Star Wars: The Force Awakens

© The Walt Disney Company Germany GmbH
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George Lucas hatte eine Vision und hat sie glücklicherweise auf Papier bekommen. Entstanden ist Star Wars (in der Folge: A New Hope), welcher unter seiner Regie das Blockbuster-Kino in den 70ern definierte. Das Papier ist dabei wichtig zu benennen, denn jeder weitere Film der Star-Wars-Reihe, in dem er entweder seine Hände mit am Drehbuch hatte (Return of the Jedi) oder alleine dafür verantwortlich war (Episode I – III), zeigen Schwächen oder sind sogar filmische Enttäuschungen wie die neue Trilogie. Aber ein Film konnte eine Qualität im Star-Wars-Universum erreichen, die sogar den ersten in den Schatten stellt: The Empire Strikes Back. Neben Lucas sind zwei weitere Namen maßgeblich für diese Steigerung verantwortlich: Gary Kurtz und Lawrence Kasdan.
Kurtz war Produzent der ersten beiden Filme. Ihm ist überwiegend das Funding von A New Hope zu verdanken und von Cast und Crew wurde er oft als zweiter Vater neben Lucas genannt. Doch nach The Empire Strikes Back haben sich Lucas und Kurtz zerstritten über die Richtung, die Return of the Jedi einnehmen soll. Lucas änderte komplett die Grundidee, um statt einem pointierten, bitter-süßen Ende ein reines Happy-End zu haben. Kurtz bestand aber auf die düstere Version und verließ dann die Produktion. Wieviel von der Originalversion noch Einwirkung auf das Endprodukt hat, kann der Zuschauer nur mutmaßen, aber Ungereimtheiten liegen auf der Hand. Gemeint sind dabei weniger die Kinder-angelnden Merchandise-Ewoks, die nicht zum Ton des Filmes passen, sondern die Handhabung der etablierten Figuren Luke, Leia und Han. Diese hatten ganz andere Pfade in der Grundidee am Ende eingeschlagen.
Kasdan wiederum ist ein Drehbuchautor, der das Script für The Empire Strikes Back verfasste und auch bei Return of the Jedi mit Lucas zusammen werkelte. Mit ersterem hat er es geschafft, das Star-Wars-Universum noch mitreißender zu gestalten als bei A New Hope. Trotzdem blieb er der kompletten Produktion der neuen Trilogie fern. Umso erstaunlicher ist es, dass er für den neuen Teil The Force Awakens wieder als Drehbuchautor ins Rampenlicht tritt. Bis dahin hat sich aber auch einiges geändert. Lucasfilm wurde von Disney aufgekauft und J.J. Abrams mit der Schirmherrschaft über das Projekt beauftragt. Zusammen haben sie nun einen Film geschaffen, der nicht nur den Fans und dem alten Franchise Tribut zollt, sondern auch Kurtz’ ehemaliger Version einer ausgefeilteren Figurenentwicklung. Kurzum: The Force Awakens ist ein für alle verdiente Meisterwerk, welches gleichzeitig auch einer der besten Filme des Jahres 2015 ist und neben The Empire Strikes Back sogar als bester Star-Wars-Film aller Zeiten gelten kann.

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Abrams und Kasdan setzen erfrischend auf eine Strategie, die schon ein anderer dieses Jahr in seinem Film anwendete, der derzeit auf vielen Listen auf der Nummer 1 rangiert. Es geht natürlich um George Miller mit Mad Max: Fury Road und der „Trick“ ist eine simple Story, die erlaubt, eine Welt und ihre Figuren kennenzulernen, ohne diese wie den Zuschauer einfach nur von einem Setpiece ins nächste zu hetzen. A New Hope nahm 1977 den gleichen Weg und hat mit einer einfachen Geschichte eine Welt vorgestellt, um diese dann in den folgenden Teilen zu vertiefen. The Force Awakens geht aber noch einen Schritt weiter und verknüpft diese Stärke mit der von The Empire Strikes Back, nämlich die Grundierung der Figuren mit emotionalen Themen wie Familie, Freundschaft, Verantwortung, Verrat, Verlust und Vergebung. Diese Akzentuierung auf die Charaktere zeigt den wahren Triumph eines Blockbusters, und Abrams/Kasdan haben das perfektioniert für The Force Awakens. Einerseits gelingen ihnen eine mitreißende Entwicklung mit den alten Haudegen aus der ersten Trilogie, andererseits nehmen sie sich auch genügend Zeit mit den neuen Figuren. Die Inszenierung mit den Charakteren bietet aber nicht nur genügend Tiefe, trotz einiger emotionaler Szenen versprüht der Film genauso wie die alte Trilogie eine gewisse Leichtigkeit durch Charme und natürlichen Witz.
Die anderen Zutaten für die perfekte Blockbuster-Unterhaltung sind erwartungsgemäß vorhanden, The Force Awakens ist meisterhaft inszeniert, hat traumhafte Bilder und wartet mit atemberaubenden Effekten auf. Gleichzeitig verzichtet Abrams auf Lucas’ Fehler, unnötig viele Charaktere und Drehorte am Computer zu erstellen, und seinen eigenen, Lens Flares auszureizen. In beiden Fällen findet er genau die richtige Balance.

Der simple Aufhänger der Story ist Luke Skywalker, der verschwunden ist. Sowohl die Rebellen unter der Leitung von seiner Schwester Leia als auch die neue böse Macht, The First Order, die von Supreme Leader Snoke (Andy Serkis) geführt wird, suchen nach dem letzten Jedi. Um jedoch seinen Standort herauszufinden, benötigt sie einen Chip mit einem letzten Hinweis seiner Route. Und hier kommt der erste neue Helden ins Spiel, Poe Dameron (Oscar Isaac). Der erfahrenste Pilot der Rebellen bekommt den Chip vom mysteriösen Lor San Tekka (Max von Sydow) um ihn zu Leia zu bringen. Doch fast zeitgleich erscheinen ein Kommando von Stormtroopern unter der Führung von Kylo Ren (Adam Driver), der nicht nur ein stylisches, rotes Lichtschwert, sondern auch eine gute Kontrolle über die Macht besitzt. Sicherheitshalber steckt Poe den Chip in seinen Begleitroboter BB-8 und schickt diesen in die Wüste, womit das ganze Abenteuer beginnt.
Oscar Isaac, der besonders dieses Jahr durch seine vielschichtigen Rollen in A Most Violent Year, Ex Machina und der HBO-Miniserie Show Me a Hero aufgefallen ist, spielt auch hier wieder sein volles Charisma aus, doch agiert er trotz seines Star-Appeals in einer sehr kleinen Rolle.

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Eine der zwei Hauptpersonen ist zwar auch in der Anfangsszene zugegen, doch wie Kylo Ren steckt auch diese unter einer Maske. Für FN-2817 (John Boyega), später Finn genannt, ist es der erste Einsatz als Stormtrooper, doch den Horror, den er dabei erblicken muss, kann er nicht akzeptieren. Seine Flucht führt ihn in die Arme von Rey (Daisy Ridley), womit die zweite und eigentliche Hauptperson ins Spiel kommt. Auch sie ist ein Paradebeispiel für ein Jahr mit starken Frauenfiguren in Action-Franchisen (s. Mad Max: Fury Road, Mission: Impossible – Rouge Nation), aus Überlebensgründen eine Plünderin, die selbstverantwortlich handelt, sich durchsetzt, aber auch nicht davor zurückschreckt, Gefühle zu zeigen. Finn dagegen findet sich gerade in einer neuen Welt der eigenen Entscheidungen wieder, die sonst immer für ihn gemacht worden sind. Sein naiver und überflüssiger Beschützer-Instinkt sorgt auch für einige Lacher in der Anfangsphase von The Force Awakens. Überhaupt zahlt sich das Casting dieser beiden noch unbekannten Neulinge vollkommen aus. Nicht nur bringen sie ihre Charaktere mit all ihren Wünschen und Ängsten glaubhaft rüber, auch stimmt die Chemie zwischen Finn und Rey von Anfang an. Genauso, wie man mit ihnen fühlt, macht es auch Spaß, wenn beide immer wieder aneinandergeraten. Gerade John Boyega als unerfahrener Weltraumabenteurer in seiner Interaktion mit anderen ist für viele humorvolle Szenen verantwortlich. Das wirkt sehr erfrischend neben den altbewährten Zutaten wie Han Solos Onelinern, Chewbaccas trockenen „Kommentaren“ oder dem Droiden-Humor, der dieses Mal auf BB-8s runden Schultern liegt.

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Auf der Gegenseite sind natürlich auch einige Namen vertreten, doch bleiben zwei interessante Charaktere noch im Hintergrund. Supreme Leader Snoke tritt wie früher der Imperator erstmal nur als sinistres Hologramm und Strippenzieher auf und die von Game-of-Thrones-Star Gwendoline Christie gespielte Captain Phasma hat weder viel zu tun, noch nimmt sie überhaupt ihren Helm ab. Domhnall Gleeson wiederum nutzt seine begrenzte Zeit für ein genüssliches Overacting als General Hux, dem seine Befehlsgewalt teilweise zu Kopf steigt. Doch der eigentliche Star unter den Bösen ist natürlich der furchteinflößende Kylo Ren. Sein Streben, in Darth Vaders Fußstapfen zu treten, dabei aber seinen Plänen immer wieder ein Strich durch die Rechnung gezogen wird, zeigen gleichzeitig noch eine andere, unsichere Seite. Diese lässt Schwächen wie Wutanfälle zu und beschert eine Unberechenbarkeit in der Figur, die von Adam Driver auch ohne Maske eindringlich wiedergegeben werden.

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Die Stars aus der alten Trilogie sind trotz Erstnennung auf dem Plakat eher Nebenfiguren, doch spielen sie wichtige Rollen in der Geschichte, die tiefe Verbindungen der einzelnen Personen zueinander offenbaren. Abrams’ schon aus anderen Projekten bekannte Geheimhaltungspolitik hat sich dieses Mal ausgezahlt, wurden so viele Theorien über das World Wide Web vertrieben, dass neben Überraschungen auch die „Also-so-ist-das“-Effekte funktionieren. Doch im Gegensatz zu Carrie Fisher als Leia und Mark Hamill als Luke, die mehr für Gänsehaut als schauspielerischen Mehrwert dienen, darf zumindest Harrison Ford nochmal richtig loslegen, wie es sein Charakter Han Solo auch dreißig Jahre nach Return of the Jedi einfordert. Wenn man Fords Karriere in den letzten Jahren beobachtet, schleicht sich das Gefühl ein, dass er überwiegend nur noch halbherzig bei der Sache ist. Umso erfreulicher ist es, dass er für The Force Awakens anscheinend wieder richtig Lust bekommen hat und das auch den Zuschauer spüren lässt. Er erweckt seine zweitgrößte Paraderolle neben Indiana Jones nicht nur wieder zum Leben, er geht mit ihr noch ein Stück weiter. Das zeigt nicht nur seine Liebe zu der Rolle, sondern auch zu dem Projekt und dem Franchise an sich.

Fazit: „A long time ago in a galaxy far, far away…“, das Star-Wars-Logo, die Musik von John Williams und der Lauftext, diese Dinge haben immer gestimmt und die Erwartungen nochmal zusätzlich angeheizt. Während Lucas danach in seiner neuen Trilogie immer wieder versagte, weiß J.J. Abrams mit The Force Awakens in jedem Kriterium nicht nur zu überzeugen, sondern geradezu aufzublühen. Mit grandiosen Effekten ohne CGI-Overkill liefert er ein Meisterwerk des Blockbusterkinos voll von Witz, Charme, Emotionalität, ausgefeilten Figuren und fantastischen Schauspielerleistungen ab, welches das Star-Wars-Franchise in ungeahnte, geradezu galaktische Höhen hebt.

Bewertung: 10/10

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