The World of Kanako [Kawaki]

©GAGA Corporation
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Letztes Jahr gewann überraschend ein Genrefilm die Berlinale. Der chinesische Black Cool, Thin Ice (Bay ri yan hou, in Deutschland treffender übersetzt mit dem Titel Feuerwerk am helllichten Tag) legte ein perfektes Beispiel eine Neo-Noir-Thrillers vor, welches so subtil gesellschaftliche Kritik am chinesischen System in eine spannende Handlung um eine Mordserie verpackte, dass der Film sogar in seinem Heimatland zugelassen wurde. Von jeder Subtilität befreit folgte mit The World of Kanako (OT: Kawaki, übersetzbar mit „Durst“) einige Monate später ein japanischer Eintrag in dieses Genre, welcher jedoch seit seinem Start im Sommer 2014 bis heute nur in wenigen asiatischen Ländern und auf einigen Filmfestivals in der USA zu sehen war. Das mag an seiner schweren Zugänglichkeit für ein größeres Publikum liegen, doch wer sich auf die zutiefst dreckige, unangenehme und brutale Welt in Tetsuya Nakashimas neuestem Werk nach seinem vielbeachteten Thriller Confessions – Geständnisse (OT: Kokuhaku) einlassen kann, wird mit einem misanthropisch-düsteren Meisterwerk über menschliche und gesellschaftliche Abgründe in inszenatorischer Perfektion belohnt.

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Hauptcharakter ist Akikazu Fujishima (Kôji Yakusho), ein Ex-Polizist, geschieden, alkoholkrank und ohne jeglichen Kontakt zu seiner Tochter. Doch fernab jeglicher Konventionen dieser klischeebelasteten Rolle ist er keinesfalls bereit für Resolution. Sein Wunsch einer idealen Familie beruht auf keiner Realität, seine problematische Persönlichkeit und sein Verhalten gegenüber Mitmenschen zeugen von keiner Hoffnung auf Änderung. Als seine Ex-Frau Kiriko (Asuka Kurosawa) ihn jedoch bittet, ihre verschwundene Tochter Kanako (Nana Komatsu) zu finden, sieht er wenigstens für sich selbst einen Hoffnungsschimmer. Endlich kann er sich selbst als Vater gefallen, und sei es nur um ihr eine Tracht Prügel zu verpassen. Doch seine Suche lässt ihn zu einer handelnden Figur in einer dunklen, brutalen Welt werden, was die Aufmerksamkeit der kriminellen Unterwelt sowie seines Ex-Partners Asai (Satoshi Tsumabuki) weckt. In einem zweiten, drei Jahre zurückliegenden Handlungsstrang taucht ein namenloser Erzähler (Hiroya Shimizu) auf, der, genauso wie Akikazu in Kanakos Welt eintritt (in diesem Fall als Mitschüler), nachdem er von ihr aus seinem Alltag aus Mobbing und Demütigung gerettet wird und sich in sie verliebt.

Während sich der Erzähler nur allzu gerne blenden lässt, taucht Akikazu tiefer in Kanakos Welt ein und wird sich seiner falschen Einschätzung der eigenen Tochter mehr und mehr bewusst. Dabei zeigt er dem Zuschauer eine ätzende Gegendarstellung der oft gezeigten, komfortablen Welt, in der ein Liam Neeson alles in Kauf nehmen darf um seine unschuldige Tochter zu retten. Filme wie Taken und viele andere aus dem Genre des Rache-/Entführungsthriller hinterfragen nie die Person des vermeintlichen Opfers, sodass der Zuschauer sich in dem Gedanken einkuscheln kann, es würde sich um eine engelsgleiche Person handeln. Schon David Fincher räumte letztes Jahr in Gone Girl mit diesem Muster auf, doch The World of Kanako geht noch eine Spur weiter und führt es ins maßlose Extrem. So wird die teilweise märchenhaft anmutende Welt des Erzählers – auch wenn sie die Realität mit ihrer Brutalität und Mobbing nicht ausblendet – nach der ersten Hälfte des Filmes zerstört beziehungsweise dem Ton der Gegenwartshandlung angeglichen. Nakashima hat eine Welt erschaffen, die keine Erlösung für niemanden hervorbringt. Schlimmer noch, er lässt den Zuschauer spüren, dass es sich um keine erdachte Welt handelt, sondern um die, in der wir leben. Der Regisseur bedient sich keiner klaren Gut/Böse-Struktur, ins Unwirkliche überzogene Charaktere oder einem realitätsfremden Deus Ex Machina. Damit lässt er kaum eine Chance zu, diese Welt als reine Fiktion oder abstrakte Übertreibung abzutun. Interessanterweise kommt der erschreckende Twist des zweiten Erzählstrangs genau zur Halbzeit. Es ist die letzte Gelegenheit für den Zuschauer, dieser Welt aus Drogen, Gewalt, Folter und Vergewaltigung den Rücken zuzukehren. Denn eins wird klar, von hier an geht es nur weiter in den Schmutz, wo die Grenzen zwischen Täter und Opfer weiter verschwimmen.

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The World of Kanako hütet sich davor, die Tochter simpel als Abbild ihres Vaters zu nutzen, auch wenn dieser sich ihr Verhalten nur so erklären kann. Immer wieder spricht der Erzähler Kanako mit ihrem Nachnamen an, als würde er unwissend die Brücke zu der drei Jahre entfernten Handlung mit ihrem Vater schlagen. Aber wie in der Inszenierung können Vater und Tochter auch in der Handlung ferner nicht sein. Kanako als sprichwörtliche Ausgeburt des Bösen würde vereinfacht Akikazu in seiner Form als böser Vater zum Schuldigen ihres Werdegangs machen, doch beide werden grundverschieden als Produkt ihrer desaströsen Umwelt dargestellt. Dabei ist Akikazu ohne Frage ein schlechter Mensch. Dem Zuschauer wird mehr als nur eine Möglichkeit gegeben, ihn zu hassen, doch am Ende bleibt nur eine Mischung aus Abscheu und Mitleid. Er gleicht einem degenerierten, triebgesteuerten Tier, welches sich in einer Falle verletzt hat und trotzdem denkt, es kann über sein nächstes Opfer herfallen. Der Gnadenschuss, der ihm früh während seiner Nachforschungen angedroht wird, will und will nicht kommen. Dieser würde aber keine Genugtuung bringen, weder für ihn, noch für den Zuschauer. Das Böse verschwindet nicht, Kanakos Eskapaden machen deutlich, dass es mit der abstinenten Elterngeneration nicht einfach verpuffen würde. Die Verwurzelung ist weitaus komplexer und beruht nicht nur auf der oftmals angesprochenen elterlichen Verantwortung. Somit ist der Zuschauer gezwungen, bei der Erkundung von Kanakos Welt jede noch so abscheuliche Seite ihres Vaters kennenzulernen. Nakashima lässt dabei seine Charaktere immer wieder Alice’s Adventures in Wonderland zitieren, explizit den ewigen Fall. Akikazu ist diesen Fall schon lange angetreten – als unentwegt fluchende, cholerische, brutale Abart von Alice. Doch der Regisseur belässt es nicht bei dieser kleinen Metaphorik und findet auch für die anderen Merkmale dieses Abschnittes des Kinderbuch-Klassikers Verwendung, sei es beispielsweise die Landung, der Schlüssel oder die Türen.

Inszenatorisch macht Nakashima insgesamt keine Gefangenen und verwandelt sein Kaninchenbau in eine pulsierende Mischung aus schnellen und abrupten Schnitten, verschiedensten Kameraeinstellungen, Animationen, alles unterlegt mit einem diffusen, aber ansprechenden Soundtrack, vor dem sich sogar Quentin Tarantino verneigen würde. Schon in den ersten Minuten, bevor überhaupt der Titel erscheint, lässt der Regisseur ein Gewitter von zusammengeschnittenen Szenen los, welche sich weder in ihrer Chronologie noch durch ihren Inhalt zufriedenstellend erklären. Auch bedient er sich verschiedener, inszenatorischer Kniffe bei nahezu jeder Exposition – und derer sind viele bei den teilweise komplexen Verstrickungen der Charaktere. Somit verwandelt Nakashima jede Sekunde zu einem Erlebnis, selbst wenn er seine vielen Charaktere und Plotpunkte vorstellen muss. Eine solch durchkonzipierte Inszenierung findet man selten. Nakashima steht mit The World of Kanako Regisseuren wie Edgar Wright mit dessen Paradewerk für unterhaltende Exposition und ansprechende Übergange, Hot Fuzz, in nichts nach.

Genauso beherzt baut er seine Szenen zusammen, für eine flüssige Erzählung pfeift er fast komplett auf Chronologie. Szenen und vereinzelte Bilder werden immer wieder durcheinander gewürfelt, aus einer neuen Perspektive wiederholt oder neu untermalt. Je weiter sich der Film in die verstörende Welt begibt, desto wilder wird der Bildersturm. Sind die zwei Handlungsstränge zu Anfang noch klar getrennt, finden sie nach der Hälfte gefühlt gleichzeitig statt. Auch die gezeigte Gewalt wird ruchloser. Die verbrachte Zeit in dieser Welt legitimiert das Ertragen der Brutalität, die bei einer solchen Handlung nicht zu umgehen ist. Insofern setzt Nakashima sein Vertrauen in den Zuschauer, die Konsequenz der erlebten Gewalt zu akzeptieren, sofern dieser seinen Film in voller Länge durchhalten will. Er beschönigt nichts in diesen Szenen, doch liegt es ihm genauso fern, den Zuschauer abzustoßen. Trotzdem ist die gezeigte Brutalität wie schon in den Rache- und Actionfilmen aus dem Nachbarland Korea nicht für zarte Gemüter.

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Auch die Darsteller bleiben dem Motto „Nicht anbiedern, aber auch nicht abstoßen“ treu. Obwohl sich keiner der drei Hauptcharaktere als Sympathieträger eignet, machen die Schauspieler das durch ihre Leistungen mehr als wett. Nana Komatsu verleiht ihrer Kanako die nötige mysteriöse Aura um glaubhaft zu verkörpern, wie sie nach Belieben ihre Mitmenschen kontrollieren kann. Ihr gelingt die schwierige Gratwanderung zwischen unschuldiger Schönheit und absoluter Bosheit ohne jemals auch nur ansatzweise als Karikatur zu verkommen. Hiroya Shimizu gibt seinen namenlosen Erzähler genauso wenig die Blöße, ihn als reines Mobbing-Opfer-Klischee enden zu lassen, sondern nutzt seinen Vorteil der Erzähler-Position, um mit energischer Wucht ein Innenleben zu kreieren.

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Doch der eigentliche Star ist natürlich Kôji Yakusho, der mit seinem Akikazu eine furiose Meisterleistung abgibt. Ohne ihn wäre es zu leicht, dieses totale Scheusal von Mensch inklusive den Film abzutun. Mit jeglichem Verzicht auf nach Erlösung oder Verständnis schreiendem Spiel gibt er dem Zuschauer eine Chance, diesem Mann nahe zu kommen und einen Einblick in die dunkelsten Ecken des menschlichen Verstandes zu erhalten. Es ist großartig mit anzusehen, wie Yakusho mit seinen Charakter eins wird, nichts läge ihm ferner als diesen zu verraten. Das ist absolute Selbstaufgabe in einem Monster, eine Leistung, die dann auch mit einem verdienten Ende vom Regisseur belohnt wird. Denn mit einer herausfordernden Auflösung vermeidet Nakashima, flache Moralvorstellungen zu bedienen. Das könnte im ersten Augenblick Unverständnis und Unzufriedenheit erzeugen, doch bei näherer Begutachtung  nicht passender gewählt worden sein, den es wird auch dem Charakter Akikazu gerecht.

Fazit: Tetsuya Nakashima liefert mit The World of Kanako ein Abbild einer bis ins tiefste Mark kranken Gesellschaft. Dabei ist ein beeindruckendes Meisterwerk des Neo-Noir-Thrillers herausgekommen, welches durch seinen Sog aus einer er- und abschreckenden Geschichte, gepaart mit einer inszenatorischen Perfektion und grandiosen Schauspielern, ein unvergessliches Filmerlebnis heraufbeschwört.

Bewertung: 10/10

[Nachtrag: Der Film wird  beim diesjährigen Fantasy Filmfest gezeigt.]

One Comment

  1. welt_des_klangs

    „The world of Kanako“ ist ein einzigartiges Meisterwerk, noch viel besser als „Memories of Matsuko“ oder „Geständnisse“ von Tetsuya Nakashima. Auch die schauspielerische Leistungen von Koji Yakusho und Nana Komatsu unterstützen diesen Film großartig. 12 von 10 Punkten.

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