The Revenant

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
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Ein Pfeifen liegt in der Luft, ein lästiger Tinnitus, der weiter anschwillt, sich durch die Vielzahl der Geräusche in den Vordergrund schält und sich weit über das Maß des Erträglichen hinaus fortsetzt. Der Hörsturz nach dem Unfall, das Summen nach der Explosion, ein deutliches Warnsignal des gequälten Körpers: bis hierhin und nicht weiter. Das hintergründige Pfeifen, das sich immer wieder in der beeindruckenden Klangcollage von The Revenant findet, steht für das wiederholte Überschreiten der Grenzen – beim Zuschauer genauso wie bei den Figuren. The Revenant ist ein Kampf, den uns der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu nicht nur zeigt, sondern mit allen Strapazen und Schmerzen hautnah miterleben lässt.

Der Kampf ist die narrative Klammer, die den Film zusammenhält, mit der er beginnt und auch enden muss. Nach gefühlt sehr kurzen Augenblicken des Friedens zu Beginn, in denen eine Gruppe von Männern, die in der Wildnis Pelze erbeuten, eingeführt werden, bricht der Kampf herein. Ein vom Kameramann Emmanuel Lubezki überragend gefilmter Angriff einer Gruppe von Indianern bringt die Handlung furios ins Rollen. Eine extrem dynamische Kamera und sehr lange Einstellungen, die an Iñárritus oscarprämierten Film Birdman erinnern, beziehen den Zuschauer stark ins Geschehen ein und etablieren mühelos und ohne lange Erklärungen alle relevanten Figuren des Films.

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Nach diesem kraftvollen Einstieg ins Geschehen, der den Zuschauer mit laut pochendem Herzen im Kinosessel zurücklässt, beruhigt sich die Kamera, driftet jedoch nie ins Gewöhnliche ab. Immer wieder werden ungewöhnliche Winkel, Schenks und Einstellungen erkundet, in rasanteren Szenen wird der energiegeladene Anfang des Films zitiert und weiterentwickelt. Gekoppelt wird diese interessante Kameraarbeit mit einem bemerkenswerten Timing und einer vor allem in unangenehmen Situation außergewöhnlichen Länge der Szenen. Obwohl The Revenant gleichwohl mit ausladenen Einstellungen die atemberaubende Landschaft auskostet, sind es vor allem die Szenen, die für Figuren und Zuschauer gleichermaßen unbequem sind, die auf unerträgliche Länge gedehnt werden. Die explizite und ungekürzte Darstellung der bestürzenden Ereignisse intensiviert die Wirkung und die Eingebundenheit des Zuschauers. Eine weitere Steigerung dieses Effekts wird durch die extreme räumliche und nahezu voyeuristische Nähe zu den Figuren erreicht, die so weit geht, dass die Kamera durch den Atem des Protagonisten beschlägt.

Entscheidend für die Ästhetik der Bilder in The Revenant ist die nahezu ausschließliche Arbeit mit natürlichem Licht bei den Dreharbeiten. Die durch und durch ansprechend komponierten Bilder profitieren sehr stark von den realistisch anmutenden Lichtverhältnissen, die mit ihren vielen Blau- und Grautönen die kalte und unwirtliche Welt des Films maßgeblich unterstützen. Die durch Bilder zusammen mit den aus Musik und mannigfaltigen Geräuschen bestehenden Klängen erzeugte Atmosphäre des Films überzeugt durch ihre Dichte und entfaltet eine sehr große Sogwirkung.

Neben dem Kampf ist der Tod ein durchgängiges Thema in The Revenant, das mit wiederkehrenden Träumen und Visionen des Protagonisten wiederholt in den Fokus gerückt wird. Bilder von zerfallenen Kirchen mit endlos pendelnden Glocken oder Berge von Bison-Schädeln, die vor dem Protagonisten aufgetürmt werden, sind passende und vielfältige Metaphern des Todes und erinnern außerdem an die grausame Geschichte der amerikanischen Ureinwohner. Auffällig ist außerdem der wiederkehrende Blick in den Himmel, der mal wolkenverhangen, mal klar oder zerteilt durch Bäume freigegeben wird und nicht selten mit einem teilnahmslosen Mond gespickt ist. Immer wieder hat der Protagonist Hugh Glass Visionen, in denen seine verstorbene Ehefrau auftaucht. Diese Szenen erinnern nicht nur an Ridley Scotts Gladiator, sondern sind leider auch von übertriebenen Pathos und damit verbundener Lächerlichkeit gekennzeichnet. Dieser prätentiöse Charakter wird durch die geflüsterten Worte in indianischer Sprache unterstützt und zerstört teilweise die ansonsten ausgewogene Atmosphäre des Films.

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Trotz dieser wiederkehrenden Irritationen kann sich eine interessante und spannende Handlung entfalten, die zwar packend ist, aber leider auch immer wieder ihre Längen hat. Der eine oder andere Schnitt hätte dem fast 160-minütigen Film gut getan und die in den Grundzügen vorhersehbare Handlung spannender gemacht. Die Figuren in The Revenant sind glaubwürdig und ihre Motivationen wirken weitesgehend nachvollziehbar, obwohl das Einbinden innerer Konflikte beim von Domhnall Gleeson dargestellten Captain Henry zum Ende hin leider doch etwas zu bemüht erscheint. Ein absolut überzeugendes Schauspiel liefert Leonardo DiCaprio, der für seine Rolle als Hugh Glass sichtbar an seine Grenzen geht, auch wenn die Hintergrundgeschichte der Figur noch etwas detaillierter hätte sein können. Am interessantesten ist aber die Figur des von Tom Hardy gespielten John Fitzgerald, die für eine Portion Unvorhersehbarkeit sorgt und permanent zwischen Gut und Böse oszilliert.

The Revenant ist alles in allem ein ästhetisch und inhaltlich überaus interessanter Film, der mit grandioser Kameraarbeit und einem bemerkenswerten Klangkonzept überzeugt. Die Handlung, die mit einer überragend gefilmten Einstiegssequenz beginnt, vermag trotz einiger Längen Spannung aufzubauen und den Zuschauer in die dichte Atmospähre einzuweben. Die Schauspieler machen durchweg einen sehr guten Job, auch wenn die eine oder andere Figur nicht sehr tiefgründig angelegt ist. Kurzzeitige Irritationen durch unfreiwillig komischen Pathos können glücklicherweise meist schnell überwunden werden, sodass die düstere und teilweise fast körperlich schmerzhafte Stimmung uneingeschränkt auf den Zuschauer wirken können.

Bewertung: 8,5/10

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