische Ausgangsposition zurück zu bringen und dann Hand in Hand die Realisierung seiner Fehleinschätzung zusammen zu erleben. Gerade in der letzten Folge fühlt es sich nur noch schmerzvoll an, ihm zuzusehen, Isaac spielt sich im Verlauf der Miniserie nah an den Zuschauer ran und gönnt diesem keine gemütliche Beobachtungsdistanz bei der vom Titel heraufbeschworenen Tragödie.

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Dabei sollten natürlich neben einer umfangreichen Sammlung von Bruce-Springsteen-Liedern auch die Nebendarsteller als Unterstützung nicht vergessen werden, die sich zwar alle weit unter Isaac einreihen, doch ebenso ihre Rollen brillant ausfüllen. Besonders zu erwähnen sind hier Carla Quevedo als Nay, die sowohl schauspielerisch als auch rollentechnisch die Reibungsfläche für Isaac/Nick ist und auch Catherine Keener als Mary Dorman, eine Hausbesitzerin in East Yonkers, wo es zu den Sozialbauten kommen soll. Fast unkenntlich mit großer Brille und grauen Haaren spielt Keener die wütende Bürgerin, die im Verlauf der Geschichte zum Zentrum der gezeigten Debatte über Rassismus, Verständnis und Hilfe gegenüber ärmeren Menschen. Auch Alfred Molina als lautester Gegner von der Bebauung Stadtrat Hank Spallone, gibt eine feurige Darstellung ab, während sogar Jim Belushi Glanzpunkte sammelt in einer untypisch ernsten Rolle als Angelo R. Martinelli, der sechs Regierungszeiten vor Nick der Bürgermeister von Yonkers war.

Fazit: Jede Serie oder Miniserie von David Simon kann man uneingeschränkt als Meisterwerk betrachten, doch Show Me a Hero hat dabei ein besonderen Status, da es das Werk von mehreren Meistern ist, die ihre besten Seiten kombinieren. Simon und Oscar Isaac sollten ihre Ehrung dafür bei den Golden Globes 2016 im Januar schon sicher in der Tasche haben, aber möglicherweise räumen die anderen Involvierten später mit bei den Primetime Emmys ab, besonders Paul Haggis. Es sei ihnen zu wünschen für dieses großartig inszenierte, perfekt erzählte und nachdenklich stimmende Moralstück.

Bewertung: 10/10

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