Interview mit Alican Kuzu

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Retrogarde3Alican Kuzu kam mit sechs Jahren aus der Türkei nach Deutschland. 2010 lernte ich ihn über ein Filmerforum kennen, wir tauschten Drehbuchideen und unsere Ansichten über Filme und die deutsche Filmlandschaft aus. Zweimal stand ich dann für ihn vor der Kamera, einmal er für mich dahinter. Neben der Zusammenarbeit ergab sich im Laufe der Zeit eine gute Freundschaft. Beim YourTurn-Wettbewerb hat er nun mit seinem Pitch zur Webserie Retrogarde den ersten Platz gemacht und somit 25.000 Euro gewonnen.

Jaschar L Marktanner: Hallo Ali, Gratulation zum Sieg beim YourTurn-Wettbewerb. Kannst du kurz zusammenfassen, worum es dabei ging?
Alican Kuzu: Bei dem Wettbewerb ging es darum, dass Ideen auf YouTube gefördert werden. Für mich war es eine Chance, das deutsche Filmschaffen international zu vertreten, da Webserien auf YouTube immer bekannter und beliebter werden, Deutschland aber immer mit allem hinterherhinkt. So ein Wettbewerb ist ziemlich gut, wenn man Unterstützung bekommt, um doch mitspielen zu können.

Hast du Retrogarde speziell für den Wettbewerb entwickelt?
Nein. Letztes Jahr war ich zufällig bei der Mediaconvention, wo die Verleihung des ersten YourTurns war. Zu der Zeit hatte ich bereits angefangen, Retrogarde zu entwickeln. Ich kannte den YourTurn damals nicht und als ich erfuhr, dass es ihn 2016 wieder geben wird, wusste ich: Alle Segel in diese Richtung setzen.

Damit wir auch wissen wovon wir überhaupt sprechen: Worum genau geht es in Retrogarde?
Ganz kurz gesagt geht es um ein Retrospiel aus den 80ern, das durch einen Code zum Leben erwacht und die reale Welt lahmlegt. Die Computer sind blockiert, die Wirtschaft bricht zusammen, wodurch eine Anarchie entsteht. Die Menschen müssen die digitale Welt angreifen und zerstören, um die Computer wieder freizugeben.

Du bist 1989 geboren, hast die 80er also gar nicht miterlebt. Woher die Faszination für diese Zeit?
Ich habe mich eigentlich schon immer für diese Sachen interessiert. Ich war vier oder fünf Jahre alt, als ich Terminator gesehen habe. 1993 rum waren die 80er nicht so lange her, sondern noch recht aktuell. Damals gab es in der Türkei keinen Jugendschutz oder so etwas, daher konnte ich als Fünfjähriger sehen wie zum Beispiel ein Cyborg in Aliens auseinander gerissen wurde. Das war natürlich sehr schockierend für mich, aber es hat ein Gefühl in mir hinterlassen, etwas, das ich immer wieder suche, wenn ich einen Film schaue. Auch heute – also vor allem heute – suche ich nach diesem Gefühl. Ich spiele auch heute noch die alten Spiele oder schaue alte Filme, einfach nur um zu sehen, wo da etwas war, das es heute vielleicht nicht mehr so gibt, weil wir heute mit der ganzen Technik geblendet sind.

Gehen wir mal ein bisschen auf deinen Hintergrund ein. Du deckst ein breites Spektrum ab: Drehbuchautor, Kameramann, Produzent, Regisseur, Schauspieler, VFX-Artist – wie bist du zum Film gekommen? Hast du eine Ausbildung gemacht?
Wo fang ich da am besten an. (überlegt) Also zum Film bin ich ganz offiziell gekommen als ich damals – ich glaube es war 2008 oder 2009 – eine Ausbildung an einer Schauspielschule angefangen habe. Das war ganz zufällig eigentlich. Ich habe ja nur einen Hauptschulabschluss, und da wird einem ein Leben lang eingetrichtert: „Selbst wenn du es machen willst, du kannst es nicht machen. Du bist erstens nicht schlau genug und zweitens nicht gut genug“. Man hat viele Voraussetzungen nicht erfüllt und deshalb hieß es, man müsse etwas Handwerkliches machen. Also habe ich danach gesucht und dabei ganz zufällig die Ausschreibung für diese Ausbildung gesehen. Ich dachte mir, einen Versuch ist es wert. Plötzlich saß ich mit diesen ganzen anderen Schauspiel- und Regieschülern am Tisch. Begriffe wie Requisiten, Proben oder Drehtage und so weiter, das war dort alles so alltäglich und es war für mich etwas sehr Schönes – es gab kein Zurück mehr für mich, ich dachte mir: „Du wirst das jetzt durchziehen, auch wenn du dabei stirbst!“

Die Ausbildung hast du dann aber kurz vor dem Abschluss abgebrochen.
Das hatte damals den Grund, dass ich mich mit meiner Filmerei verzettelt hatte und um genug Zeit für die Abschlussarbeiten zu haben, hätte ich ein Trimester dranhängen müssen. Dazu war ich nicht bereit und wollte direkt loslegen. Bereut habe ich es nie, da letztendlich die Werke mehr zählen als irgendein Papier. Zumindest in der Filmbranche. Zunächst wollte ich woanders irgendwann den Abschluss nachholen. Wie banal das wäre, habe ich im Laufe der Zeit verstanden.
Rückblickend muss ich sagen, dass ich vom Charakter her sehr früh angefangen habe, Filme zu verstehen oder zu machen, indem ich damals schon Filme auf eine ganz andere Weise angeschaut habe. Heute ist es auch noch so, ich sehe das als eine Art geistiger Krankheit bei mir. Ich kann mich sehr stark auf eine Sendung oder einen Film konzentrieren, es ist sogar so, dass ich nicht in der Lage bin, mit jemandem zu reden, wenn im Hintergrund ein Film läuft. Selbst wenn er schlecht ist, er zieht meine Aufmerksamkeit komplett auf sich.

Welcher dieser Bereiche liegt dir persönlich denn am meisten und was machst du überhaupt nicht gerne? Was davon wirst du bei Retrogarde übernehmen?
Ich dachte bisher, dass ich am besten schreiben kann, aber am Set merkte ich, dass ich doch in der Regie die besten Fähigkeiten entwickelt habe. Aber das ändert sich auch immer.
Produktion mache ich sehr ungerne. Ich glaube das ist so der overkill für jeden, der Regie oder Schauspiel macht. Ich bin noch dazu ein sehr undisziplinierter Mensch, ich kann mich nicht an Zeitpläne halten, ich kann nicht gut Sachen besorgen, ich dreh mich so lange im Kreis bis ich es dann versemmele.
Bei Retrogarde übernehme ich tatsächlich trotzdem noch Produktion, allerdings eher in einer delegierenden Position. Ich werde sonst nur das machen, was ich gut kann. Alles, was ich nicht gut kann, werde ich abgeben. Ich werde vor allem Regie führen, Drehbuch schreiben und auch mitspielen.

RetrogardeSoweit ich weiß, hast du – von einigen kleineren Gehversuchen und YouTube-Videos abgesehen – bisher drei eigene Kurzfilme gedreht: Kings of Apocalypse (2010), Edge (2012) und I walk alone (2013). Denkst du, du bist gut genug vorbereitet, um Regie bei so einem großen Projekt zu führen?
Ich finde die Frage ziemlich interessant. Bei mir war es zum Beispiel nach I walk alone so, dass ich merkte: Wir haben viel richtig gemacht, aber einiges auch nicht. Ich war damals der festen Überzeugung, dass ich alles was ich falsch gemacht hab, eigentlich kann. Das stimmt auch, aber was man dabei immer vergisst, ist, dass es sehr schwer zu manangen ist, alles zusammenzubringen, was einen guten Film ausmacht. Man muss in Sachen Produktion seine Hausaufgaben machen, um auch den Freiraum zu haben, das besser zu machen, was man tatsächlich hätte besser machen können. Letztendlich kann jeder alles irgendwo, aber man braucht die Zeit, man braucht eine gute Planung, man darf die Aufgaben nicht falsch herum angehen.
Wir haben jetzt ein ganzes Jahr lang immer wieder Sachen für Retrogarde gedreht. Ich habe immer auf meine Fehler geachtet: Was kann ich optimieren, was kann ich abgeben und so weiter. Jetzt ist es tatsächlich so weit ausgeartet, dass dieses Projekt nicht mehr nur mir alleine gehört. Natürlich leite ich es, ich habe es ins Leben gerufen und alle gucken immer auf mich, wenn es heißt: „Toll gemacht!“ Aber letztendlich ist es so, dass wir das mit mehreren Leuten zusammen machen und da bin ich sehr froh drüber, denn ich sehe mich als alleiniger Produzent und Regisseur sowie Schauspieler nicht in der Lage, ein so großes Projekt in einer angenehmen Weise durchzuziehen. Deshalb muss ich ein Team zusammenstellen, dem ich vertrauen kann, und das ist mittlerweile der Fall. Wir sind gut auf das Projekt vorbereitet.

Jetzt waren das ja alles mehr oder weniger Endzeitfilme und auch Retrogarde ist nicht grade das, was man ein typisch deutsches Sujet nennen würde. Was genau reizt dich daran, Genrefilme zu machen?
Da habe ich sogar neulich drüber nachgedacht. Ich kann die gleiche Geschichte eigentlich in einem recht angenehmen, normalen Setting erzählen. Es müssen nicht immer tausend Sachen kaputt gehen, aber wenn ich dann so ein Drehbuch fertig habe und es verfilmen will, denke ich: „Irgendwie habe ich keine Lust darauf.“
Mich reizt die Atmosphäre, das ist vielleicht ein gutes Stichwort. Ich bin ein Atmosphärenfetischist. Sogar die Luft muss gefährlich sein in meinen Filmen, damit die ganze Zeit irgendetwas passieren kann oder die Figuren sich auf irgendetwas vorbereiten müssen. Natürlich kann man das alles auch in ein normales Setting packen, aber mich reizt das von der Optik und den Figuren her nicht, ich erzähle sehr ungerne Geschichten über normale Leute.

Ich habe mir nicht alle Wettbewerbseinreichungen angeschaut, aber für mich entsprach das meiste davon dem deutschen Standard. Glaubst du, dass du trotz oder wegen des hierzulande untypischen Themas gewonnen hast?
Ich denke sowohl als auch. Es ist mir auch aufgefallen, als ich mir andere Einreichungen angeschaut habe. Ich dachte: „Okay, es gibt ein paar richtig geile Projekte, aber das einzige, was wahrscheinlich wirklich international ankommen kann, ist Retrogarde.“
Ich denke es war einerseits so, dass sich Retrogarde trotzdem durchgesetzt hat, aber da muss man natürlich auch die Jury betrachten. Die Jury setzt sich aus den verschiedensten Ecken zusammen, es waren auch viele junge Leute dabei. Die haben einen ganz anderen Blick darauf und das ist vielleicht das, was die deutsche Filmbranche mal ganz dringend nötig hat – dass die Jurys nicht nur mit intellektuellen Leuten besetzt werden, sondern auch mal mit Leuten, die einfach nur Filme konsumieren und dann auch ganz klipp und klar sagen: „Das guck ich mir nicht an, das finde ich langweilig.“
Ich denke in dieser Hinsicht haben wir wirklich Glück gehabt, dass wir die einzigen waren, die derart in Richtung internationaler Markt gegangen sind. Unterm Strich gesehen hat es geholfen. Dass Science-Fiction in Deutschland einen Förderpreis erhält, das ist der Hammer.

Deutsche Independentfilmer widmen sich meiner Erfahrung nach oft nur deutschen Standardthemen, obwohl sie naturgemäß nicht an Vorgaben eines Studios gebunden sind. Wie siehst du das?
Ich glaube, dass es viel mit der schlechten Ausbildung zusammenhängt. Hier wird praktisch nur technisch ausgebildet und zusätzlich wird uns eingetrichtert, dass nur diese eine Richtung funktioniert. Ich war da schon immer gern ein Rebell. Manchmal schalte ich meinen Kopf aus und renne volle Kraft vorraus, weil ich spüre, dass es so richtiger ist als nach Vorgabe zu arbeiten. Das ist aber selten und viele Filmstudenten glauben schnell ohne zu hinterfragen, was man ihnen erzählt. Die meisten enden auch in der Werbeindustrie, dabei war es Jurassic Park, der sie zum Film gebracht hat. Das sehen sie nach ihrer ernüchternden Ausbildung nicht mehr so und genau da liegt der Fehler. Sie halten es für falsch und töricht, an die Magie der Filme zu glauben. Dazu kann ich nur sagen: Findet euren Glauben wieder!

Die Werbeindustrie bringt ja immerhin Geld ein. Machst du dir Gedanken über die Wirtschaftlichkeit deiner Filme?
Die Wirtschaftlichkeit eines Filmes ist tatsächlich eines der wichtigsten Dinge. Niemand arbeitet gerne für den Mülleimer und niemand gibt gerne sein Geld in den Mülleimer. Natürlich sollte man sich nicht die ganze Zeit darüber Gedanken machen, wie die Leute einen Film sehen. Mein Motto ist: „Die Leute können mich hassen dafür, aber ich werde diesen Film lieben.“ Aus meiner Sicht ist es falsch, einen Film für die komplette Masse zu machen, der wirklich alle Menschen ansprechen soll. Man sollte sich eine bestimmte Zielgruppe aussuchen, auch wenn es diese Zielgruppe vielleicht noch gar nicht gibt. Für mich sind Filme, die nicht nach ihrer Wirtschaftlichkeit gedreht wurden, für den Mülleimer gearbeitet – in den meisten Fällen.

Retrogarde1Mal wieder zurück zu Retrogarde: Durch den Gewinn und die generierte Aufmerksamkeit werden sich dir jetzt wohl einige Türen öffnen – aber wie war das vor dem Wettbewerb? Hattest du Probleme damit, Leute für das Projekt zu gewinnen?
Das kommt darauf an, mit wem man spricht. Wenn ich mit Schauspielern darüber redete, waren sie sofort Feuer und Flamme dafür. Ich hatte immer das Gefühl: Die explodieren direkt, wenn sie nicht sofort drehen dürfen. Für sie ist es immer noch was Besonderes.
Aber wenn es um Leute ging, die sich in irgendeiner Weise beteiligen sollten, also Sponsoren, Equipmentverleihe und so weiter, Geldgeber grob gesagt, ist es so, dass man entweder keine Antwort bekommt oder sie negativ ausfällt. „Wir haben kein Interesse an Ihnen und Ihrem Dreh.“ Wurde mir mal so geschrieben.
Aber um auf deine Aussage zurückzukommen, wir haben jetzt noch nicht so viel ausprobiert und geschaut, ob es nun anders ist. Wir hatten nun einige Beiträge in den Medien, was ziemlich cool ist, das wird sicherlich helfen uns von anderen Projekten abzuheben. Aber man sollte niemals davon ausgehen, dass so ein kurzer Erfolg alles ändert. Man muss trotzdem dafür kämpfen.

Welches Publikum möchtest du mit Retrogarde erreichen?
Primär Leute, die so zwischen 20 und 40 sind. Also Leute, die in den 80er Teenager waren und deren Kinder, die vielleicht auch noch „retro“ aufgewachsen sind.
Die Story ist recht brutal mit viel Blut, aber ich glaube es wird auch jüngeren Leuten gefallen, weil es sehr cool und schnell erzählt ist, mit viel Action. Sehr modern gemacht, aber mit Retroreferenzen. Ich denke, da spricht man auf jeden Fall alles an, was von 14 bis 40 geht. Vielleicht auch darüber hinaus, weil es bedeutungsvoll und teilweise wissenschaftlich erzählt ist, wie das Ganze überhaupt passieren kann.

25.000 Euro sind ein stolzer Betrag, für Retrogarde aber vermutlich zu wenig. Was meinst du, für wie viele Folgen das Geld reicht? Wohin genau wird es fließen? Und wie wirst du Retrogarde fortsetzen, wenn das Budget aufgebraucht ist?
Das ist tatsächlich richtig, wenn man Retrogarde als eine offizielle Produktion durchziehen würde, die richtig finanziert ist, würde alleine das Budget für die Visual Effects die Millionengrenze sprengen.
Ganz viel wird für die Locationmiete draufgehen, dann für Reisen, für Unterkünfte, Requisiten, Kostüme. Dann natürlich für technisches Material, 3D-Scans, Motion Capturing, wir haben ja Roboter, die gegeneinander kämpfen. Leute, die Vollzeit an den VFX arbeiten, werden bezahlt. So zumindest der Plan bisher.
Wenn das Budget aufgebraucht ist, haben wir das Ganze hoffentlich schon fertig. Im Oktober werden wir noch mal ein Crowdfunding starten. Es wird dann auch Merchandise und eine eigene Webseite geben. So kommt hoffentlich genug Geld zusammen, damit wir nächstes Jahr nicht noch einen Wettbewerb gewinnen müssen, um die zweite Staffel zu realisieren.

Was hättest du gemacht, wenn du beim YourTurn nichts gewonnen hättest? Hättest du Retrogarde trotzdem realisiert?
Ich dachte einige Zeit lang, dass wir nicht gewinnen. Wir haben die erste Folge schon zur Hälfte gedreht, es fehlen noch zwei oder drei Drehtage. Der Plan wäre dann gewesen, die erste Folge mit sehr viel Arbeit, die ich alleine mache, fertigzustellen und damit dann ein Crowdfunding zu starten. Ich hätte ganz viel gearbeitet und ganz viel gespart, ich hätte es nicht aufgegeben.

Danke für das Gespräch, Ali. Das letzte Wort gehört dir.
Filme zu machen ist nicht leicht und wer es sich leicht machen möchte, der ist falsch. Der sollte keine Filme machen.

Schrotten!

© Port Au Prince Pictures

© Port Au Prince Pictures

Mirko Talhammer entstammt einer Schrotthändlerfamilie, möchte mit diesem Gewerbe aber nichts zu tun haben. Daher ist er nun unzufriedener Versicherungsvertreter, der aufgrund eines kruden Schneeballsystems bei der Kundenaquise seinem Chef 100.000€ schuldet. Just in diesem Moment holt ihn die Vergangenheit ein und er wird von zwei Mitarbeitern des Vaters auf den Schrottplatz entführt. Dort erfährt er, dass letzterer verstorben ist und schon bald tut sich eine Möglichkeit auf, gerade noch rechtzeitig an die plötzlich fällige Summe zu gelangen: Einen Zugwagon mit 40 Tonnen Kupfer zu stehlen.

Regiedebütant Zähle wurde 2012 für den Kurzfilmoscar nominiert und es wäre vermutlich die klügere Wahl gewesen, Schrotten! als Kurzfilm um den Zugraub herum zu erzählen. Zu lange braucht der Film nämlich, um an Fahrt aufzunehmen, auch Hauptdarsteller Lucas Gregorowicz wirkt in seinem Spiel über weite Teile routiniert-gelangweilt. Gegenpart Frederick Lau verkörpert Mirkos Bruder Letscho hingegen herausragend und auch der restliche Cast weiß zu überzeugen. Ist der Film aber erst mal bei der eigentlichen Story angekommen, lässt man sich gerne darauf ein und fiebert mit den Charakteren mit, auch wenn der Ausgang auf der Hand liegt.

© Port Au Prince Pictures

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Inhaltlich und formal hält man sich an gewohnte Muster: Zwei gegensätzliche, zerstrittene Brüder, die sich für ein größeres Ziel zusammen tun müssen und im Laufe des Films wieder zueinander finden. Mirkos Wandlung vom Anzugträger zum bomberjacketragenden Schrotthändler passiert dabei ohne inneren Konflikt des Protagonisten und anscheinend hauptsächlich weil es so im Skript steht. An Kameraführung und Schnitt gibt es prinzipiell nichts auszusetzen, alles ist auf einem technisch soliden Level, man bleibt aber generell auf Fernsehniveau und wagt nichts.

Schrotten! hebt sich deutlich von anderen deutschen Komödien ab, die mit Fäkalhumor und Fremdscham glänzen, und ist mit Charme erzählt. Unterm Strich ist der Film zwar nichts für die große Leinwand, gibt aber einen sympathischen Fernsehfilm ab (mit NRD, HR und Arte waren drei Fernsehsender in die Produktion involviert – ein Schelm, wer …), bei dem man sich dann auch von den diversen Ungereimtheiten in der Story nicht weiter stören lässt.

Bewertung: 6/10

Die kritischen 3: X-Men: Apocalypse

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

GerritH:

Der Film in 100 Worten: Nach dem desaströsen dritten Teil der alten Trilogie gab es mit X-Men: First Class ein Reboot, das seine Stärke aus neuen Akzenten zieht. In Days of Future Past räumte dann Bryan Singer das komplette Universum auf und inszenierte nun mit großer Freiheit den dritten Teil der neuen Trilogie, X-Men: Apocalypse. Doch entpuppt sich dieser überraschend ideenlos mit einem altmodisch-banalen Bösewicht, für den Oscar Isaac vergeudet wurde, und einem neuen Aufguss von allem, was die letzten beiden Filme so gut gemacht haben. Grundsätzlich schlecht ist das nicht, da man bei dem wenig Neues heraufbeschwörenden Konflikt Xavier/Magneto immer noch das überragende Duo McAvoy/Fassbender zu sehen bekommt. Doch tritt der Déjà-vu-Effekt zu häufig auf. Der große Pluspunkt des Films ist die neue Generation. Gut ausgearbeitete und fantastisch gespielte Charaktere wie Cyclops (Tye Sheridan), Jean Grey (Sophie Turner), Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee) und Storm (Alexandra Shipp) machen Lust auf das nächste Abenteuer, welches dann hoffentlich auch einen ansprechenden Konflikt und neuen Ideen aufwartet.

Beste Szene: X-Men: Apocalypse hat einige großartige Einzelszenen zu bieten. So ist Quicksilvers (Evan Peters) Auftritt natürlich wieder genial und lustig, auch wenn auch diese Szene dem oben besprochenen Wiederholungsfaktor zum Opfer fällt. Auch das Auftreten eines alten Bekannten, welches leider im letzten Trailer gespoilert wurde, macht unfassbar Laune auf ein einen der kommenden Filme. Die beste Szene, die einen unerwartet aus dem Hocker reißt, ist jedoch still und emotional, wenn Magneto, der 10 Jahre incognito eine neue Identität aufgebaut hat, von seiner Welt eingeholt wird und seinem Schicksal in einem Wald stellen muss.

Schlechteste Szene: Es ist schwierig eine bestimmte Szene zu nennen, es ist mehr die oft viel zu lächerliche Präsenz von Apocalypse. Seine Beweggründe sind nicht nachvollziehbar und den Großteil des Films teleportiert er sich nur umher und versucht, wie die größte bisherige Bedrohung zu wirken, ohne einer solchen gerecht zu werden.

Zu empfehlen? Ja, mit Einschränkungen. Für einen Superhelden-Blockbuster wird man wunderbar unterhalten und bekommt tolle, neue Charaktere geboten, die auf eine rosige Zukunft des Franchises hindeuten. Doch sollte man nicht erwarten, entsprechend der letzten beiden X-Men-Filme viel neues zu sehen. Zumindest werden aber diese alten Stärken weiterhin gepflegt.

Bewertung: 7,5/10

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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StephanH:

Der Film in 100 Worten: Im dritten Teil der zweiten X-Men-Trilogie sindzehn Jahre vergangen, seitdem Magneto, Mystique und Professor Charles Xavier das letzte Mal in der Öffentlichkeit zu sehen waren. Es ist 1983, die Mutanten sind mittlerweile in der Gesellschaft akzeptiert und jeder von ihnen verfolgt eigene Lebensziele. Doch diese Friedenszeiten scheinen sich dem Ende zu neigen, als der fünftausend Jahre alte Mutant Apocalypse aus dem Tiefschlaf erwacht und seine vier apokalyptischen Reiter um sich zu scharen beginnt. Damit beginnt erneut der Kampf zwischen den Mutanten, um das Ende der Welt zu besiegeln oder um es zu verhindern.

Beste Szene: Vier junge Mutanten verlassen das Kino und unterhalten sich über den gerade gesehenen Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Die Diskussion über diesen Film und vor allem der Ausspruch „The third one is always the worst one“ amüsieren ungemein und solche selbstironischen Aussagen machen die X-Men-Filme immer wieder zu einer gelungenen Unterhaltung.

Schlechteste Szene: Der Vorspann ist erneut eine Enttäuschung. Da wird mit schlechten Computereffekten gearbeitet, die fünftausend Jahre zwischen dem alten Ägypten und dem endenden zwanzigsten Jahrhundert wieder einmal auf das NS-Regime und die Sowjetunion reduziert und ganz wild durch die Gegend gefahren, damit sich die 3D-Effekte auch auszahlen. Glücklicherweise ist das aber das einzige Manko an diesem Film.

Zu empfehlen? Ich mag die X-Men-Filme und kann ihnen immer viel abgewinnen, daher freue ich mich schon vorher wochenlang auf die neuen Veröffentlichungen. Auch dieses Mal ist der Cast sehr gut zusammengestellt, ob bereits bekannte Gesichter wie James McAvoy, Jennifer Lawrence oder neue Darsteller wie Oscar Isaac, der Apocalypse verkörpert, alles wirkt stimmig und vertraut und weiß innerhalb kürzester Zeit zu überzeugen. Nach dem etwas schwächelnden Days of Future Past wieder ein großartiger X-Men-Film, der eine gelungene Story bietet, humorvolle Komponenten zu bieten hat und dieses Mal überraschend international ist.

Bewertung: 9/10

© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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DieFilmguckerin:

Der Film in 100 Worten: Neue Mutanten, alte Bekannte, fiese neue Feinde. X-Men: Apocalypse wiederholt die Erfolgsrezepte seiner Vorgänger und präsentiert wie üblich eine angenehme Mischung aus Bekanntem und Neuem, verpaart mit exzellenten Special Effects und eindrucksvollen Bildern. Die Geschichte um Magneto sorgt für emotionale Eingebundenheit und auch die anderen Figuren gewinnen durch ihre weiteren Hintergründe und Handlungen an Dimension. En Sabah Nur (bzw. Apocalypse) wird als interessanter und überaus mächtiger Gegner inszeniert, der dem Geschehen die nötige Spannung verleiht. Eine angenehme Abwechslung ist auch die zunehmende Internationalität in X-Men: Apocalypse und der (erneut) sehr gut eingefangene Zeitgeist der 80er Jahre.

Beste Szene: Es gab viele sehr gute Szenen, deshalb ist es sehr schwer, sich für eine zu entscheiden. Neben der wieder einmal hervorragenden und gleichzeitig unheimlich witzigen Quicksilver-Szene, gefiel mir auch der Anfang sehr gut. Das Ganze mit war ein freundliches Kopfnicken in Richtung eines meiner Lieblings-Sci-Fi-Klassikers Stargate, in dem auch mit Ägyptern, Gottesanbetung und moderner Technologie umgegangen wurde. Mutanten in die Geschichte der Menschheit einzuweben, ist ein interessanter Kniff und erweitert (wie die internationalen Schauplätze insgesamt) den Tellerrand angenehmerweise über den amerikanischen Kontinent und die Neuzeit hinaus.

Schlechteste Szene: Sehr schwer zu finden. Hier und da gibt es Bilder, die offenbar eingebaut wurden, um den 3D-Effekt zur Wirkung zu bringen, was generell ein Problem ist. Und die Kampfszene in Westberlin wird durch einen sehr eigenartig Deutsch sprechenden Moderator geleitet – was in der Synchronisation vermutlich nicht mehr zu spüren sein wird. Wirkte dann doch irritierend und die filmische Illusion leider ein bisschen zerstört.

Zu empfehlen? Für Fans der Reihe ist der X-Men: Apocalypse absolut empfehlenswert. Bekannte Motive und Charaktere werden aufgenommen und interessant weiterentwickelt, Neuerungen elegant in Bestehendes eingewebt. Abgesehen davon sind es vor allem die Bilder (ich sage nur: Vernichtung der Welt) und die Stimmung, die überzeugen. Zuschauer ohne Vorwissen werden vermutlich nicht jeden Hinweis sofort verstehen, doch auch als alleinstehendes Werk sollte der Film verständlich sein.

Bewertung: 9,5/10

Kurzfilmkritik: Hugo Boss (2015)

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Humor ist Geschmacksache. Ich persönlich finde einen Sketch voller vorhersehbarer, flacher Witze nicht lustig. Besonders problematisch wird es, wenn der Zuschauer nicht weiß, ob etwas als Witz gemeint war oder wirklich ein Filmfehler ist – vor allem, wenn es sowohl als Witz als auch als Filmfehler idiotisch ist.

Ein direkter Einsteig ist bei einem Kurzfilm sehr begrüßenswert, aber die schnellen Schnitte während der Anfangsszene, die keinerlei Hintergrund für uns hat, führen nur dazu, dass man sich fragt was da passiert – aber eben nicht im guten „ich will wissen wie es weitergeht“-Sinne. Dann sagt der Typ allen Ernstes „what the fuck“, als wäre er das Publikum. Zu dem Zeitpunkt könnte man noch spekulieren, dass das Ganze im englischsprachigen Raum spielen sollte, aber nein, bereits im nächsten Shot bekommen wir ein deutsches Kennzeichen zu sehen und hören den total unverbrauchten russischen Akzent eines Klischeehandlangers.

Bei 0:48 ist die erste Stelle, bei der man nicht weiß, ob es ein Witz sein sollte oder ein Filmfehler war. Auf die Frage des Blonden erfolgt keine Antwort und er sagt sofort „Falsche Antwort!“ Was. Jeder mögliche Erklärungsversuch dafür wirkt wie reine Zeitverschwendung, diese Szene entzieht sich jeglicher Rechtfertigung. Kurz darauf sagt er „Ich frage noch einmal“ und fragt dann direkt zweimal. Soll das witzig sein? Ist das ein Schnittfehler? I don’t even.

„Nun die entscheidende Frage, hast du das Geld dabei“ – are you fucking serious? Die entführen ihn, als er ohne Tasche oder sonst was auf der Straße rumgammelt und dann fragt der Blonde, ob der Kerl das Geld dabei hätte?! Das ist so unwahrscheinlich dämlich, ich hab nicht die geringste Ahnung wie jemand so was lustig finden kann (falls es ein Witz sein sollte) bzw. wieso es niemandem auffällt (falls es ein Skriptfehler war). Die Stelle ab 1:13 ist auch danebengegangen. Dass er seinen Kopf mehrmals auf den Tisch haut, obwohl der andere schon weg ist, kann ich immerhin noch als witzig gemeint erkennen (auch wenns das nicht ist), aber dass der Kopf gar nicht so weit runtergeht dass er die Tischplatteberühren könnte… ich weiß wirklich nicht, was ich von dem Ganzen halten soll. Zu der Sprachcomputerszene spar ich mir mal einen Kommentar. Beim Ende kann ich zumindest verstehen, wenn das jemand lustig findet, es ist auch einigermaßen charmant umgesetzt.

Das Schauspiel ist furchtbar. Der Blonde ist der bessere und auch wenn es bei ihm paar Szenen zum Fremdschämen gibt, ist er über weite Teile recht gut, auch wenn sein Alter natürlich nicht zur Rolle passt. Der Dunkelhaarige ist, angefangen damit, dass er brav wartet bis ihm im Auto das Tape über den Mund geklebt wird, durchgehend unglaubwürdig (mit Ausnahme der Szene als ihm das erste Mal Schmerzen zugefügt werden). Ich referenziere extra auf niemanden mit dem Charakter, da ich nur Darsteller sehe. Natürlich kann man von einem Laien nichts erwarten, doch schlechtes Skript und mangelnde Regie lassen selbst guten Schauspielern wenig Spielraum.

Kamera und Schnitt sind okay, der einzige unsaubere Schnitt der mir auffiel war bei 1:56 (oben erwähnte ausgenommen). Beleuchtung und/oder Nachbearbeitung find ich seltsam, das Bild ist generell am Rand zu dunkel, es wirkt als hätte man nachträglich ne Vignette eingefügt, die aber einfach nur da ist, ohne zielgerichtet den Blick zu führen, was eben entweder auf schlechte Beleuchtung oder sinnlose Vignette hindeutet.

Was sich trotz allem positiv hervorheben lässt, ist dass es zumindest so wirkt, als hätte der Dreh Spaß gemacht. Wenn die Energie und den Spaß in ein gutes Skript investiert wird, kann sicher ein annehmbarer Film dabei herauskommen.

Bewertung: 2/10

Hugo Boss, Regie: Adrian Fach

Im Himmel trägt man hohe Schuhe

© Neue Visionen Filmverleih GmbH

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Jess (Drew Barrymore) und Milly (Toni Collette) sind seit der Grundschule beste Freundinnen und haben alle wichtigen Momente miteinander geteilt. Mittlerweile sind beide erwachsen, Milly ist mit dem Musiker Kit (Dominic Cooper) verheiratet, arbeitet als erfolgreiche PR-Agentin und ist Mutter von zwei Kindern. Jess wohnt auf einem Hausboot mit ihrem Freund Jago (Paddy Considine) und sie beide wünschen sich ein Kind. Es scheint alles gut zu sein, bis Milly die Diagnose Brustkrebs erhält.

So beginnt ein ständiger Kampf gegen die Erkrankung, die von wechselhaften Phasen geprägt ist. So geht es Milly kurzzeitig besser, damit sich daraufhin ihr Zustand wieder verschlechtert. Unterstützung erhält sie dabei von Jess, die sich aufopfernd um ihre beste Freundin kümmert. Diese Grundlage hätte genutzt werden können, um die Radikalität von Krebs in seiner Gesamtheit darzustellen.

© Neue Visionen Filmverleih GmbH

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Diese Möglichkeit lässt der Film aber verstreichen, um stattdessen die sehr einseitige Beziehung zwischen Milly und Jess zu skizzieren. Obwohl die Konzentration auf die beiden Protagonistinnen gelegt wird, wirken beide Figuren eher eindimensional, da sie sich an den immer gleichen kleinen Geschichten erfreuen und nur ein gemeinsames Thema haben: Millys Krebserkrankung. Warum die beiden miteinander befreundet sind, (trotz des ausschließlichen Fokus auf Milly) wird nicht verständlich. Wenn in den wenigen Szenen der Fokus auf ein Gespräch zwischen Jago und Kit gelegt wird, unterhalten sie sich entweder über Sex oder über ihre Frauen. Damit wird das Geschlechterbild vertauscht, durch das zu viele Filme geprägt sind, doch das ist nicht innovativ oder gar große Kunst. Das ist immer noch billiger Sexismus, nur unter anderem Vorzeichen.

Generell sind Jago und Kit fordernd und gehen nur selten auf ihre Frauen ein, so dass der Grund für eine Beziehung der jeweiligen Paare nicht verständlich wird. So soll dieses Verhalten als Begründung dienen, damit Jess eine Affäre mit dem an Jared Leto erinnernden Ace (Tyson Ritter) aufnehmen und anschließend reumütig zu ihrem Ehemann zurückkehren kann. Sicherlich soll dieses Verhalten auch dazu dienen, beim Zuschauer Symapthie für Jess zu erzeugen.

© Neue Visionen Filmverleih GmbH

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Jedoch wird jede Situation, in der eine etwas gedrücktere Stimmung erzeugt werden könnte, von einem pathetischen Soundtrack ertränkt, der schon viele Minuten zuvor wissen lässt, das alles noch schlimmer wird. Beim erneuten Einsetzen der schwülstigen Musik stellt sich daher auch kein Mitgefühl für die Figuren ein, stattdessen trägt sie zur Distanz zwischen den Charakteren und dem Zuschauer bei, der sich ab einem gewissen Punkt nichts sehnlicher als Millys baldigen Tod wünscht, damit dieser Film endlich vorbei ist.

Einen besonderen Tiefpunkt stellt bei diesem Film die Kameraarbeit von Elliot Davis dar. Da wird gewackelt, ständig gibt es Vierteldrehungen der Kamera oder Vogelperspektiven, die sinnlos eingesetzt werden. Um von der mangelnden Fähigkeit einer guten Kamerafahrt abzulenken, werden unnütze Panoramen geschossen und CGI-Gebilde von Bohrtürmen entworfen, die noch mehr verwirren. Es gibt kaum eine Szene, die nicht durch eine schlechte Handhabung der Kamera geprägt ist, so dass vor allem diese im Gedächtnis bleibt.

© Neue Visionen Filmverleih GmbH

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Krebs bleibt ein wichtiges Thema in der Filmlandschaft, ob Freeheld, Deadpool oder Der geilste Tag, dies sind nur aktuelle Beispiele, die die Erkrankung thematisieren. Im Himmel trägt man hohe Schuhe kann und will es nicht gelingen, sich mit seinem Schwerpunkt ehrlich auseinanderzusetzen. Stattdessen ist alles durch einen Pathos geprägt, der jegliche Emotion verschluckt. Wer sich für dieses Thema interessiert und eine gute Aufarbeitung davon wünscht, dem seien Halt auf freier Strecke und Mein Leben ohne mich ans Herz gelegt. Die beiden Filme widmen sich der Krankheit Krebs auf eine einfühlsame Weise und erzeugen Mitgefühl beim Zuschauer. Eine Mission, an der dieser Film nur scheitern kann.

So bleibt Im Himmel trägt man hohe Schuhe von Catherine Hardwicke, die vor allem für ihre Regiearbeit von Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen bekannt ist, ein uninspiriertes Werk. Der Verlauf der Krebserkrankung ist so uninteressant erzählt, dass dieser Film sich mindestens doppelt so lang anfühlt wie er wirklich ist. Wer sich gern 112 Minuten lang quälen möchte, dem sei dieses Werk wärmstens empfohlen.

Bewertung: 0/10

Dating Queen (2015)

© Universal Pictures International Germany GmbH

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Amy Schumer spielt die Männermagazin-Redakteurin Amy, eine Karrierefrau, die dank des von ihrem Vater vorgelebten Beispiels nichts von Beziehungen hält und daher nur One-Night-Stands eingeht. Als sie einen Sportarzt (gespielt von Bill Hader) interviewen soll, landet sie in seinem Bett und übernachtet entgegen ihrer Gewohnheiten bei ihm. Er verliebt sich in sie und Amy muss sich auf die ungewohnte Situation einstellen.

Der Film ist meiner Meinung nach mindestens eine halbe, wenn nicht eine ganze Stunde zu lang für den dürftigen Plot. John Cenas Cameo ist sicher seine beste schauspielerische Leistung bisher und über den „Mark Wahlberg“-Witz habe ich sogar gelacht, dennoch hätte dem Film nichts gefehlt, wenn man Cenas Szenen komplett rausgestrichen hätte. Das Gleiche gilt für so gut wie jeden Gastauftritt und in umgekehrtem Sinne für die Rolle des Vaters, dessen Szenen größer und gehaltvoller werden müssen, damit der Zuschauer sich um ihn schert.

Ich weiß nicht, ob Dating Queen eine Parodie auf RomComs sein möchte. Falls ja, schafft er das nicht, sondern bleibt belanglos und formelhaft. Die Geschlechterrollen sind umgedreht und das scheint schon der ganze Clou daran zu sein. Vielleicht zünden die Gags bei der Zielgruppe, bei mir taten sie es so gut wie nie. Wenn Bill Hader im Restaurant die Rechnung verlangt und Amy ihm sagt, dass er das per Handzeichen machen kann ohne es dazuzusagen, und ich mir denke „Okay, er wird jetzt das Handzeichen machen und laut nach der Rechnung verlangen“ und er das dann tatsächlich tut… dann finde ich das einfach nicht lustig. Vor allem nicht, wenn er das mehrmals direkt hintereinander tut. Zumal diese soziale Awkwardness nie wieder bei ihm auftaucht, also nicht mal als Charaktereigenschaft ausgelegt werden kann, sondern tatsächlich nur für den müden Gag benutzt wurde.

Das Schauspiel ist okay, Cena und LeBron geben akzeptable Performances ab, wenn man bedenkt dass sie keine Schauspieler sind. Amy Schumer haucht dem von ihr selbst geschriebenen Charakter nicht so viel Leben ein wie man es hätte erwarten können. An einer Stelle beispielsweise weint sie, diese Tränen wirken aber nicht, als vergieße sie der Charakter der Umstände wegen, sondern die Schauspielerin, weil es im Skript steht. Tilda Swinton spielt ihren Charakter trotz schlechtem Writing sehr gut und ist dank ihrer Aufmachung kaum wiederzuerkennen. Selbst wenn man das Schauspiel außen vor lässt, fragt man sich, was die Regie bei diesem Film getan hat. Kameraführung und Schnitt sind nicht schlecht, aber uninspiriert, was irgendwo zu der standardisierten Story passt.

Man kann sich Dating Queen ansehen, man kann aber auch jede beliebige andere RomCom schauen und ist mit einigen davon sicher besser bedient. Zweimal läuft übrigens ein Film im Film, einmal im Kino, später auf DVD (was ein schönes Stilmittel ist, um zu zeigen, dass Zeit vergeht – viel eleganter als eine schnöde Einblendung wie „6 Monate später“). Darin mimt Daniel Radcliffe einen Hundesitter, der eine von Marisa Tomei gespielte Hundebesitzerin trifft. Diesen Film in voller Länge zu sehen, wäre sicher ein interessanteres Erlebnis geworden.

Bewertung: 4/10

Freude am Fahren: Popkulturelle Kiddy-Rides

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Wer kennt sie nicht – die wundervollen Kiddy-Rides, die uns einst für kleines Geld ins Reich der Phantasie trugen. Der amerikanische Illustrator Patrick Ballesteros hat sich auf nostalgische Zeichnungen spezialisiert, die den Betrachter zurück in die eigene Kindheit versetzen. Für seine Reihe 25 Cent Wonders gräbt er außerdem tief in der Schatzkiste der Popkultur und verewigt bekannte Figuren aus Film und Fernsehen als niedliche Knirpse auf den passenden Kiddy-Rides. Noch viel viel mehr knuffige Bilder gibt es auf seiner Webseite zu bestaunen.

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via Geek-Art

Paradies Hoffnung

© good!movies

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2012/13 veröffentlichte Ulrich Seidl seine Paradies-Trilogie, die von der Presse gefeiert wurde und sowohl in Österreich als auch international große Anerkennung fand. Die Trilogie erhielt mehrere Auszeichnungen des Österreichischen Filmpreises sowie den Spezialpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Gute Gründe, um vier Jahre später zu schauen, ob die Filme dem Lob gerecht werden und an ihrer Brisanz nichts verloren haben.

Den Abschluss der Paradies-Trilogie bildet der Film Paradies Hoffnung, der Theresas Tochter Melanie (Melanie Lenz) in den Fokus nimmt, die mit anderen übergewichtigen Jugendlichen in ein Diätcamp kommt. Hier wird sie zu einer gesünderen Ernährungsweise und mehr körperlicher Betätigung ermuntert. Neben neuen Freundschaften macht sie auch die Erfahrung einer ersten großen Liebe, die aber nicht sein darf.

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Dieses Thema bietet sich an, so wie bei den beiden vorhergehenden Filme auch auf sehr unangenehme bis verstörende Weise inszeniert zu werden, jedoch wählt Seidl eine andere Herangehensweise, die sowohl erfrischend als auch liebevoll ist. Er stellt Melanie als ein gewöhnliches Mädchen dar, das sich nach Erfahrungen sehnt, die ihr aber auf Grund ihres jungen Alters noch vorenthalten werden. Daher ergreift sie die Möglichkeit von sich aus und lernt zu flirten, trinkt Alkohol oder versucht mehrmals, aus dem Diätcamp auszubrechen. Was sie aber vor allem antreibt, ist die Nähe zu dem 40 Jahre älteren Arzt, der von Joseph Lorenz verkörpert wird.

Diese Beziehung intensiviert sich und es ist zu erkennen, dass Melanies Gefühle erwidert werden. Der Kampf, den der Arzt mit sich führen muss, tritt deutlicher hervor. Er weiß, dass diese Gefühle nicht sein dürfen, ist aber ohnmächtig, um gegen diese handeln zu können. Immer wieder versucht er, eine Distanz zwischen sich und Melanie zu stabilisieren, doch lange kann er diese nicht aufrecht erhalten, da sie entweder von Melanie oder ihm wieder aufgehoben wird.

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Die Liebesgeschichte bildet den Schwerpunkt des Films, wird aber durch die Erlebnisse von Melanie mit den anderen Jugendlichen aufgelockert. Der Zuschauer begleitet sie bei verschiedenen Sportarten und erlebt mit, wie sie zur Führung eines gesunden Lebensstils aufgefordert werden. Der dabei auftretenden Härte und den Erniedrigungen begegnen sie mit Rebellion und treffen sich gemeinsam in ihren Zimmern, obwohl ihnen dies untersagt wurde. Dabei trinken sie Bier, rauchen und spielen Flaschendrehen mit eindeutigen Aufgaben. Den jugendlichen Schauspielern gelingt es, die Unbeschwertheit ihrer Figuren auf sehr eindrückliche Weise darzustellen und teilweise wird das Bild des Diätcamps verdrängt und die gemeinsamen unbeschwerten Momente erinnern eher an eine Klassenfahrt. Hierbei tut sich die beste Freundin von Melanie hervor, die von Verena Lehbauer gespielt wird. Sie steht ihr in vielen kritischen Situationen bei und unterstützt sie darin, sich dem Arzt zu nähern. Jedoch hat sie ihre eigenen Konflikte und handelt häufig egoistischer als es Melanie lieb ist.

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Der Wunsch nach Freiheit der Jugendlichen zeigt sich auch in den verwendeten Bildern. Im Gegensatz zu Paradies Glaube und Paradies Liebe gibt es sehr viele Szenen, die im Freien stattfinden und für die nur natürliches Licht verwendet wurde. Die zuvor genutzten Motive von Grenzen und Gefängnissen hebt Seidl für diesen Film auf und setzt eher auf eine Weitläufigkeit der Umgebung, die das Innenleben der Jugendlichen hervorragend illustriert. Besonders lobenswert ist die Arbeit von Wolfgang Thaler, dessen Kameraarbeit immer dezent wirkt und die Jugendlichen in ihren Handlungen beobachtet, ohne diese zu werten. Eine Stärke, die zur Lebendigkeit dieses Films beiträgt.

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Paradies Hoffnung besticht durch eine angenehme Leichtigkeit und hebt sich stark von den beiden vorherigen Filme ab. Es gibt zwar Szenen, die einen bitteren Geschmack in sich tragen wie die Annäherungsszenen zwischen Melanie und dem Arzt. Seidl inszeniert jedoch diese Momente so, dass die Bitterkeit nicht überwiegt, sondern auch immer Verständnis für seine Figuren entsteht. So überlässt er dem Zuschauer, sich eine Wertung zu dem Gesehenen zu überlegen. Diese ist aber auf Grund der Vielfältigkeit der Bilder nicht so einfach zu fällen, wie es bei dem Thema vermutet werden könnte.

Jedem der drei Filme der Paradies-Trilogie gelingt es, die jeweilige Protagonistin realistisch darzustellen und nicht auf einzelne Merkmale zu reduzieren. Mögen es hervorstechende Merkmale sein wie Theresas Sehnsucht, Anna Marias Katholizismus oder Melanies Gefühle, die sie auszeichnen, so haben sie weitere Facetten, die beleuchtet werden. Erst dadurch werden sie menschlich und Figuren, die einem nicht unbedingt sympathisch, aber doch verständlich sind. Seidl inszeniert Menschen, die sich nach etwas sehnen, das sie nicht bekommen können und dies auch wissen. Dieses Wissen hindert sie aber nicht daran, sich ihren Träumen zu widmen und an deren Realisierung zu arbeiten. Seidl gelingt es dabei, die großen Themen Liebe, Glaube und Hoffnung immer neu darzustellen, sodass die Filme  überraschen und die unterschiedlichsten Gefühle im Zuschauer erzeugen. Daher: Eine Trilogie, deren Rezeption sehr intensiv ist, so dass diese Filme den Zuschauer noch lange danach begleiten werden.

Bewertung: 9,5/10

Farbrausch: Del Toro in Colors

© Columbia TriStar Film

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Wenn der Regisseur Guillermo del Toro mal aus seiner Mancave rauskommt, macht er Filme, die mal gut und mal nicht so gut, aber immer interessant sind. Der Regisseur und Cutter Quentin Dumas hat die Farbigkeit in del Toros Filmen einmal genauer unter die Lupe genommen und präsentiert eine interessante Zusammenstellung aus monochromen bis bunten Szenen aus Filmen des mexikanischen Regisseurs, der offenbar besonders gern Rot, Blau und Gelb mag.