Who Am I – Kein System ist sicher

© 2014 Sony Pictures Digital Productions Inc.

Noch ermüdender als die Debatte über den Tod des Genrefilms in Deutschland und wer eigentlich Schuld daran hat, ist für den passionierten Filmliebhaber eher die Suche nach ebensolchen, denn sie existieren ja irgendwie doch. Damit meine ich nicht die seit längerem von Schweiger/Schweighöfer eingenommene Beziehungskomödie und den dauervertretenden Versöhnungsfilm (ein geradezu deutsches Genre, lässt sich hier doch alles vom ersten Weltkrieg über die NS-Zeit, den zweiten Weltkrieg, Nachkriegsdeutschland, Stasi, RAF bis hin zur Wende hineinpacken), nein, den guten alten Genrefilm, der spezifisch seine Zuschauer sucht. Die Beispiele sind gering und die Qualität variiert dabei auch sehr von Mittelmaß wie z.B. die Zombieapokalypse Rammbock oder der Vampirfilm Wir sind die Nacht bis hin zu großartigen Vertretern wie Thomas Arslans Crime-Drama Im Schatten oder Tim Fehlbaums Endzeit-Thriller Hell. Doch ein Problem haben fast alle gemeinsam, ihre stiefmütterliche Behandlung in der Kinoauswertung, als würde eine Angst vor dem internationalen Vergleich herrschen. Regisseur Baran bo Odar bekam nach Das letzte Schweigen (übrigens auch eine Genrefilm) immerhin genügend Rückendeckung, um sein zweiten abendfüllenden Spielfilm als waschechten Thriller im Gewand einer großen Mainstream-Produktion auf die Leinwand zu bringen. Obwohl sich sein Hacker-Thriller Who Am I – Kein System ist sicher nicht verstecken braucht, eine internationale Beachtung wird ihm wohl verwehrt bleiben, erinnert seine Inszenierung sowie seine gut konstruierte Geschichte doch zu offensichtlich an mehr als nur einen Thriller von David Fincher.

Schon bei Das letzte Schweigen erkannte man einige Parallelen zu Finchers Zodiac, doch mit Who Am I – Kein System ist sicher zollt Odar nun seinem Vorbild vollen Tribut. Neben dem Farbfiltereinsatz eines jeden Finchers und einem fast komplett recycelten Soundtrack von The Social Network ist vor allem Fight Club der Stichwortgeber für seinen Hacker-Thriller. Und so fängt hier wie dort der Film mit dem Ende an, und hier wie dort mit einem Erzähler im Sitzen, der gerne die Vorkommnisse rechtfertigen möchte. In diesem Fall richtet sich der geschundene Hacker Benjamin (Tom Schilling) nicht wie sein Filmvorbild an den Zuschauer, sondern an eine real Person, nämlich die Europol-Ermittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm).
Benjamin entfaltet mit Ausdruck, dass alles wichtig sei (dem Zuschauer muss man sich nicht rechtfertigen, einer Europol-Ermittlerin schon), seine Lebensgeschichte von einem unsichtbaren Kind zum fürsorglichen Enkel mit magischen Kräften zum leidenschaftlichen Hacker. Wie es der Zufall nun so will, trifft er auf eine ganze Hackergruppe, bestehend aus Max (Elyas M’Barek), Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot jr.), die zusammen alsbald unter dem Namen CLAY (Clowns Laughing At You) allerlei Schabernack mit ihrem Können treiben. Dass diese erste Hälfte zwar holprig erzählt, aber gnadenlos unterhaltsam wie im Fluge vergeht, ist ganz klar an drei Punkten festzumachen: Erstens liegt der Film technisch auf höchstem Niveau, zweitens wird die Geschichte ohne Rücksicht auf Verluste oder den Wunsch nach Luftholen durchgepeitscht, so dass Lücken oder andere Schwächen im Drehbuch kaum auffallen, und drittens: die Besetzung rockt!

Tom Schilling hat sich lange aber stetig zum Indie-Darling hochgespielt und mit Oh Boy sein  Meisterstück abgeliefert. Sein Benjamin ist weit weniger fordernd, was Schilling aber nicht davon abhält, ihm so viele Nuancen wie möglich zu verpassen. Der Plan geht auf, denn Benjamin scheint ein viel interessanterer Charakter zu sein, als er am Ende wirklich ist. Der erste von vielen Tricks, die dieser Film dem Zuschauer spielen will. Insgesamt hätte es Who Am I – Kein System ist sicher ganz gut gestanden, seine Figuren besser auszuloten. Trotzdem ist es schön anzusehen, wie die anderen drei darauf pfeifen, wie kläglich sie geschrieben sind, und dieses Defizit mit einer so geballten Charme ausgleichen, dass der Zuschauer auch geneigt ist, darauf zu pfeifen. Elyas M’Barek darf mit seinem furioses Max auch wie Schilling (der melancholisch Ziellose) in seiner Paraderolle bleiben und eine weitere Variation seines schon oft gespielten Frauenverstehers abhandeln. Wotan Wilke Möhring kann mal wieder so richtig die Sau rauslassen als durchgeknallter Stephan und der schon seit Jahren sträflich unbedachte Antoine Monot jr., welcher den meisten traurigerweise nur als „Tech-Nick“ aus der Werbung eines großen Elektrofachhandels bekannt ist, gibt mit seinem zerzausten Verschwörungstheoretiker Paul die wohl nerdigste Performance ab.
Hannah Herzsprung scheint sich wiederum damit zufrieden zu geben, lediglich ein Plot-Hilfsmittel in der Rolle von Benjamins Jugendschwarm Marie zu sein. Insgesamt weckt sie die ganze Zeit den Eindruck, dass der Regisseur nicht so recht wusste, was er mit ihr anfangen soll und sie nicht dagegen wirken konnte. Ganz anders agiert Trine Dyrholm in ihrer ebenso kleineren Rolle als Ermittlerin. Auch ihr wird kaum eine Entwicklung zugestanden, aber sie nimmt ihre wenigen Szenen doch als Chance wahr, ein Profil zu hinterlassen, was sich gerade zum Ende hin auszahlt.

Bei der Inszenierung nutzt Odar die Gegebenheiten bestens aus, auch wenn man ihm vorwerfen kann, dabei nicht konsequenter zu sein. So ist Berlin die perfekte Kulisse für einen Hacker-Thriller, doch die Stadt spielt leider keine große Rolle. Eine klasse gefilmte Verfolgungsjagd durch die Universitätsbibliothek der HU (zum großen Ärgernis eines Berliners über Funk als Staatsbibliothek bezeichnet) ist ein großes Ereignis, bleibt aber nahezu der einzig wahrnehmbare Bezug zum Handlungsort. Auch wird die geniale Idee, das Treffen von Hackern innerhalb des Netzes wie ein Maskenball in einer U-Bahn zu präsentieren, in der ersten Hälfte des Filmes viel zu wenig genutzt, wobei eine solche Darstellung helfen würde, das Thema näher zu bringen. Überhaupt die Schwachstelle des Netzes (und somit die der Hacker) beim Menschen zu suchen als beim Computer selbst, ist eine interessante Ausgangslage, doch sie steht und fällt mit der Auseinandersetzung. Immerhin holt Odar das in der zweiten Hälfte überwiegend nach mit seinen visuellen Ideen, komplexe Handlungen im Netz durch alltägliche Gegenstände oder Beispielsituationen in der U-Bahn zu erklären.

Mit Ausnahme von einigen hanebüchenen Zufällen, die so nur die Filmwelt zustand bringt (übrigens etwas, das Fincher versucht, zu umgehen), wird die zweite Hälfte von Who Am I – Kein System ist sicher insgesamt auch runder. Der Fokus ist gesetzt, die Gruppe will sich im Netz beweisen und die Anerkennung ihres Vorbildes gewinnen, doch natürlich geht alles schief. Das Tempo bleibt dabei rasant und ein Twist jagt den nächsten, so dass sich der Zuschauer an David Finchers The Game erinnert fühlt oder an Christopher Nolans The Prestige – Magier (Benjamin) inklusive. Letztendlich bleibt aber das Vorbild Fight Club bestehen, müssen dabei sogar in der Mitte des Filmes Max und Marie über die Schatten ihrer Figuren springen. Auch wenn er Odar am Ende Finchers Meisterwerk von 1999 in gewissem Sinne treu bleibt, zieht er noch einen anderen Thriller-Klassiker aus der Mitte der 90er zu Rate. Wenn sich die schlussendliche Auflösung von Who Am I – Kein System ist sicher offenbart, wird man an zwei große Enden der Filmgeschichte erinnert und muss trotzdem vor Odar den Hut ziehen, wie clever er diese miteinander verknüpft und ausgelotet hat. Damit wiederholt Odar in seinem letzten Trick sein eigenes Motiv aus dem Film, will man am Ende doch glauben, dass sich Odar mit dem Zitieren seinen Vorbildes zufrieden gibt. Da zaubert er tatsächlich großes Kino aus schon existierendem großen Kino. Länger darüber nachgedacht, ist das zwar nur ein Taschenspielertrick, über den man dasselbe sagen kann, was Benjamin über seinen Kunstgriff mit den Zuckerwürfeln zu Lindberg meint: „Wenn man weiß, wie es funktioniert, ist es fast enttäuschend.“ Doch wie mit den Zuckerwürfeln steckt auch hier mehr dahinter als nur die Finte selbst. Denn Odar hat einen ganz anderen Trick vollführt: Der Genrefilm ist eigentlich nur lebendig begraben und nicht tot. Zeit weiter zu graben, wir wollen mehr davon.

Bewertung: 7,5/10

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