Ein Mann namens Ove

© Concorde Filmverleih GmbH

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Ove ist ehemaliger Vorstand einer Eigentümergemeinschaft. Dass er den Posten nicht mehr innehat, hindert hin nicht daran, jeden Morgen seinen Kontrollgang in der Einfamilienhaussiedlung zu absolvieren, bei dem er unter anderem die Einfahrt-verboten-Schilder kontrolliert und die sie ignorierenden Autofahrer anschnauzt. Ebenfalls täglich besucht er das Grab seiner Frau und erzählt ihr, wie die Nachbarn sich wieder daneben benehmen. Als er aufgrund seines Alters von seiner Firma entlassen wird, beschließt er, Selbstmord zu begehen um wieder mit Sonja vereint zu sein. Seine Versuche, sich zu erhängen, werden jedes Mal vereitelt. Zum Beispiel als die neuen Nachbarn, Paravaneh und Patrik, Oves Briefkasten mit dem Auto rammen. Zuletzt reißt dann auch noch das Seil und Ove entschließt sich, es mit einem Schlauch vom Auspuff ins Autoinnere zu probieren. Doch als der Motor läuft, klopft panisch Pavarneh an und lässt ihn nicht mehr in Ruhe.

Ein Mann namens Ove erzählt seine Geschichte mithilfe von Rückblenden. Immer wenn Ove durch einen Selbstmordversuch das Bewusstsein verliert, erfahren wir mehr über seine Hintergründe und was ihn zu dem Griesgram gemacht hat, der er heute ist. Das war er nämlich keinesfalls von Geburt an, doch die etlichen Rückschläge in seinem Leben sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Dass sein Vater von einer Eisenbahn überfahren wurde und sein Haus niederbrannte, sind noch die geringsten davon. Kurz, Ove musste in einer Tour einstecken. Nun rächt er sich an der Welt, indem er alles und jeden kritisiert, und engstirnig auf die Regeln pocht. Bis eben Paravaneh in sein Leben tritt und mit ihrer offenen Art durch die Mauern um sein Herz dringt und ihm zeigt, dass man seine Zeit auf dieser Erde auch einfach genießen kann. Apropos Herz, das von Ove ist zu groß – und zwar wortwörtlich. Davor vermag auch Paravaneh ihn nicht zu retten, aber am Ende kann man guten Gewissens sagen: Ove hat seinen Frieden mit der Welt gefunden.

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Manchmal ist der Film ein wenig unglaubwürdig. So waren Rune und Ove nicht nur Nachbarn in der Eigenheimsiedlung, sondern auch beste Freunde. Gemeinsam bildeten sie den Vorstand, Ove an erster Stelle. Als er aber erfuhr, dass Rune einen Volvo fährt und nicht wie Ove einen Volvo, entfremdeten sich die beiden immer mehr und irgendwann wurde Rune zum ersten Vorstand gewählt – Ove hält das für einen Putsch seitens Rune. Dass eine tiefe Freundschaft aufgrund der Autowahl zerbricht, soll wohl witzig sein, wirkt aber zu konstruiert.

Dann gibt es noch den Vertreter eines Pflegeheims, der sich den mittlerweile gelähmten Rune quasi unter den Nagel reißen will und von Ove oder Runes Frau nie vertrieben werden konnte. Vor einer Reporterin aber flüchtet er dann endgültig, als sie ihm damit droht, die Infos über die illegalen Gelder des Heims bekannt zu machen. Da stellt sich die Frage: Wenn diese Informationen offen im Internet stehen, welches die Reporterin als Quelle angibt, und somit als allgemein bekannt vorauszusetzen sind, inwiefern sollten sie dann ein probates Drohmittel sein?

Auch verläuft Oves Wandel vom mürrischen Pedanten zum geselligen Nachbarn etwas zu schnell und wirkt unbegründet. Dafür werden die emotionalen Szenen nicht ausgeschlachtet. Zwar mag man sich manches Mal den Tränen nahe fühlen, aber es wird nie rührselig, die traurigen Momente hören immer genau zum richtigen Zeitpunkt auf. Insgesamt weist der Film ein sehr gutes Pacing auf, besonders die letzte Szene ist perfekt getimet.

Ein Mann namens Ove ist ein kurzweiliger und in richtigem Maße emotionaler Film mit ein bisschen zu viel plot convenience, aber hervorragenden Darstellern.

Bewertung: 7/10

Thank you for the music? – The Marvel Symphonic Universe

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Tony Zhou macht kluge und interessante Videos zum Thema Film, das ist auf diesem Blog keine Neuigkeit. Und auch deshalb gehört dieses Video absolut hierher. Dieses Mal ist es allerdings besonders spannend, es geht um Musik, um Marvel und die Gewohnheit des Studios, es allem und jedem recht zu machen und damit genau 0% interessante Inhalte zu erschaffen. Das spielt sich sogar auf der unsichtbaren, aber trotzdem enorm wichtigen Tonebene ab. Sehr spannend erzählt, sehr nachvollziehbar erklärt.

Selfmade-Dad – Not macht erfinderisch

© Concorde Home Entertainment

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Robert Axle ist Erfinder – oder genauer: „fabricator“ (Verarbeiter). Er nimmt zwei bestehende Produkte und kombiniert sie zu einem neuen. So gibt es zum Beispiel ein Pfefferspray, das gleichzeitig ein Foto schießt. Oder den AB Clicker, ein Gerät, mit dem man gleichzeitig seinen Bauch trainieren und den Fernsehsender wechseln kann. Vermarktet werden die neuen Produkte von Axle selbst, seine Infomercials sind beliebt und erfolgreich. Der AB Clicker allerdings ging zu früh in Produktion und wurde nicht hinreichend getestet. Durch die dazukommende unsachgemäße Benutzung vieler Käufer verlieren diese durch das Gerät einen Finger und in Folge dessen wird Axle zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Wegen guter Führung erhält er nach acht Jahren seine Freiheit wieder und versucht nun, sowohl sein Verhältnis mit seiner Tochter zu kitten, als auch wieder ein Multimillionenbusiness aufzubauen.

Selfmade-Dad – Not macht erfinderisch (so der unpassende deutsche Titel von Father of Invention) ist eine Independentproduktion aus dem Jahre 2010, der im August 2016 in Deutschland auf DVD erschien. Zu unrecht ist dieser Film so lange in der Mottenkiste gehalten worden. Sicher ist er kein Meisterwerk, erzählt aber eine nette kleine Geschichte von einem Vater, der seine Familie für seinen Beruf vernachlässigt hat und dem nach langer Zeit der Läuterung die Möglichkeit für einen Neustart gegeben wird. Prominent besetzt ist er dazu, so wird Axle von Kevin Spacey verkörpert, der wieder einmal beweist, wieso er zurecht mit zwei Oscars ausgezeichnet wurde. Daneben wirken Johnny Knoxville und Heather Graham in wichtigen sowie Craig Robinson und John Stamos in kleineren Rollen mit.

© Concorde Home Entertainment

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Das Skript ist nicht ohne Mängel. Oft wird die suspension of disbelief mehr als beansprucht und nicht nur einmal hat man es mit reiner plot convenience zu tun. Einige Szenen fühlen sich in ihrer Gänze überflüssig an, auch wenn meist ein Detail daraus die Handlung entweder direkt vorantreibt oder zu einem späteren Payoff führt. Selfmade-Dad macht es einem aber leicht, darüber hinweg zu sehen.

Die Kameraführung liefert für den Rahmen durchaus angemessene Bilder, wenn auch keine herausragenden. Dafür werden viele Szenen in schönen langen Einstellungen gezeigt ohne zerschnitten zu werden, wie es fast schon üblich geworden ist. Es gibt gegen Ende einige Schwarzblenden, die wirken als wäre der Bildschirm nach kurzem Flackern plötzlich ausgegangen. Da sie auch etwas zu lang geraten sind und man es somit wirklich für einen Bildschirmausfall halten könnte, reißt einen das aus dem Filmerlebnis.

Selfmade-Dad ist eine charmante Komödie, der man zwar den Indie-Faktor öfter anmerkt und die keine Überraschungen zu bieten hat, dafür einen sympathischen, überzeugenden Cast und einige Lacher.

Bewertung: 6/10

Phantastische Tierwelten: Zootopia Concept Art

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Zootopia – eine malerische Stadt für große, kleine, langsame, schnelle, dünne, dicke, bepelzte, schuppige, fliegende, schlängelnde und laufende Tiere. Viele Bedürfnisse, verschiedene Größen, die zusammen unter einen Hut gebracht werden wollen. Der Concept Artist Cory Loftis hat für den tierreichen Disneyfilm nicht nur traumhaft schöne, überbordende Landschaften und Stadtansichten geschaffen, sondern auch intensiv am Charakterdesign mitgearbeitet. Es folgt ein winzig kleines Puzzleteil zu einem der am liebvollsten gestalteten Filme des Jahres. Unsere Kritik gibt es hier, ein schickes Buch mit mehr Bildern zum Film gibt es hier.

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Männertag

© Universum/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

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Jedes Jahr am Vatertag wollen sich die Schulfreunde Stevie, Chris, Peter, Klaus-Maria und Dieter an ihrem geheimen See im Wald treffen. Nach wenigen Jahren aber versandet diese Tradition und Kontakt haben sie erst wieder, als Dieter unvermittelt stirbt. Stevie, der Archäologe wie Indiana Jones werden wollte, ist Geschichtslehrer, Chris ist Schauspieler in einer Vorabendserie, Peter Fitnesstrainer und Klaus-Maria erfolgloser Romanautor. Gemeinsam mit Peters Sohn Paul und Andrea, der Aufnahmeleiterin von Chris‘ Serie, begeben sich die vier per Bierbike auf eine Reise zum See, dem letzten Wunsch Dieters folgend.

Wenn Kida Khodr Ramadan alias Dieter sich erhängen möchte, natürlich genau in dem Moment das Handy klingelt, er durch den Stuhl kracht und nacheinander von herabrollenden Bierfässern erschlagen wird, hat das durchaus Potenzial für eine gelungene Slapstickszene. Leider ist der Ablauf suboptimal geschnitten. Mehrfach wird, während Dieter auf dem Stuhl steht, von unten gezeigt wie sich das Polster durchbiegt. Es ist, als würde man sicherstellen wollen, dass auch wirklich absolut jeder begreift, dass das Polster bald reißen wird. Das Fallen des letzten Fasses ist dafür sehr gut getimet.

© Universum/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

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Auf Logik legt Männertag keinen großen Wert, die Handlung muss vorangetrieben werden und für vermeintlich lustige Szenen muss auch Platz sein. Wenn Chris vor einer Horde Säufer Salz schnupft, um einem Schüler was zu beweisen, fragt man sich, wieso dieser Beweis überhaupt nötig sein sollte. Auch eine Szene am Anfang, in der Paul Elena Bubbletea anbietet, wirkt konstruiert. Wo gibt es überhaupt noch Bubbletea zu kaufen? Dass Chris eine ähnliche Frage später stellt, rettet da nichts. Eine unsinnige Sache wird ja nicht besser, wenn der Film sich dessen bewusst ist, dass sie unsinnig ist – im Gegenteil. Die Szene ist natürlich nur da, weil Paul bei seinem tollpatschigen Annäherungsversuch gefilmt und das Video davon auf Facebook geteilt wird, damit der Zuschauer auch wirklich versteht, dass der dicke einsame Junge in schwarzen Klamotten das Gespött der Klasse ist. Hier zeigt sich zudem erneut, wie lieblos Männertag geschnitten ist: Dem gezeigten Video fehlt ein Satz, der in der Originalszene vorkam. Die neu aufgenommene Szene wurde also nicht mal mit dem Original abgeglichen. Es mag vielen Zuschauern gar nicht auffallen, aber es ist dennoch ein Zeichen von Nachlässigkeit.

Männertag geizt erwartungsgemäß nicht mit Geschlechterklischees – oder überhaupt mit Klischees. Chris lässt einige schwulen- und transfeindliche Sprüche vom Stapel, aber auch wenn viele Leute gerne auf so etwas anspringen, darf man nicht dem Irrglauben verfallen, der Film sei deshalb schwulen- oder transfeindlich. Allerhöchstens der von Tom Beck gespielte, fiktive Charakter ist es, der zudem so gut wie jedes Mal sofort von Klaus-Maria dafür zurechtgewiesen wird. Abgesehen von Chris‘ Kommentaren geht der Film sehr offen und unvoreingenommen mit den Themen Transsexualität und Geschlechtsumwandlung um, was sich sicher nicht über jeden und nur über die wenigsten deutschen Filme sagen lässt.

© Universum/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

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Einige Szenen wirken improvisiert, ein- oder zweimal hat es gar den Anschein, als wüssten die Schauspieler nicht, ob die Szene noch weiterlaufen soll, was auch den Zuschauer ratlos zurücklässt. Abgesehen davon ist das Schauspiel generell in Ordnung, Axel Stein und Milan Peschel überzeugen, bleiben aber hinter ihren Möglichkeiten zurück, Tom Beck übertreibt es etwas mit dem Overacting, Oliver Wnuk und Hannes Jaenicke liefern mit Abstand die beste Leistung ab. Besonders Wnuk spielt wunderbar, der Wandel zur Frau ist leise, aber präsent. Lavinia Wilson bleibt an den richtigen Stellen im Hinter- und steht an den richtigen Stellen im Vordergrund und spielt durchgehend glaubwürdig.

Man muss Männertag zugute halten, dass einige Witze tatsächlich funktionieren und der Film weiß, was er ist und sich nicht zu ernst nimmt. Das Ende mag konstruiert herbeigeführt sein und einige Dinge ignorieren, aber es ist für sich genommen eigentlich sehr schön, wenn auch durch den bisherigen klischeehaften Aufbau vorhersehbar. Das Ende hat einen besseren Film verdient.

Männertag ist ein Film, der als das funktioniert, was er sein will. Nur will er nicht besonders viel sein. Als stumpfe Unterhaltung für einen geselligen Männerabend mag er allemal taugen. Einige witzige Szenen und vor allem Wnuks Performance machen ihn aber auch nicht zu einem kolossalen Fehlgriff für einen normalen Filmabend.

Bewertung: 5/10

Augenweide für Ordnungsfanatiker: Sherlock Symmetrie

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Alle, die Symmetrie und Ordnung lieben, aufgepasst: neben zahlreichen anderen Qualitäten der Serie Sherlock gehört wohl auch die sehr durchdachte und klassische Komposition der Bilder. Endlich gibt es den Videobeweis, zusammengestellt von der spanischen Filmfreundin Celia Gómez. Einfach angucken und sich über Ordnung freuen. Und vielleicht nochmal Sherlock anschauen.

24 Wochen

© Neue Visionen Filmverleih GmbH

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Über 99% aller Frauen, die nicht schwanger sind, lehnen eine Spätabtreibung für sich selbst ab. 90% aller Frauen, die in der Schwangerschaft erfahren, dass ihr Kind behindert zur Welt kommen wird, lassen eine Spätabtreibung vornehmen. Dass das nichts mit Verlogenheit zu tun hat und dass die Entscheidung einer werdenden Mutter nicht verurteilt werden darf, zeigt Anne Zohra Berracheds neuer Film 24 Wochen.

Die Kabarettistin Astrid hat mit ihrem Manager Markus eine Tochter und ist nun erneut schwanger. Als die beiden erfahren, dass ihr zukünftiger Sohn das Downsyndrom haben wird, sehen sie sich vor die Entscheidung gestellt, ob sie das Kind behalten wollen oder eine Spätabtreibung in Anspruch nehmen. Sie entscheiden sich für das Kind, doch als dann ein lebensbedrohlicher Herzfehler festgestellt wird, der schwerwiegende Operationen am Säugling erfordern würde, gerät diese Entscheidung heftig ins Wanken.

Die Charaktere sind absolut austauschbar. Unbestritten müssen sie sich schlimmen Situationen stellen und natürlich tragen Umstände zur Charakterentwicklung bei, aber wenn dem Zuschauer keine Motivation geboten wird, sich mit den Protagonisten zu identifizieren und sich für sie zu interessieren, bringt das wenig. Astrid wird in der Filmrealität als erfolgreiche Kabarettistin präsentiert und in der letzten Szene wird das auch scheinbar wichtig für die Rolle. Da gibts nur zwei Probleme: Erstens ist Astrid keine Kabarettistin, sondern Stand-up-Comedian. Ihr Programm, aus dem wir zwei kurze Ausschnitte sehen und von denen einer den Film eröffnet, wirkte auf mich zuerst wie eine Parodie auf Ladykracher. Erst als das Publik (im Film) lachte und applaudierte, wurde mir klar, dass Astrids Witze wirklich gut ankommen sollen. Der erste Ausschnitt beginnt damit, dass Astrid die Bühne betritt und auf ihren schwangergewölbten Bauch deutet: „Na, fällt Ihnen was auf? – Richtig, ich habe neue Schuhe! […] Mir ist ja egal was es wird, Hauptsache ein Mädchen!“ In den 80ern wäre das sicher innovativ und lustig gewesen. Zweitens ist Astrids Argument am Ende Scheinlogik, wodurch ihre Tätigkeit zugeschnitten wirkt, einzig und allein konstruiert, um ihr eine Abschlussrede zu ermöglichen, die jeden überzeugt, der nichts hinterfragen möchte.

Viele Szenen, insbesondere alle mit medizinischem Personal, wurden improvisiert. Ärzte, Krankenschwestern und eine Hebamme spielten sich selbst und bekamen von der Regisseurin die Anweisung, mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel so zu sprechen, wie sie es in der jeweiligen Situation auch mit echten Patienten tun würden. Die beiden Schauspieler sollten dann spontan reagieren. Das erste Arztgespräch ist katastrophal umgesetzt und das Konzept scheint gescheitert zu sein, die restlichen dieser Szenen sind allerdings on point und an Authentizität kaum zu überbieten. Das verleiht dem Film in Teilen einen dokumentarischen Charakter, was sich aber leider nicht immer positiv auswirkt. Zu steril wirkt plötzlich die Atmosphäre, was in einem Krankenhaus zwar naheliegt, in einem Film, mit dem man Zuschauer emotional packen möchte, aber eher kontraproduktiv ist.

Die Improvisation scheint aber auch außerhalb solcher Szenen stattgefunden zu haben, was manchmal zu merkwürdigen Momenten führt. So sagt Astrid einmal „es regnete wie in Strömen“ und man weiß nicht: War das Absicht? Soll sie die korrekte Ausdrucksweise einfach nicht kennen? Dann hätte es aber mehr dieser Szenen geben sollen. Ist sie in diesem Moment emotional so aufgewühlt, dass sie „es regnete in Strömen“ und „es regnete wie aus Eimern“ vermischt? Möglich. Oder hatte man schlicht keine Zeit, einen zweiten Take zu drehen? Unabhängig von der Antwort reißen einen solche Szenen aus dem Filmerlebnis.

Ein andermal stellt sie ihren Ehemann als „mein Freund“ vor. Ob die beiden allerdings wirklich verheiratet sind, wie ich bis zu dieser Stelle den Eindruck hatte, ist schwer zu sagen. Auf IMDb ist von „her husband“ die Rede, im Film wird das Verhältnis aber anscheinend nicht eindeutig vermittelt. Auch Kritiker sind sich uneinig, mal liest man Ehemann, mal Freund. Dass ein Film so eine simple Information nicht konkret vermittelt kann, spricht nicht unbedingt für ihn. Man mag in seinem Sinne argumentieren, dass es keine Rolle spielt und dafür liefert er auch eine dünne Argumentationsgrundlage, aber in diesem Fall hätte sie ihn auch nicht als ihren Freund vorstellen müssen, wodurch der Aspekt des Egalseins negiert wird.

© Neue Visionen Filmverleih GmbH

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Dreimal schaut Julia Jentsch direkt in die Kamera, gleichsam den Zuschauer fragend „Was würdest du in meiner Situation tun?“ Dieses Stilmittel ist ziemlich überholt und verfehlte bei mir jegliche Wirkung. Manche Szenen wirken nur angedeutet. Als Astrid bei Markus‘ Geburtstag die Freunde darüber informiert, dass ihr Kind Trisomie 21 haben wird, ruft eine der Anwesenden „Gratulation! […] Die sind so liebenvolle Menschen.“ Man hätte hier zwei Möglichkeiten gehabt: Erstens elaborieren, dass das Diskriminierung ist, die in der Gesellschaft oft nicht als solche wahrgenommen wird. Es ist aus meiner Sicht die beste Lösung, aber zugegebenermaßen ist das nicht Thema des Films, weshalb die zweite Möglichkeit hätte gewählt werden sollen: Man hätte sich auf Astrids Reaktion fokussieren sollen. Auf ihren Denkprozess, was diese Aussage bei ihr auslöst, ob und inwieweit es ihre Entscheidung beeinflusst, das Kind zu behalten. Stattdessen: Nichts. Die Bemerkung wird einfach überspielt, warum war sie überhaupt da?

Aber der Film macht auch einige Dinge verdammt richtig:
Fast alle emotionalen Szenen sitzen und treffen. Julia Jentsch und Bjarne Mädel spielen hervorragend. Der Film behandelt das Thema Spätabtreibung respektvoll und urteilt nicht. Und tatsächlich obliegt die Entscheidung über eine Spätabtreibung niemand anderem als den Eltern (dem Gesetz nach ausschließlich der Mutter) und es gibt kein richtig oder falsch, oder wie Astrid es am Ende sagt: „Die Entscheidung war ein bisschen richtig und ein bisschen falsch.“

24 Wochen ist ein etwas zu langer Film, der emotionale Momente aufzuweisen hat und auf ein Thema aufmerksam macht, das nicht im Bewusstsein der Gesellschaft verankert ist oder gar verdrängt wird. Allerdings verschenkt er viel Potenzial und deutet viel zu viele Themen nur en passant an.

Bewertung: 5/10

Circle

© Taggart Productions

© Taggart Productions

50 wohl zufällig ausgewählte Leute stehen auf roten Punkten in einem schwarzen Raum in konzentrischen Kreisen um eine Maschine. Wer seinen Punkt verlässt, wird von ihr getötet. Diese Art „in-medias-res-Mystery“ erinnert an Cube oder den japanischen Anime Gantz, aber auch an die Webserie The Vault, welche das erste Projekt der Macher von Circle war und einige Parallelen zu Cube aufweist. Der kleine Überraschungserfolg kann kostenlos auf YouTube angeschaut werden.

Unter „in-medias-res-Mystery“ fasse ich Filme mit folgendem Grundsetting zusammen: Der Film beginnt damit, dass eine bestimmte Anzahl Menschen in einen oder mehrere Räume gesperrt sind, ohne zu wissen, wo sie sind oder wie sie dorthin kamen. Nun müssen sie durch das Aufspüren und Kombinieren von diversen Hinweisen detektivisch den Ausweg finden. Meist weiß der Zuschauer nicht mehr als die Protagonisten und erlebt so jeden Schritt mit ihnen. Manchmal erhält er auch Informationen, die für die Figuren (zunächst oder überhaupt) nicht zugänglich sind. Bekanntester Vertreter dieses Subgenres dürfte die Saw-Reihe sein.

Wie in The Vault versuchen die Menschen in Circle, herauszufinden, wie sie der Situation entkommen bzw. in diesem Fall, wie sie überleben können. Dabei werden – ebenfalls ähnlich wie in The Vault – einige philosophische Grundfragen gestreift. Wer in der Schule Philosophieunterricht hatte, wird das Muster schnell erkennen. Die Fragen drehen sich um bekannte Beispiele der Art „zwei Menschen sind in Lebensgefahr, man kann nur einen retten, für wen wird man sich entscheiden?“ Während diese Fragen in The Vault integraler Bestandteil mit Auswirkungen auf die Handlung sind, wirkt es in Circle auf den ersten Blick eher wie ein nutzloses Gimmick, da die Diskussionen der Teilnehmer nur scheinbare Konsequenzen haben. Aber das ist wahrscheinlich genau der Sinn der Sache.

© Taggart Productions

© Taggart Productions

Wer seinen Punkt verlässt, stirbt sofort. Wer seinen Nachbarn berührt, stirbt sofort. Doch schon bald finden die Protagonisten heraus, dass sie auch demokratisch darüber abstimmen können, welcher der von der Maschine in unregelmäßigen Abständen vorgeschlagenen Kandidaten sterben soll. Manchmal wirken die Argumente zu rational für die Situation, oft aber schwingt die Panik und Todesangst mit. Es wird schamlos gelogen, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Moral spielt keine Rolle, oft sterben die vermeintlich Guten und Unschuldigen.

Circle ist ein gut inszeniertes Kammerspiel mit einem schwachen Ende, das dafür sehr kurz gehalten ist und somit nicht all zu viel kaputt macht. Der Cast besteht überwiegend aus nicht ausgebildeten Schauspielern, einige Darsteller aus The Vault kamen auch hier zum Einsatz und das Schauspiel ist für Laien weitgehend überzeugend.

Wer sich nie mit Philosophie beschäftigt hat, wird mit Circle ein interessantes Gedankenexperiment entdecken und sollte sich den Film nicht entgehen lassen. Wer bereits entsprechende Vorkenntnisse besitzt, wird nicht ganz so beeindruckt sein, bekommt aber immer noch eine interessante Variante davon.

Bewertung: 6/10

Tief im Urwald: Jungle Book Concept Art

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Der visuelle Stil in Jungle Book ist in vierlei Hinsicht interessant. Die Bilder sind einerseits düster und bedrohlich, andererseits stellenweise dem farbenfrohen Zeichentrickfilm aus dem Jahre 1967 entnommen und ergeben so ein vielschichtiges Gesamtkonstrukt. Die Ästhetik der Neuverfilmung wurde dabei offensichtlich vor allem vom amerikanischen Concept Artist Seth Engstrom geprägt, dessen Visualisierungen bereits so detailliert sind, dass man sie sich ohne Probleme ins Wohnzimmer hängen könnte. Wer nicht genug von den spannungsvoll komponierten Bildern bekommen kann, der kann sich mit dem nötigen Kleingeld das passende Printprodukt mit weiteren Bildern zulegen. Nice!

Jungle-Book-Concept-Art-by-Seth-Engstrom

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The Jungle Book

© The Walt Disney Company Germany GmbH

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Der 1967 von Disney veröffentlichte Zeichentrickfilm The Jungle Book wurde 1968 in Deutschland unter dem Namen Das Dschungelbuch veröffentlicht. Die Übersetzung erachtete der deutsche Verleih im Jahr 2016 wohl nicht mehr für nötig, was aus nostalgischen sowie Gründen der Spracherhaltung ziemlich schade ist. Im Gegensatz zur früheren Version hat The Jungle Book keinen humoristisch-verspielten Ansatz, sondern erzählt die Geschichte etwas düsterer und um einiges näher an der literarischen Vorlage von Rudyard Kipling. Es ist nach Alice im Wunderland, Maleficent und Cinderella der vierte Disneyrealfilm, der auf einer früheren Animation des Studios basiert, und der erste davon, der gelungen ist.

Man könnte sagen, dass Moglis Darsteller für ein Kind gut spielt. Das ist schon wahr, allerdings muss man sich vergegenwärtigen, wie gut Neel Sethi spielt: Der Film ist komplett an rudimentär gebauten Sets gedreht worden und außer Mogli ist alles Weitere – nicht nur die Tiere, alles – erst in der Postproduktion am Computer hinzugefügt worden. Das sind Bedingungen, mit denen viele erwachsene Schauspieler Probleme haben (Star Wars anyone?) und man merkt Sethi durchaus hier und da an, dass er nicht genau weiß, wohin er schauen soll oder dass er mit der Luft redet. Gemessen an den Umständen aber liefert er hier eine oscarwürdige Performance ab, zumal es sein Schauspieldebüt war. Kaa, der weibliche Python, ist zwar gut in Szene gesetzt, von Scarlett Johansson wunderbar vertont (tatsächlich liefert sie die beste Leistung des gesamten Casts) und trug wesentlich dazu bei, dass der erste Trailer des Films so gut ankam, aber im Film wirkt sie beinahe fehl am Platz. Ihre einzige Funktion ist Exposition durch einen Flashback und Sprungbrett für die Einführung eines weiteren Charakters zu sein. King Louie, gesprochen von Christopher Walken, ist ein beängstigender Charakter. Viele kritisieren, dass King Louie anfängt „I wanna be like you“ zu singen, was nicht zu ihm oder der Situation passen würde. Dem ist entgegenzuhalten: Erstens handelt es sich um Christopher Walken – natürlich singt er! Zweitens trägt das Singen zur Charakterisierung bei und zeigt sehr gut, wie psychopathisch der Riesenaffe ist. Ansonsten hat man auf die Songs aus dem Original verzichtet, bis auf den Klassiker „The Bare Necessities“, der auch für Kritiker organisch in den Film eingewoben wurde.

© The Walt Disney Company Germany GmbH

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Sobald ein Film erkennbar CGI benutzt (oft genug bemerkt man als normaler Zuschauer den Einsatz gar nicht), sieht er sich Kritik dazu ausgesetzt. Man würde ja sehen, dass das CGI ist! Da The Jungle Book fast ausschließlich aus CGI besteht, werden auch Kritiken bezüglich der Unechtheit der Tiere nicht ausbleiben. Angesichts dessen müssen folgende Fragen erlaubt sein: Hat man den Tieren in der Zeichentrickversion von 1967 angemerkt, dass sie gezeichnet waren? Und hat dies den Film in irgendeiner Weise schlecht gemacht? Es ist ein CGI-Film. Natürlich sieht er nach CGI aus. So wie ein Zeichentrickfilm nach Zeichentrick aussieht. Und ganz abgesehen davon ist das CGI hier einfach fantastisch. Die Optik des Films ist umwerfend, angefangen von der Kameraführung bis hin zu den Tieren und der Umgebung, die so lebensecht wirken, wie es mit CGI möglich ist.

Eine längere Sequenz und ein paar kleinere Szenen wirken wie direkte shot-for-shot-Remakes aus Der König der Löwen. Ob das Disneys Weg ist, uns auf eine Neuinterpretation dieses Films in Manier von The Jungle Book vorzubereiten, bleibt abzuwarten. Auf der einen Seite wirkt das sehr reizvoll, auf der anderen Seite ist das Original von 1994 einer der besten Filme aller Zeiten und muss nicht erneut umgesetzt werden. Eventuell sollen diese Szenen aber auch als Ersatz für einen kompletten Film oder einfach nur als Hommage dienen, was einen perfekten Kompromiss darstellen dürfte.

© The Walt Disney Company Germany GmbH

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Trotz einer Altersfreigabe ab 12 Jahren, ist der Film doch nur bedingt für Kinder empfehlenswert. Balu sorgt zwar immer noch für einige humorvolle Szene, aber insgesamt ist die Atmosphäre eher düster und spannungsgeladen. Von der heiteren Leichtigkeit der Zeichentrickversion ist nichts mehr da, hier geht es ums blanke Überleben im Dschungel. King Louie und Kaa sind im Gegensatz zu früher riesige Monster, Shir Khan ist nicht mehr einfach nur böse, sondern eine unberechenbare Tötungsmaschine.

2018 bekommen wir eine weitere Neuverfilmung mit dem Titel The Jungle Book im deutschsprachigen Raum, Jungle Book im Original. Regie wird Andy Serkis führen, der neben Benedict Cumberbatch und Christian Bale auch selbst in einer Hauptrolle mitspielt. Ob dieser Film wirklich nötig ist, wird sich zeigen. Bis dahin haben wir mit dem vorliegenden The Jungle Book eine exzellente Adaption des Stoffes.

Bewertung: 8/10