Hardcore

© Wild Bunch/Capelight/Central

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Anders als das Marketing es einem weismachen möchte, ist Hardcore lange nicht der erste Film, der komplett aus der Egoperspektive erzählt wird. Wie auch die 3D-Technik ist die durchgängig subjektive Kamera keine Errungenschaft des neuzeitlichen Kinos. Da wäre zum Beispiel fast das gesamte Oeuvre des Foundfootagegenres zu nennen oder der 1947 erschienene Film Lady in the lake, in dessen Trailer zu lesen ist: „A REVOLUTIONARY INNOVATION IN FILM TECHNIQUE!“, es ist von einer „STARTLING AND DARING NEW METHOD OF STORY TELLING“ die Rede, gar einem „MILESTONE IN MOVIE-MAKING“. Allesamt Aussagen, die Hardcore sich gerne zuschreibt und zuschreiben lässt – fast 70 Jahre später. Zugutehalten kann man ihm, dass die „INNOVATION IN FILM TECHNIQUE“ damals als reichlich missglückt angesehen wurde.

Für Regiedebütant Ilya Naishuller ist die Egoperspektive nichts Neues; 2013 drehte er für seine russische Band Biting Elbows das Musikvideo zu Bad Motherfucker im selben Stil, welches ziemlich schnell viral ging und den Weg für Hardcore ebnete. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man auch bei Musikvideos nicht von einer Innovation sprechen kann; das bekannteste Beispiel ist wohl Smack my bitch up von 1997.

© Wild Bunch/Capelight/Central

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Hardcore ist ein Videospiel im Gewand eines Films. Der Protagonist hat keine eigene Persönlichkeit, sondern führt einfach die Aufträge aus, die ihm gegeben werden. Das funktioniert in einem Videospiel, da der „Zuschauer“ den Protagonisten steuert. In einem Film funktioniert so was nicht und führt nur dazu, dass man sich nicht für den Hauptcharakter interessiert, weil man keine Chance bekommt, sich mit ihm zu identifizieren.

Es ist aber auch nicht so, dass Naishuller ein tiefgründiges Drama inszenieren wollte, er weiß genau was Hardcore ist und sorgt dafür, dass sein Produkt sich zu keinem Zeitpunkt ernstnimmt. Die ausgeführte Action ist recht anspruchsvoll, wird aber nach spätestens einer halben Stunde repetitiv und darüber hinaus durch Wackelkamera und zu schnelle Schnitte teilweise ungenießbar. Der ein oder andere Witz zündet und lockert das Ganze auf, aber unterm Strich ist es eine auf 96 Minuten gestreckte Spielerei. Die Inszenierung steht im Vordergrund, der Plot ist praktisch nicht vorhanden. Lediglich Sharlto Copley in seiner Rolle als Jimmy – welcher etliche Tode stirbt, aber als Klon immer wieder neu auftaucht und dem Protagonisten hilfreich zur Seite steht – ist ein echter Lichtblick.

Die primäre Zielgruppe von Hardcore sind Videogamer und diese werden ihn wohl durchaus ansprechend finden. Ein Vorteil ist natürlich, dass Hardcore nur auf dem Spielkonzept eines Egoshooters, nicht aber auf einem tatsächlichen Spiel basiert. So ist immerhin ausgeschlossen, eine weitere miserable Videospielverfilmung geboten zu bekommen. Für Cineasten ist Hardcore eventuell einen Blick wert. Auch wenn die Marketingkampagne übertriebene Ansprüche propagiert – es kann nie schaden, zu schauen was abseits gewohnter Pfade produziert wird. Für den Rest dürfte Hardcore in etwa so spannend sein, wie jemand anderem beim Videospielen zuzusehen.

Mit den benutzten GoPros wurde der Versuch viel dynamischer und besser umgesetzt als mit den verfügbaren Kameras 1947, aber wie damals muss man einsehen, dass das Experiment der durchgängigen subjektiven Kamera gescheitert ist und sich nicht für einen Film eignet.

Bewertung: 5/10

How to film a conversation: Coen’scher Schuss und Gegenschuss

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Die Schuss-Gegenschuss-Montage ist eine grundlegende Technik, um Gespräche im Film festzuhalten. Wenn man sich als aufmerksamer Zuschauer ein wenig dafür sensibilisiert, fällt schnell auf, dass Dialogszenen trotz der vermeintlich wenigen Handlungsspielräume wesentlich zur Stimmung und Spannung eines Films beitragen können. Tony Zhou, der auf seinem Tumblr allerlei Interessantes zum Thema Film zu sagen hat, hat sich auch diesem Basic des Filmemachens angenommen und präsentiert jede Menge Erkenntnisreiches zur Coen’schen Schuss-Gegenschuss-Montage. Sehenswert!

Swiss Army Man

© Capelight (Koch Media)

© Capelight (Koch Media)

Es ist ein friedlicher Tag auf der winzigen Insel mitten im Meer. Der Ausreißer Hank steht leise summend auf einer Kiste, den Hals in der Schlinge. Das Leid und die Einsamkeit sollen endlich ein Ende haben, sein Beschluss steht fest. Plötzlich erblickt er einen jungen Mann in den Wellen, der Körper wird an Land gespült – endlich Gesellschaft? Gerade als er zur Hilfe eilen möchte, kippt die Kiste, Hank baumelt am Strick. Glücklicherweise hat Hank kein Händchen bei der Seilwahl – und auch sonst liegt bei dem jungen Mann so Einiges im Argen.

Was folgt, könnte gleichwohl letzter Gehirnblitz vor dem Tod, Traum oder Trip sein. Swiss Army Man präsentiert sich als Sammelsurium von Seltsamkeiten, so lächerlich, so eigenartig, dass es sich unmöglich um unsere echte Welt handeln kann. Und doch überrascht der Film im nächsten Moment mit Problemen, wie sie realer und alltäglicher nicht sein könnten: enttäuschte Liebe, schwierige Verhältnisse zu den Eltern, Einsamkeit, Selbstzweifel. Geschickt wechseln die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Dan Kwan und Daniel Schreinert zwischen totaler Absurdität und damit verbundener Komik und tieftraurigen Momenten. Ein toter Junge am Strand – traurig. Ein toter Junge am Strand, der plötzlich furzt und gar nicht mehr aufhört – komisch. Den furzenden Leichnam als Jetski verwenden – zum Schreien komisch.

© Capelight (Koch Media)

© Capelight (Koch Media)

Als die Leiche zu sprechen beginnt und sich als Manny vorstellt, kommt Swiss Army Man auf beiden Ebenen so richtig in Fahrt. Der nun alles andere als stumme Manny löchert Hank mit Fragen über das Leben, die Menschheit und auch über Persönliches und nimmt den Zuschauer gedanklich mit auf die Reise nach dem Warum. Dem naiven (weil quasi gerade erst geborenen) Manny ist nichts zu peinlich, nichts zu seltsam und nichts heilig – das ist überaus erfrischend und bietet eine hervorragende Basis, menschliches Verhalten zu hinterfragen. Sein kindliches Staunen reißt den Zuschauer und auch Hank mit, der beginnt, mithilfe von Müll und Pflanzen allerlei alltägliche Gegenstände nachzubauen, um sie seinem toten Kumpel näherzubringen. Schon bald tummeln sie sich im liebevoll nachgebildeten Bus oder im Café – Swiss Army Man ist eine Liebeserklärung an das Alltägliche und eine Aufforderung, sich der Wunder des Alltags wieder bewusst zu werden.

Vor allem Daniel Radcliffe vollbringt in seiner Rolle als kaum bewegliche Leiche körperliche und mimische Höchstleistungen, die man im Kino so noch nicht gesehen hat. Paul Dano liefert ebenfalls eine hervorragende Performance ab, aber da seine Rolle nicht so außergewöhnliche Anforderungen hat, bleibt er ein kleines bisschen hinter Radcliffe zurück. Als Duo harmonieren die beiden sehr gut, geradezu bewunderswert sind die fehlenden Berührungsängste zwischen den Schauspielern. Das Schauspiel geht so locker und unverkrampft über die Bühne, dass der Zuschauer den Spaß an den Dreharbeiten deutlich zu spüren vermag.

Neben der interessanten und spannenden Geschichte, die sich im Grunde mit nicht weniger als dem Kampf ums nackte Überleben zufrieden gibt, überzeugt Swiss Army Man vor allem mit einem abgefeuerten Ideenfeuerwerk, das seinesgleichen sucht. Seien es die phantasievollen Basteleien oder die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von menschlichen Körpern, die Kreativität der Macher quillt aus allen Ritzen. Neben den mannigfaltigen Kameraeinstellungen und interessanten Kompositionen, die den Film optisch zu einem Erlebnis machen, ist vor allem die Tonebene interessant. Als Soundtrack gibt es in passender Selfmade-Manier Dadadas und Dupdupdups vor allem von Paul Dano, aber auch von Daniel Radcliffe zu hören. Das passt nicht nur perfekt zum Gesamtkonzept, sondern verleiht Swiss Army Man ein ganz eigenes und individuelles Flair.

Insgesamt ist Swiss Army Man ein absolut sehens- und hörenswerter Film, der mit viel Liebe zum Detail, einer interessanten Geschichte um eine höchst eigenartige Freundschaft und grandiosen Darstellern aufwartet. Skurrile Ideen und emotionale Einschübe greifen geschmeidig ineinander über und bieten einen bisher unbekannten Filmgenuss.

Bewertung: 10/10

Sezierte Berühmtheiten: Nychos IKON

Nychos_Dissection-of-YodaZerteilte Berühmtheiten: Nychos IKON

Die Motive des österreichischen Street Artists Nychos zieren Wände auf der ganzen Welt. In einer New Yorker Kunstgalerie stellt er momentan sehr coole Bilder vor, auf denen bekannte Ikonen (nicht nur aus Film und Fernsehen) künstlerisch seziert werden. Überraschenderweise stecken sogar in Yoda und Mickey nur Adern und Knochen, ich hätte ja eher mit grünem bzw. schwarzem Glibber gerechnet. Auf alle Fälle sind die Bilder ziemlich heißer Scheiß für jeden Filmfan, der mit dem nötigen Kleingeld sicherlich erstanden werden kann.

Nychos_Translucent-Mickey

Nychos_Marshmallow-Meltdown

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Nychos_Dissection-of-Marilyn

Nychos_Dissection-of-Heman

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Nychos_Dissection-of-Darth-Vader

Nychos_Dissection-of-Batman

Nychos_Dissection-of-a-Stormtrooper

Nychos_Arnie-Meltdown

via geek-art

 

London Has Fallen

© Universum/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

© Universum/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Der Klappentext der DVD zu London Has Fallen fängt folgendermaßen an: „Nach dem überraschendem (sic) Tod“. Auch wenn die Filmemacher nichts mit der Gestaltung des DVD-Covers, der deutschen Version zumal, zu tun haben und es somit inkommensurabel ist, steht diese Nachlässigkeit symptomatisch für den Film.

Der plötzliche verstorbene britische Premierminister erhält ein Staatsbegräbnis, dem sämtliche wichtige Regierungschefs der westlichen Welt beiwohnen sollen, darunter natürlich auch US-Präsident Benjamin Asher (Aaron Eckhart). Das alles, inklusive Ermordung des Premiers, war allerdings nur ein ausgeklügelter Plan eines pakistanischen Waffenhändlers, als Rache für einen früheren Drohnenangriff auf eine pakistanische Hochzeit. Nebenbei hat er noch den britischen Geheimdienst unterwandert, sodass etliche Terroristen problemlos an Polizei- oder Hofgardistenuniformen gelangen und selbstverständlich ist es auch ein Leichtes, einen londonweiten Stromausfall zu evozieren. Trotzdem gelingt es Asher und seinem Bodyguard Mike Banning (Gerard Butler), sich durch die Stadt zu kämpfen und den Anschlägen zu entkommen. Alles nimmt seinen Verlauf ohne Überraschungen und wird dem Zuschauer achtlos vor die Füße geworfen. Alles wirkt, als wolle man es möglichst schnell hinter sich bringen, als wäre keine Zeit dafür da, dass jemand noch mal zur Kontrolle drüberschaut.

London Has Fallen reiht sich in die Parade der „Sequels, die eigentlich ein schlechtes Remake des ersten Teils sind“-Filme ein. Der Vorgänger Olympus Has Fallen – Die Welt in Gefahr erschien 2013, drei Monate später gefolgt von White House Down, ein Film mit sehr ähnlicher Thematik, der aber marginal besser war. Darüber hinaus besaß er den Anstand, keinen Nachfolger hervorzurufen. Dass zwei thematisch ähnliche Filme zur ungefähr gleichen Zeit erscheinen, ist selten, kommt aber durchaus vor: Super – Shut Up, Crime! und Kick-Ass, Freundschaft plus und Freunde mit gewissen Vorzügen, oder aber auch hierzulande Dietrich Brüggemanns Heil, der sich haltlosen Plagiatsvorwürfen von irgendwelchen Independent-Filmern ausgesetzt sah.

© Universum/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

© Universum/Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH

Zugutehalten muss man dem Film, dass er kurzweilig ist. Der Plot, so man denn von einem sprechen kann, ist derartig dürftig, dass man sich von den Explosionen und Verfolgungsjagden mitreißen lassen kann, ohne dem Ganzen eine gesteigerte Aufmerksamkeit schenken zu müssen. Auch die Spezialeffekte sehen irgendwie etwas besser aus als im ersten Teil, bei niedrigerem Budget.

Wer Olympus Has Fallen mochte, dem mag eine Empfehlung angesprochen werden, aber selbst Actionfans können getrost zu einem anderen Titel greifen, da nichts von dem was in London Has Fallen gezeigt wird, wirklich im Gedächtnis bleibt und in anderen Filmen visuell eindrucksvoller und für den Plot relevanter inszeniert wurde. Es bleibt zu hoffen, dass wir in den nächsten Jahren nicht noch ein paar Sequels bekommen, wie etwa Paris Has Fallen, Rome Has Fallen, Buxtehude Has Fallen.

Bewertung: 4/10

The Shallows

© Sony Pictures Releasing GmbH

© Sony Pictures Releasing GmbH

Wenn man bedenkt, dass sich vor 41 Jahren der größte Sommer-Blockbuster um einen Hai drehte, der eine Strandpromenade terrorisierte und heute immer noch zurecht als einer der besten Filme aller Zeiten angesehen wird, hat sich seitdem einiges geändert. Blockbuster konkurrieren sich mit frappierenden Drehbuchschwächen überwiegend in ihrer Tricktechnik, während sich Haie in Billigproduktionen herumtümmeln, mal gekreuzt mit anderen blutrünstigen Tieren, mal durch Tornados den Menschen entgegen geschleudert. Der Box-Office-Erfolg des diesjährigen Survival-Thriller The Shallows von Regisseur und Liam-Neeson-Fan (Unknown Identity, Non-Stop, Run All Night) Jaume Collet-Serra zeigt eine erfreuliche Richtung in dieser bedauerlichen Entwicklung des Summer-Blockbusters. Mit verhältnismäßig wenigen Mitteln holt Collet-Serra das Maximale aus dem intimen Setting eines bedingungslosen Überlebenskampfes einer Frau gegen einen weißen Hai heraus und lehrt den Zuschauer nach so langer Zeit lächerlichen Tierhorrors: Haie sind verdammt furchteinflößend!

© Sony Pictures Releasing GmbH

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The Shallows eifert dem Vorbild von Spielbergs Meisterwerk Der weiße Hai nach und lässt den Hai lange unsichtbar als lauernde Gefahr spürbar werden. Beim Altmeister hatte das auch einen Kostengrund, der den Film aber gerade so grandios macht, sei es durch bedrohliche Musik oder Point-of-View-Einstellungen des Hais. Collet-Serra nutzt ähnliche Tricks des Spannungsaufbaus, auch in Szenen, in denen der Hai noch eine unbekannte Gefahr darstellt. Man kann ihm zwar vorwerfen, dass er sich einen Tick zu lange mit der Expostion um Hauptcharakter Nancy (Blake Lively) und ihre Beweggründe beschäftigt und warum sie genau an diesem versteckten Strand surfen will. Auch lassen sich die ersten Szenen im Wasser als ausladender Surf-Porn mit übertriebenen Slo-Mo-Effekten bezeichnen. Wenn sich jedoch die Situation für Nancy zuspitzt mit verletztem Fuß auf einem Walkadaver, wird die Spannungsschraube von Collet-Serra ins kaum Aushaltbare gedreht. „Nur“ 200 Meter vom Ufer entfernt startet ein Adrenalin-hochjagender Kampf gegen die Natur, die sich klar auf der Seite des Weißen Hais befindet. Dabei ist die die Kameraarbeit besonders hervorzuheben, werden die klassischen, durch Der weiße Hai perfektionierten Gimmicks des Hai-Horrors durch Einstellungen in der Vogelperspektive durchkreuzt, die einerseits einen willkommenen Überblick verschaffen, gleichzeitig aber die existenzielle Not Nancys so nah und doch so fern vom Ufer spürbar macht. Die Kamera selbst bleibt dauernd in Bewegung und macht die gezwungene Verharrung Nancys auf den verschiedenen Stationen im Wasser noch unangenehmer für den Zuschauer.

© Sony Pictures Releasing GmbH

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Trotz einer intensiven und klug gewählten Inszenierung steht und fällt die Spannung und somit auch The Shallows mit der Hauptdarstellerin Blake Lively, die den Film mit Ausnahme von oftmals namenlosen Minirollen fast auschließlich alleine bewältigt — die größte Nebenrolle hat eine Möwe zu verbuchen. Ihre Qualitäten als Schauspielerin in größeren Prestigeprojekten wie beispielsweise Oliver Stones Savages oder dem letztjährigen The Age of Adaline ließen schon einige Male zu wünschen übrig, doch in der Rolle von Nancy geht sie voll auf. Sie bringt den absoluten Überlebenswillen ihres einfallsreichen, scharfsinnigen und tapferen Charakters glänzend für eine emotionale Investition rüber und auch das Drehbuch gibt ihre Charakterstärken nie für eine dumme Entscheidung auf, um für einen billigen Spannungseffekt zu sorgen. Auch Nancy macht Fehler, diese halten sich aber in einem nur menschlichen Bereich, sie bleibt weitaus klüger als die meisten von uns in einer solchen Situation.

Fazit: Mit The Shallows ist Regisseur Jaume Collet-Serra ein toll inszenierter kleiner Schocker mit einer großartigen Hauptdarstellerin gelungen, der den Zuschauer zwar kaum still sitzen sondern eher schwitzen lässt, aber ein geradezu wohltuende Alternative im seelenlosen Effektgewitter der diesjährigen Sommer-Blockbuster darstellt.

Bewertung: 8/10

Marias und Christians Kinoprognose: August 2016

Ab jetzt wieder an jedem Monatsanfang – die Kinoprognose mit Christian von moviroyal. Wir widmen uns monatlich den aktuellen Kinostarts, geben euch Tipps und Prognosen zu (nach persönlichem Interesse) ausgewählten Filmen. Hier kommen die Empfehlungen und Warnungen für den August.

diefilmguckerin:

© Sony Pictures Releasing GmbH

© Sony Pictures Releasing GmbH

Ghostbusters (Start: 04.08.2016 R: Paul Feig D:Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Leslie Jones)

Story: Überraschenderweise ist nicht viel zur Story bekannt, bzw. geben sich alle gängigen Plattformen mit einer Inhaltsangabe à la „der gleiche Inhalt wie beim ersten Ghostbusters Film“ zufrieden. Das wäre dann wohl: drei Frauen mit Faible für Übersinnliches kommen zusammen, bauen sich Strahlenkanonen und ein Haupquartier zur Geisterjagd und heuern alsbald ein weiteres Teammitglied an. Dr. Venkman verknallt sich in einen heißen Kunden (Dan) und stalkt ihn ein wenig, um ihn letztendlich auf dem Dach eines Hochhauses aus den Klauen eines allmächtigen Gottes zu befreien. Eine überlebensgroße Marshmellowfrau taucht auf, wird besiegt, am Ende küssen sich Dr. Venkman und Dan – Happy End.

Prognose: Prognosen zur (Un)Lustigkeit des Films aufgrund des weiblichen Casts gibt es wohl wie Sand am Meer. Mich würde interessieren, ob die Geschichte wirklich komplett aus dem ersten Teil übernommen wurde oder ob sich jemand vielleicht doch etwas Neues hat einfallen lassen. Auf jeden Fall ist der Film ein perfektes Beispiel für die Remixing- und Intertextualitätswelle, die seit geraumer Zeit durch die Kinos fegt und schon allein deshalb spannendes Futter für Filminteressierte. Ich schau mir das Teil auf jeden Fall an. Und meine Kindheit wird es überleben.

© Warner Bros. Pictures Germany

© Warner Bros. Pictures Germany

Lights Out (Start: 04.08.2016 R: David F. Sandberg D:Teresa Palmer, Gabriel Bateman, Alexander DiPersia)

Story: Rebecca hatte als Kind (wie wohl jeder Mensch von Zeit zu Zeit) Angst im Dunkeln und konnte Einbildung und Realität scheinbar nicht auseinanderhalten. Als Erwachsene glaubt sie, diese Angst überwunden zu haben – bis ihr kleiner Bruder plötzlich die gleichen Wesen in der Dunkelheit zu entdecken glaubt. Zusammen mit ihrem Freund Bret versucht Rebecca das Rätsel um die unheimliche Frau im Dunkeln zu lösen.

Prognose: Lights out basiert auf einem Kurzfilm des Filmschaffenden David F Sandberg und wurde nun als Langspielfilm inszeniert – alle seine wunderbaren Kurzfilme, die immer interessante Ideen verarbeiten, sind übrigens auf Vimeo zu sehen: eine unbedingte Empfehlung. Ob sich das Konzept über einen ganzen Film strecken lässt, wird sich zeigen. Der Trailer macht aber einen sehr guten Eindruck und lässt auf einen interessanten und wirklich gruseligen Horrorfilm hoffen, der Fans des Genres den Sommer versüßen wird.

© Bleecker Street Media

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Captain Fantastic (Start: 18.08.2016 R: Matt Ross D:Viggo Mortensen, Frank Langella, Steve Zahn)

Story: Ben lebt seit Jahren im Wald, seine sechs Kinder haben diesen Ort kaum je verlassen. Als die Mutter der Kinder stirbt, fährt Ben mit Sack und Pack zurück in die Zivilisation, um an der Beerdigung teilzunehmen. Während sich die Kinder noch in der unbekannten Umwelt zurechtfinden müssen, wird Ben mit harscher Kritik an seinen Erziehnungsmethoden konfrontiert.

Prognose: Dass Viggo Mortensen in der Wildnis überleben kann und dabei immer Super-Dad bleibt, hat er bereits eindrucksvoll in The Road bewiesen. Der Trailer zu Captain Fantastic lässt auf einen ebenfalls wunderbar gespielten Film hoffen, der, mit einer interessanten und spannungsreichen Exposition ausgestattet, im Stil von Little Miss Sunshine die Herzen des Publikums höher schlagen lassen könnte. Wenn nicht allzu wild mit der Belehrungskeule herumgefuchtelt wird, steht einem angenehmen Filmerlebnis nichts mehr im Weg.

Christian von moviroyal:

© Warner Bros. Pictures Germany

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Suicide Squad (Start: 18.08.2016 R: David Ayer D: Will Smith, Jared Leto, Margot Robbie, Viola Davis, Cara Delevingne)

Story: Der Suicid Squad ist eine Gruppe von Schurken, die von der amerikanischen Regierung rekrutiert wurde, um gefährliche Missionen zu erfüllen. Die Umsetzung der in Europa noch nicht so bekannten DC-Comic Vorlagen lässt den Zuschauer u.a. auf so illustre Figuren wie den Joker, Harley Quinn oder Deadshot treffen. Doch werden die Antihelden am Ende an einem gemeinsamen Strang ziehen im Kampf gegen eine noch üblere Supermacht?

Prognose: Seit Anfang Februar lief der Trailer in zig Variationen zu meinem meisterwarteten Film 2016 vor jedem Besuch im Kino auf der Leinwand. Ich will diesen Film einfach nur noch sehen. Endlich. Ich halte es wirklich nicht mehr aus. Zeigt ihn mir bitte! Und doch habe ich auch Angst um meinen Squad. Denn im Frühjahr hat DC bereits mit Batman V Superman bewiesen wie man eine faszinierende Idee so richtig gegen die Wand fahren kann. Im Zweifel soll Harley Quinn einfach allen Beteiligten mit ihrer Baseballkeule Manieren lehren und ihren eigenen Film auf die Beine stellen…

© Paramount Pictures Germany

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Teenage Mutant Ninja Turtles 2: Out Of The Shadows (Start: 11.08.2016 R: Dave Green D: Megan Fox, Stephen Amell, Will Arnett, Laura Linney)

Story: Nach der Flucht des Superschurken Shredder, verbündet sich dieser mit dem verrückten Wissenschaftler Baxter Stockman und dessen Handlangern Bebop and Rocksteady. Gemeinsam schmieden sie einen finsteren Plan um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Nur noch unsere geliebten Turtles können die Umsetzung verhindern. Doch dann treffen unsere grünen Pizzaliebhaber auf Krang, eine noch viel größeren Bedrohung.

Prognose: Zugegeben der erste Film des Turtles-Reboots hat mir zwar gefallen, aber ein Überflieger war es definitiv nicht. Der zweite Teil, der bereits seit Wochen in den USA in den Kinos läuft, hat ziemlich miese Kritiken bekommen. Auch die Trailer generierten nicht grade Vorfreude. Aber ich mag die Turtles in allen Formen und Umsetzungen und so werde ich natürlich auch bei Out Of The Shadows einer der ersten Besucher im Kino sein.

© Paramount Pictures Germany

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The Shallows (Start: 25.08.2016 R: Jaume Collet-Serra D: Blake Lively)

Story: Eine verletzte Surferin strandet auf einer abgelegenen Boje auf dem Meer. Ihre Verletzung ist so schlimm, dass sie eigentlich sofort zurück zur Küste müsste, doch ein riesiger, gefährlicher Hai hat da ein paar ganz eigene Ideen…

Prognose: Wenn der spanische Regisseur Jaume Collet-Serra eines kann, dann Spannung. Dieses Talent hat er bei Regiearbeiten in diversen Liam Neeson Filmen (u.a. Non Stop und Unknown), aber auch im Horrorbereich (Orphan) schon verdeutlicht und so könnte ein so ausgelutschtes Thema wie eine Haiattacke unter dieser Prämisse in einem völlig neuen Licht erscheinen. Ich erwarte keinen Klassiker, aber spannenden, nervenzerreißenden Thrill. Dass der Film in den USA jetzt schon als Box-Office Überraschung des Jahres gilt, lässt mich hoffen und wenn sich der Film qualitativ irgendwo zwischen Jaws und Open Water einordnet, wäre ich schon zufrieden.

Die letzte Sau

© Neue Visionen

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Der schwäbische Kleinbauer Huber ist ein Pechvogel wie er im (Dreh)Buche steht. Bett, Schaufel und Schubkarre brechen auseinander, in der Dusche gibt es kein warmes Wasser, Geld für eine anscheinend dringend benötigte Zahnbehandlung ist nicht da und weil das alles noch nicht reicht, wird sein Haus von einem Meteoriten eingerissen. Da er nichts mehr zu verlieren hat, schnappt er sich das titelgebende Tier von seinem Hof und schwingt sich mit seinem Gewehr auf sein Moped, um planlos in die Welt hinaus zu fahren. (Das Zahnproblem spielt übrigens nie wieder eine Rolle. Vielleicht ist es von den Machern vergessen worden, nachdem es für die überzeichnete Charakterisierung eingeführt wurde.)

© Neue Visionen

© Neue Visionen

Die letzte Sau ist ein Roadmovie. Aber auch ein Heimatfilm. Ein Dialektfilm. Und nicht zuletzt auch eine Art Musikfilm.
Es ist in solchen Filmen ein beliebter Kniff, mit der Sprache zu spielen, die Diskrepanz zwischen Hochdeutsch und Dialekten herauszustellen und Missverständnisse drauf aufzubauen. Gelingen will das hier allerdings nicht. Es ist schon unglaubwürdig genug, dass der Bankberater das „Händ nuff“ eines Bankräubers nicht versteht, aber wenn jeder andere in der Bank die Hände hoch nimmt, dann wirkt es fast schon lächerlich, dass der Banker nochmals nachfragt, was denn gemeint sei (und Hubers Antwort „die Händ nuff“ dann plötzlich doch versteht). Ganz abgesehen davon, dass das Händeheben mit Ausnahme einer Schockstarre die natürlichste Reaktion darauf ist, wenn jemand ein Gewehr auf einen richtet, insbesondere bei einem Banküberfall.

Keiner der Darsteller, die aus der Perspektive des Films einen der „Bösen“ spielen, liefert eine überzeugende Performance ab, während die „Guten“ allesamt glaubhaft verkörpert werden. Ob das so gewollt oder Zufall ist, lässt sich nicht sagen. Dem Film ist damit jedenfalls nicht geholfen. Herbert Knaups Stimme aus dem Off ist wunderbar, er hält aber über weite Teile des Films die Gosch, wie er sich in seiner Rolle wohl selbst ausdrücken würde. Es ist fraglich, ob ein Voice-Over-Erzähler 2016 wirklich noch sein muss, insbesondere wenn er ein wenig willkürlich eingesetzt scheint und der Film fast genau so gut ohne funktionieren würde. Auch die diversen Musikeinlagen, in denen meist ein einzelner Charakter vor sich hin singt, tragen sehr wenig zum Film bei und hätten überwiegend weggelassen werden können. Weder bringen sie die Story voran noch haben sie einen besonders großen Unterhaltungswert.

© Neue Visionen

© Neue Visionen

Die letzte Sau spricht viele Themen an, die durchaus einer kritischen Hinterfragung bedürfen (Massentierhaltung, Bankkredite, Privatisierung der Natur, Einsatz von Pestiziden), ohne den Zeigefinger allzu sehr zu erheben. In Kombination mit der oben angesprochenen Verteilung des Schauspieltalents kommt man aber nicht umhin, sich hier und da doch moralinsauer belehrt zu fühlen. Abgesehen davon wird dem Zuschauer generell die Möglichkeit gegeben, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Am Ende steht Huber, (auch optisch) dem Messias gleich, in einer besseren Welt. Er hat still und leise, zumindest in der Filmrealität, wirklich einiges bewegt, und ohne sein Wissen zahlreiche Menschen inspiriert, eine Art Revolution zu starten und die Missstände zu beheben.

Im Abspann werden folgende Positionen aufgelistet: „Redaktion (ZDF / Das kleine Fernsehspiel)“, „Redaktion (arte)“ sowie „Produktionsleitung ZDF“. Tatsächlich handelt es sich bei Die letzte Sau um einen weiteren deutschen Film, der auf die große Leinwand geworfen wird, im Fernsehen aber wesentlich besser aufgehoben wäre. Momentan geistert erneut die immer mal wieder aufkommende Debatte, wieso der deutsche Film im internationalen Vergleich derart hinterher hinkt, durch die einschlägigen Medien. Meiner Meinung nach ist genau dieses gängige Verfahren einer der Hauptgründe dafür: Dass man auf Gedeih und Verderb Fernsehproduktionen ins Kino bringt.

Eine Warnung zum Schluss: Der Film ist teilweise sehr graphisch und zeigt die Kastration eines Ferkels sowie die Schlachtung eines Schweins. Das Ganze wirkt so echt, dass es das wahrscheinlich auch ist. Wenn nicht, ist es verdammt gut inszeniert.

Bewertung: 4/10