[Spiel+Film] Until Dawn

until dawn torture

ACHTUNG: Ab hier herrscht akute Spoilerwarnung.

Der Pseudo-Butterfly-Effekt

Until Dawn kommt jedoch nicht ohne Kritik weg. Diese liegt aber ausdrücklich jenseits des ersten Spieldurchlaufs, der für sich genommen eine intensive & absolut gelungene Erfahrung darstellt. Was jedoch passiert, möchte man das Spiel darüber hinaus – nunja – spielen, entpuppt sich als geradezu entmystifizierend. Das größte Manko handelt sich der Entwickler Supermassive Games dabei selbst ein: Denn wer im Intro ständig mit dem ohnehin schon ausgelatschten Butterfly-Effekt herumwedelt und vollmundig ankündigt, dass jede einzelne Entscheidung Einfluss auf die gesamte Handlung hat, der sollte auch liefern können.

Die Realität sieht aber in etwa so aus: Multiple Enden der Handlung existieren nicht. Zwar können Nebencharaktere bereits früh ums Leben kommen, die zwei Hauptcharaktere Sam und Mike überleben jedoch immer, alle Wege führen bis zum Showdown in der Mansion, selbst wenn man schlicht nichts tut. Richtig gelesen, man könnte in allen entscheidenden Momenten den Controller weglegen und es würde nichts ändern. Wenn man alles tun kann, das Ende sich jedoch nicht verändert, dann ist das kein Butterfly-Effekt, sondern dessen direkter Gegensatz.

until dawn detailFängt man erst einmal an, kritisch nachzuhaken, fallen immer mehr solch vorgetäuschte Features auf. Die Persönlichkeitswerte der einzelnen Charaktere (Humor, Neugier etc.) ändern sich mit jeder Entscheidung, ihr Einfluss auf die Handlung bleibt jedoch komplett nebulös. Die Gespräche mit dem unheimlichen Psychiater Dr. Hill (gespielt von Peter Stormare), in denen er die Ängste des Spielers abklopft, haben bis auf die Inneneinrichtung seiner Praxis nur absolut marginalen Einfluss. Ob man gefundene Munition einsetzt oder aufspart ist irrelevant, ob man Leute (oder einen Hund) rettet oder nicht, ändert bis auf einige Dialoge schlicht nichts.

Das ist vor allem schade, weil es vollkommen unnötige Schelte ist – es hätte schlicht nicht behauptet werden müssen. Das selbstauferlegte Superlativ des Konzepts wird Until Dawn zum Verhängnis. Denn wie bereits beschrieben, gibt es an der optischen & inhaltlichen Präsentation kaum etwas zu bemängeln. So versucht das Spiel aber leider mehr zu sein, als es letztlich ist: Eine spannende Erzählung im Serienformat mit kleinen Tweaks, die steuerbar sind. Hätten sich Supermassive Games auf ihre Stärken besonnen, anstatt ihre Schwächen zum USP zu erheben, wäre der zweite Eindruck ein wesentlich besserer.

until dawn sam

Fast Food statt 4-Sterne-Menü

Denkt man konsequent weiter, ist man schnell bei einer viel grundlegenderen Kritk: Until Dawn ist letztlich ein weiterer nicht ausgereifter Hybrid zwischen Film & Spiel. Im Idealfall holt ein solcher Hybrid zwei Zielgruppen ab und verbindet diese miteinander. Doch weder kann das Spiel mit seiner steifen Steuerung (bei ohnehin wenig Steuermöglichkeiten etwas peinlich), seinem niedrigen Schwierigkeitsgrad und der undynamischen Speicher- und Replay-Möglichkeit Gamer auf lange Sicht fesseln. Noch kann es Cineasten davon überzeugen, dass narrative Games der heiße Shice sind, denn dafür sind Animation & Schauspiel einerseits und inhaltliche Kohärenz andererseits doch nicht stark genug. Until Dawn macht im Grunde viel Appetit darauf, wie spannend solch ein Medien-Hybrid sein könnte – befriedigt den Hunger aber eher wie Fast Food.

Es verpasst den entscheidenden Schritt, nicht nur als Spiel mit viel Eye Candy & kurzlebigem Novelty Effekt bemerkt zu werden, sondern auch auf lange Sicht inhaltlich und konzeptionell als anspruchsvolles Werk in Erinnerung zu bleiben. Dazu gehört jedoch ein ausgereiftes & funktionierendes Konzept, was natürlich schwerfällt, wenn eben jenes nur halbgar ausgearbeitet ist. Statt also ein eigenständiges Spiel zu sein, das selbstbewusst zwischen den Stühlen steht, biedert sich Until Dawn wie seinerzeit Heavy Rain einer anderen Mediengattung an, so gut es eben geht. Es imitiert mit viel Aufwand Aussehen und Dramaturgie der Serie und verwendet deutlich weniger Liebe auf die paar noch verbleibenden Elemente des Videospiels wie etwa Steuerung, Interaktion & Wiederspielwert. Um diese Dissonanz zu kaschieren fanden die Entwickler dann die denkbar schlechteste Lösung: Das Vorgaukeln der unendlichen Möglichkeiten des Medium Videospiel, die jedoch bei genauem Blick schlicht verpuffen.

Damit verharrt das Spiel weiter in einer eigenartigen Nische, in der auch andere Hybrid-Versuche wie Heavy Rain und Co. versauern. Denn so richtig überzeugt am Ende keine der zwei Lesarten: Cineasten werden sich eher anspruchsvollen Filmen zuwenden, Gamer lassen das Spiel spätestens nach dem zweiten Durchgang im Schrank verstauben. Ist man beides, bedankt man sich für den ersten tollen Spieldurchlauf und ärgert sich anschließend über derart viel verschenktes Potenzial. Und man hofft, dass das nächste große Game dieser Art endlich mehr Innovation & Selbstbewusstsein besitzt.

Until Dawn ist nur für Playstation 4 verfügbar, der Preis liegt bei etwa 35 €. Einen Trailer gibts unten, mehr Informationen gibt es bei Supermassive Games.

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