The Neon Demon: Die Gleichsetzung von Style und Substance

© Koch Media/24 Bilder

„Beauty isn’t everything. It’s the only thing.“ – Selten in der Filmgeschichte hat eine Dialogzeile einen Film so pointiert zusammengefasst. The Neon Demon, der neueste Film des Cannes’schen enfant terrible Nicolas Winding Refn ist die logische Weiterführung seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Thema Schönheit.

Die alljährlichen Buhrufe

Weder die Begeisterung der Massen noch die der Kritiker für seine oftmals sperrigen, teilweise prätentiösen Filme, die vor allem von Langsamkeit, hochgradig verschlüsselter Handlung und gleichzeitiger Überstilisierung geprägt sind, konnte der dänische Regisseur Nicholas Winding Refn seit seinem Erfolg mit Drive einfahren. Seit diesem Zuspruch scheint er die an ihn gestellten Erwartungen unterlaufen zu wollen und dabei wenig Wert auf Massenkompatibilität zu legen.

In einer Welt, in dem Kino mithilfe ausgeklügelter Publikumsforschung immer mehr an die Bedürfnisse der Massen anpasst wird, bildet Refn damit eine erfrischende Ausnahme. Nachdem bereits Only God Forgives in Cannes Buhrufe der Kritiker erntete, ereilte auch The Neon Demon im Mai dieses Jahres dieses Schicksal. Der Vorwurf: zu übersteigert, zu wenig Inhalt bei zuviel Stil, der Film sei unverdauliches Eye-Candy, das keine spannende Geschichte zu erzählen habe, brutale, tabubrechende Szenen seien lediglich auf den billigen Schockeffekt aus. Doch diese Kritik tut dem Film Unrecht, denn The Neon Demon reproduziert nicht einfach die bereits bekannten Stärken aus den Vorgängern, sondern entwickelt diese zu einem einzigartigen Stil. Dabei werden der Inhalt und die Form geschickt zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen, die gleichermaßen affektive sowie intellektuelle Impulse gibt.

Die Entdeckung der Weiblichkeit

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Eine der auffälligsten und gleichzeitig interessantesten Neuerungen, die Refn mit The Neon Demon vornimmt, ist die Fokussierung auf weibliche Charaktere. Nach der vollkommen männlich dominierten Welt in seinem mythischen Epos Walhalla Rising und den Konstruktionen und Dekonstruktionen von Maskulinität in Drive und Only God Forgives, verlassen die weiblichen Charaktere in Refns Welt ihren Platz als Nebenfiguren und werden konsequent in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Als brillante Casting-Entscheidung entpuppt sich dabei die Wahl der Hauptdarstellerin Elle Fanning, die bezeichnenderweise zuletzt als schöne Prinzessin Aurora in Maleficent Erfolge feierte und mit ihrem kindlichen, naiven Ausdruck und ihrer Wandlungsfähigkeit auch als rehäugiges Model in The Neon Demon überzeugt. Jena Mallone, die mit einer lesbisch-nekrophilen Sexszene die vermutlich verstörendste Performance ihrer Karriere abliefert, glänzt als schwer einschätzbare Verehrerin des jungen Mädchens. Sie wird von den Models Bella Heathcote und Abbey Lee flankiert, die als professionelle Models auch als Beraterinnen am Set tätig waren. Der Cast wird ergänzt durch Keanu Reeves, der als speckiger Norman-Bates-Verschnitt weiter auf den Pfaden seines neuen Images wandelt, sowie den herrlich verzückten Designer Alessandro Nivola und Karl Glusman, der erst im vergangenen Jahr durch Gaspard Noés Love bekannt wurde.

Erfreulich und konsequent ist die Tatsache, dass Refn auch hinter den Kulissen vermehrt auf die Mitarbeit von Frauen setzt. So übernimmt mit der argentinischen Kamerafrau Natasha Braier, die bereits zahlreiche Kurzfilme, Musikvideos und größere Produktionen wie beispielsweise The Rover betreute, das erste Mal eine Frau die Kameraarbeit in einem Film des Regisseurs. Außerdem wurde das Drehbuch in Zusammenarbeit mit den Drehbuchautorinnen Polly Stenham und Mary Laws verfasst – ebenfalls eine Premiere für den bisher entweder allein oder zusammen mit Männern arbeitenden Refn.

Die Schönheit und das Spiel mit der Aufmerksamkeit

Der Schauplatz der Handlung von The Neon Demon ist Los Angeles, die amerikanische Metropole für Schauspieler und Models schlechthin, in der Schönheit und Jugend die einzig wahre Währung sind. Die äußerlich gerade erst dem Kindesalter entwachsene Jesse bringt beides mit und möchte ihren Traum vom Modelleben verwirklichen. Dank ihrer unverbrauchten und nahezu überirdischen Schönheit werden bald erfolgreiche Designer und Fotografen auf das junge Mädchen aufmerksam. Mit wachsendem Erfolg rücken jedoch auch Konkurrentinnen und aufdringliche Verehrer immer näher an Jesse heran – bis ihr ihr Äußeres zum Verhängnis wird.

Die Schönheit mit all ihrer Macht und Gefährlichkeit ist ein Thema, das Menschen schon immer bewegt und gefesselt hat, man denke beispielsweise an den Trojanischen Krieg. Refn, der spätestens seit Walhalla Rising für seine besondere Ästhetik und kunstvollen Bildkompositionen bekannt ist, bettet seine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema in die moderne Modewelt ein. Obwohl er sich in Walhalla Rising, Drive oder Only God Forgives oberflächlich mit anderen Themen auseinandergesetzt hat, zieht sich das Thema Schönheit retrospektiv betrachtet durch nahezu alle seine Filme. Abgesehen von der äußerst ästhetischen Aufmachung seiner Werke geht es immer auch um Sichtweisen, Blickverhältnisse und vor allem in Only God Forgives um die Hinwendung zur Schönheit im Weiblichen. The Neon Demon scheint deshalb eine geradezu logische Weiterführung von Refns Oeuvre zu sein, die seine Auseinandersetzung mit der Ästhetik auf die Spitze treibt.

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Geschickt werden verschiedene Facetten der Schönheit beleuchtet und gleichzeitig mit einer Charakterisierung der Modewelt verknüpft. Die Modewelt ist einerseits ein hartes Geschäft, in dem menschliche Körper nichts anderes als zu begutachtende Waren sind, andererseits die Welt der Künstler und Visionäre, die ständig auf der Suche nach dem Kuss der Muse sind. Die Schönheit ist ein Segen, der gestandene Männer zu Tränen rührt, und gleichzeitig ein Fluch, der die Menschen in Jesses Umfeld um den Verstand bringt und sie verzweifeln lässt. Viele Aspekte dieser beiden Thematiken werden lediglich als kurze Impulse gezeigt und verdichten und vervollständigen sich mit dem Vorwissen des Zuschauers. The Neon Demon ist deshalb nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich hochspannend und entfaltet seine Wirkung weit über den Filmgenuss hinaus. Als vollkommene Schönheit und naive Unschuld vom Lande und damit als höchstmöglicher Kontrast zu den anderen Models wird Jesse zu Beginn inszeniert, doch wird schnell klar, dass das junge Mädchen sich der Macht ihrer Schönheit sehr wohl bewusst ist. Meisterhaft baut Refn diese Schönheit auf, schwelgt in ihr und steigert sie – um sie schließlich in einem verstörenden Finale zu zerstören.

Während die anderen Models sich mit ihren knapp 20 Jahren mehr und mehr optimieren müssen, um sich im Geschäft zu halten, schwebt Jesse als natürliche, unverbrauchte Schönheit mit dem gewissen, undefinierbaren Etwas über ihren Köpfen. „People see you, they notice. Do you know how lucky you are? I’m a ghost.“, gibt Model-Konkurrentin Sarah in einem Moment der Schwäche zu, bevor sie sich im nächsten Moment wie ein wildes Tier auf Jesse stürzt. Gesehen werden, Aufmerksamkeit bekommen, hervorstechen aus der Masse der Menschen – Refn legt nicht nur in dieser Szene den Finger auf die Wunde eines Zeitgeistes, in dem die Aufmerksamkeit das höchste Gut der Gesellschaft ist. Um diese Aufmerksamkeit zu bekommen, würden Jesses Konkurrentinnen alles tun, sie begehren sie, sie verzehren sich im wahrsten Sinne des Wortes danach. Wie abgemagerte, blutdurstige Vampire umschwärmen sie das Mädchen, um einen Teil ihres Zaubers abzubekommen.

Wie man sich in der Schönheit verliert

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Wie bereits in seinen vorherigen Filmen entfaltet Refn die Handlung von The Neon Demon mit äußerster Sorgfalt und in einem bis zur Zeitlupe heruntergebremsten Tempo. Die Ereignisse werden im Moment aufgelöst, der Inhalt wird zur Form, Style und Substance verschmelzen miteinander. Endlos lange schwelgt der Film in Schönheit, dem Zuschauer wird reine Ästhetik präsentiert. Hierbei wird das oberflächliche Thema des Films, nämlich die Darstellung der Modewelt mit den mannigfaltigen Facetten der Schönheit vereint und in perfekt komponierten Bildern ausgestellt. Höhepunkt dieser Vorgehensweise bildet Jesses Auftritt auf dem Laufsteg, der sich unversehens in ein aus der Handlung enthobenes minutenlanges, höchst affektives Spektakel verwandelt. Dieses Zusammenspiel aus Formen, Farben und Jesses vervielfachter Schönheit, in der sie sich selbst verliert, entfaltet eine einzigartige Sogwirkung. Spätestens hier wird die Grenze zwischen Inhalt und Ästhetik vollkommen aufgelöst, der Zuschauer verliert sich im hypnotischen Wirbel der Schönheit.

Unterstützt werden diese Bilder und die gesamte Handlung von einem vibrierenden, elektronischen Soundtrack, der in seiner Anmutung von märchenhafter Leichtigkeit bis hin zu dröhnender Aggression changiert. Die Musik, die wie schon in Drive und Only God Forgives von Cliff Martinez komponiert wurde, schafft eine Verbindung zwischen Handlung und Ästhetik des Films und fügt sich dabei nahtlos sowohl in die düsteren, heruntergekommenen Gegenden sowie in die polierte Hochglanzwelt der Club- und Modeszene von Los Angeles ein. Zusammen mit den streng komponierten Bildern, die immer wieder in Einzelteile zerlegt, durch Linien und Farben zerstückelt und mithilfe von Spiegeln und Fenstern narzisstisch gespiegelt werden, ergibt sich ein einzigartiger Rhythmus, dem sich nur schwerlich entzogen werden kann.

Diese unwiderstehliche Sogwirkung ist es, die The Neon Demon zu einem der mit Abstand interessantesten Filme des Kinojahres 2016 macht. Geschickt werden Elemente aus Genres wie Thriller, Horror und Film Noir mit dem bis zur Perfektion entwickelten ästhetischen Stil Refns und einer von Anspielungen und Metaphern angereicherten Handlung vermischt und bis zu einer völligen Verschmelzung von Inhalt und Ästhetik vorangetrieben. The Neon Demon ist ein durchdacht konstruierter und sehr klug gemachter Film, der noch lange Zeit im Kopf bleibt und durchaus einen zweiten Blick wert ist.

Bewertung: 10/10

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