Der Horror der Dualität: Stark – The Dark Half

Erst ist es nur eine unscheinbare Beule am Körper, doch plötzlich kommt es zu ungehemmtem Wachstum, Schmerzen und damit zum unausweichlichen Arztbesuch. Ergebnis: Schockschwerenot!, es handelt sich um einen eingewachsenen Zwilling. Ein niemals eigenständig lebensfähiges Wesen, das noch im Mutterleib vom Körper des Geschwisterkindes absorbiert wurde, um dann Jahre später zu gesundheitlichen Problemen zu führen. Was in My Big Fat Greek Wedding bereits als unpassendstes aller Gesprächsthemen komödiantisch verarbeitet wurde, ist in Stark – The Dark Half noch Ausgangpunkt für feinsten Körperhorror und eine filmische Debatte über Dualität. Hier wird noch gänzlich unironisch die Verunsicherung, der unheimliche Aspekt, aber auch die Schuldigkeit des überlebenden Zwillings herausgearbeitet, die diesem medizinischen Ausnahmefall und der Vorstellung dessen innewohnen.

Stark – The Dark Half ist die Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Stephen King und verwebt die Geschichte eines Schriftstellers im Kampf mit seiner eigenen Identität mit autobiografischen Aspekten und einer guten Portion Übersinnlichem. Thad Beaumont, dem als Kind ein eingewachsener Zwilling aus dem Gehirn entfernt wurde, verdient sein Geld unter dem Pseudonym George Stark mit massentauglicher Horrorliteratur, möchte aber eigentlich lieber intellektuell Anspruchsvolleres veröffentlichen. Als er eines Tages mit der Enthüllung dieses Doppellebens erpresst wird, beschließt er, das Geheimnis selbst zu lüften und gleichzeitig seinen Traum wahr zu machen und sein Pseudonym buchstäblich zu Grabe zu tragen. Kurze Zeit später werden verschiedene Menschen aus Thads Umfeld auf grauenhafte Weise ermordet und jedes Mal finden sich Thads Fingerabdrücke an den Tatorten.

Die Romanvorlage ist die dritte Veröffentlichung innerhalb des Castle-Rock-Zyklus und ist mit einigen King-typischen Handlungselementen ausgestattet, wie beispielsweise einem Schriftsteller als Protagonisten, dem Handlungsort Maine bzw. Castle Rock und wiederkehrenden Figuren wie dem aus Cujo oder In einer kleinen Stadt bekannten Sheriff Pangborn. Hinzu kommt eine Parallele zu Kings eigenem Umgang mit seinem Pseudonym Richard Bachmann, dessen Enthüllung und Tod in Stark – The Dark Half verarbeitet werden. So wirkt es beinahe wie eine King’sche Lehrstunde, als Thad Beaumont seinen Literatur-Studenten über die Dualität des Seins und dessen Überwindung durch die Kunst berichtet.

Die Dualität, das Schwanken zwischen Gut und Böse und das Unterdrücken der Abgründe des eigenen Ichs spielen eine maßgebliche Rolle in Stark – The Dark Half und werden von George A. Romero über weite Teile sehr gut, wenn auch stellenweise recht platt umgesetzt. Der spannende Aspekte der inneren Zerrissenheit, die der Schriftsteller mithilfe seines Werkes bzw. mit seinem Pseudonym, einer Aufspaltung seiner eigenen Persönlichkeit zu einem gewissen Grad umgehen kann, wird leider sehr schnell zu einem äußeren Problem, das damit einen entscheidenen Teil seiner Faszination einbüßt. George Stark, der nun losgelöst ausschließlich die dunkle Seite verkörpert, verkommt relativ schnell zur fast schon albernen Karikatur, einer überzeichneten Figur, die erst ganz zum Schluss wieder an Anziehungskraft gewinnt.

Die größte Stärke des Films, und an dieser Stelle zeigt sich die Genialität Romeros ganz eindeutig, ist die Einheit zwischen der filmischen Form und der Handlung. So wie sich der Schriftsteller in seinem Werk selbst entblößt und die eigene Dunkelheit ausstellt, so geht der Film mit seinen eigenen Effekten und seiner Oberfläche um. Erstklassige, handgemachte Effekte geben dem wiederholt auftauchenden Körperhorror eine Plattform, das Böse, das Widerwärtige wird nicht nur zugelassen, sondern mutig zur Schau gestellt. Es sind kurze, aber nachhallende Momente des Schocks im Angesicht verkörperlichter menschlicher Abgründe, wenn aus dem offengelegten Gehirn ein Auge herausblickt oder sich das kranke Fleisch vom Knochen schält, die den Film zu seinen Höhepunkten führen. Das Ende des Films ist eine Steigerung dieser Vorgehensweise, wenn in einer ins Unendliche überhöhten Version von Die Vögel das Haus des Protagonisten von Tausenden Vögeln heimgesucht wird, die durch alle Ritzen ins Innere dringen.

Abgesehen von den auch für heutige Maßstäbe noch mehr als annehmbaren handgemachten Spezialeffekten (über die grauenhaften Computereffekte soll an dieser Stelle kein Wort verloren werden außer vielleicht: Autsch), bewegt sich der Film hinsichtlich der Schauspielleistungen als auch der Inszenierung leider kaum über dem Niveau eines gut gemachten Fernsehfilms. Alle Versuche, die Vorhersehbarkeit der Handlung mit den Mitteln der Verschleierung und des Herauszögerns zu minimieren, schlagen leider kläglich fehl, sodass nur wenig Spannung aufkommt. Die Figuren, allen voran George Stark als seltsame Mischung aus Psychopath und Rocker, sind stellenweise bis ins Groteske übersteigert (pfeifenrauchende Professorinnen mit seltsam ausschweifendem Wissen über das Übernatürliche inklusive) oder ihre Handlungen schlicht nicht nachvollziehbar (besonders fragwürdig: der niemals handelnde Sheriff Pangborn).

Alles in allem ist Stark – The Dark Half eine mittelmäßige King-Verfilmung mit einer geringen Spannungskurve, die aber trotzdem mit interessanten Grundideen, einigen lange nachklingenden Bildern, dem Mut zur Skurrilität und einem grandiosen Ende überzeugen kann. Nach mehr als 20 Jahren auf dem Index lohnt es sich nicht nur für Genrefreunde, sich die nun erstmals in Deutschland veröffentlichte ungeschnittene Fassung dieses Films zu Gemüte zu führen.

Bewertung: 6/10

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