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[Spiel+Film] Until Dawn

until dawn

Dieses Review ist Teil der Artikelserie Spiel+Film, in der Die Filmguckerin & Der Metabølist sich mit Überschneidung beider Medienformen beschäftigen. Spiele im Film, spielbare Filme und alles dazwischen.

Verdammte Waldhütten. Da will die landfremde amerikanische Jugend endlich fern der elterlichen Obhut den jugendlichen Trieben nachgehen, und dann das: Ein wenig Alkohol, eine geheime Schwärmerei, ein etwas fieser Prank und schon läuft die besinnliche Stadtflucht aus dem Ruder – die Zwillinge Hannah und Beth stürzen aus unerklärten Gründen über eine Felsklippe und werden daraufhin nie wieder gesehen.

Fast Forward. Ein Jahr später ist die Polizei in der Erklärung der Ereignisse noch nicht weiter. Ein traumatischer Schatten hat sich über die Clique gelegt, jeder der acht Beteiligten versucht auf seine Art mit den Geschehnissen umzugehen. Vor allem Josh (Rami Malek), der Bruder der vermissten Zwillinge, versucht seine Trauer aktiv zu lösen: Er lädt alle Freunde zum Jahrestag des Unglücks wieder in die gleiche Hütte in den verschneiten Bergen ein. Natürlich finden die promiskuitiven Jugendlichen dort keine Vergebung, sondern nur das unsagbare Grauen. Und die Rettung kommt erst beim Morgengrauen…

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Zu gut, um darüber nachzudenken

Das Klingt wie die Einleitung zu einem Teeny-Slasher und tatsächlich ist Until Dawn auch fast das: Ein Horror-Flick für Playstation 4, in dem der Spieler an entscheidenden Stellen durch Auswahl & Quick-Time-Events die Weichen für den weiteren Verlauf der Handlung stellen kann. Dabei orientiert sich Until Dawn nicht wie seinerzeit Heavy Rain einfach nur am Film, sondern ganz offensichtlich am Format einer Serie. Die filmisch inszenierten Passagen werden zu einzelnen Episoden verbunden, die jeweils verschiedene Handlungsstränge fokussieren, in sich geschlossene Dramaturgie besitzen und stets mit einem Cliffhanger enden. Getrennt werden diese durch Intro & Recap der bisherigen Ereignisse – eine sehr elegante Art, die Ladezeiten zu kaschieren.

Dieses Konzept geht beim ersten Spieldurchlauf auch bestens auf. Die Grafik beeindruckt ab den ersten Minuten, das Sounddesign ist atmosphärisch packend, die (englischen) Sprecher sind glaubhaft und mitreißend, vor allem die Gesichter & Modelle der Schauspieler (mit Hayden Panettiere & Peter Stormare halbwegs prominent besetzt) sehen hervorragend aus. Der nächtliche Schneesturm in den Bergen bei Mondschein, die staubigen Hütten im Wald, alles fühlt sich durch schöne Wetterdetails, Partikeleffekte und Lichtstimmung greifbar, dicht & bedrohlich an. Das funktioniert sogar so gut, dass man sich darüber keine Gedanken macht, sondern sich vollkommen auf die Handlung einlassen kann. So bringen die Horrorsequenzen in der zweiten Hälfte des Spiels auch das Blut ordentlich in Wallung; vor allem die Momente, in denen man den Controller stillhalten muss, um nicht bemerkt zu werden, lassen regelrecht den Atem stocken. Packend, ob man selbst spielt oder nur zusieht.

Einziger Haken was die Grafik angeht: Trotz beeindruckendem Motion Capturing der Gesichter bleibt die Mimik noch oft im Uncanny Valley hängen. Einzeln betrachtet funktionieren die Gesichtsausdrücke bestens, im Zusammenhang mit Dialogen fragt man sich jedoch oft, was sie genau vermitteln sollen. Das ist aber durchaus verzeihbar, man hat soetwas auch schon viel schlechter gesehen und trotzdem hingenommen.

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Patient geschockt, Job well done

In den ca. 7 Spielstunden kocht die Handlung erst langsam hoch, steigert sich jedoch ab der Mitte deutlich. Befindet man sich im Finale, erscheint dieser Spannungsbogen retrospektiv auch als sehr gut ausbalanciert, um die einzelnen Handlungsstränge für sich wirken zu lassen. Zwar bedient sich Until Dawn stark an bekannten Archetypen aus Horrorfilmen (Cheerleader, Nerd, Held etc.), kann aber trotzdem mit einem guten Twist aufwarten und erzählt, sammelt man alle Hinweise im Spiel, auch eine etwas größere Geschichte, die einen sehr schönen Rahmen für die Handlung bildet.

Überhaupt fällt die Schwäche der Figuren mit Hinblick auf die packenden interaktiven Sequenzen nicht weiter schwer ins Gewicht. Denn das Spiel schockt ganz ordentlich, gut platzierte Jump-Scares sorgen auch nach einigen Stunden für bleibende Aufmerksamkeit und gegen Ende packt Until Dawn bisweilen eine ordentliche Portion Gore aus, was grade durch das etwas unschuldige erste Viertel um so stärker wirkt. Hat man es schließlich bis zu den Credits überstanden, atmet man auch gleich wieder etwas ruhiger und lässt die Anspannung abfallen. Das Fazit bis hier: Job well done.

Klingt alles gut, ihr seid on the hook, der Mauszeiger schwebt bereits überm „Kaufen“-Button? Dann lest besser nicht weiter. Für alle Anderen gehts auf der nächsten Seite weiter. Achtung: Akute Spoilerwarnung!

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